Mit seinen 106000 Doppelversen die längste Dichtung der Welt (sagt Hardenbergs "Buch der 1000 Bücher") hat das Mahabharata seine heutige Form irgendwann zwischen 400 vor und 400 nach Christus bekommen. Aber schon vorher wurde es mündlich überliefert.
Die Haupthandlung erzählt von dem Konflikt zwischen den Kauravas und den Pandavas, die sich um die Herrschaft in Kuru streiten. Der Konflikt endet in der Schlacht von Kurukshetra. In diese Geschichte eingeflochten finden sich viele philosophische, religiöse und moralische Exkurse und eine Unzahl an Nebenhandlungen, und so wird es wirklich laaang (irgendwo habe ich gelesen, dass es 4 mal so lang wie die Bibel ist.) Laut Einleitung meiner Ausgabe umfasst eine englische Übersetzung über 5000 Seiten. Diese 5000+ Seiten habe ich allerdings nicht gelesen, sondern mich mit der unten verlinkten Ausgabe, einer Nacherzählung von
William Buck begnügt. Bucks Ziel war es, das Epos westlichen Lesern in gut les- und genießbarem Englisch nahezubringen. Zu diesem Zweck hat er das Epos auf weniger als 10%, nämlich 400 Seiten reduziert, die meisten Nebenhandlungen und philosophischen Abhandlungen gestrichen, und sich auf die Haupthandlung konzentriert. Darin folgt er vielen anderen Bearbeitern, deren Werk teils länger, teils auch kürzer als Bucks Version sind.
Mein erster Eindruck des Werkes war Entsetzen. Eine Unzahl an Namen, alle sehr fremd und unbehaltbar, die ständig von neuen Namen abgewechselt wurden, wenn nämlich alle paar Seiten eine neue Generation das Licht der Welt erblickte. Erschwert wurde der Überblick dadurch, dass bei der Zeugung so gut wie aller Personen Götter oder übernatürliche Kräfte im Spiel waren.
Dies gilt selbstverständlich auch für die Pandavas, 5 Brüder, die die Hauptpersonen des Buches sind. Den Namen "Pandavas" tragen sie, so wurde mir schließlich klar, weil sie die Söhne des zu Gunsten seines älteren (aber blinden) Bruders Dhritarashtra abdikierten Königs Pandu sind. Sozusagen seine Söhne. Irgendwie...
Das war nämlich so: Pandu war, damals noch König, jagen und erlegte mit einem Pfeilschuss einen Hirsch und seine Hirschkuh, die sich gerade am Paaren waren. Der Hirsch machte Pandu Vorhaltungen über die Tat, Pandu stellte sich verständnislos und meinte seinerseits, ihm als König sei die Jagd auf Hirsche doch erlaubt. Nein, nein, antwortete der Hirsch, darum ginge es doch gar nicht, sondern um den Zeitpunkt. Ihn und seine geliebte Hirschkuh im Liebesspiel zu töten verlange nach Strafe. Bei seinem nächsten Liebesakt würde also Pandu sterben. Was macht ein kinderloser König, der also bei der Zeugung seines Kindes draufgehen wird? Er überlässt das Königreich seinem Bruder, zieht sich mit Frau und Nebenfrau in eine Eremitenklause zurück, und lebt dort streng enthaltsam. Seine Frau aber, die unbedingt Kinder haben will, hatte in ihrer Jugend zum Glück von einem Weisen einen Zauberspruch gelernt, mit dem sie jeden beliebigen Gott herbeibeschwören, sich des Nachts mit ihm vergnügen und am nächsten Tag dessen Sohn gebären kann. Dies macht sie auch mehrmals, verrät auch der Nebenfrau den Zauberspruch, und so kommt Pandu schließlich doch noch zu seinen Söhnen.
Dies schildere ich so ausführlich, um euch einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es in dem Epos zugeht. Menschen, Götter und andere übernatürliche Wesen stehen in engem Kontakt zueinander, Zaubersprüche sind ebenso wie Waffen mit Zauberkräften alltäglich.
Auf der anderen Seite sind die Menschen (und die Götter) aber auch sehr menschlich. Selbst die Helden haben ganz unheldenhafte Gefühle, so verfällt der Sieger der großen Schlacht zum Beispiel in eine Depression, als er über Sinn und Zweck und Ergebnis des Gemetzels nachdenkt. Denn es war ein Gemetzel sondergleichen. Selten habe ich eine so eindringliche, bedrückende Beschreibung eines Schlachtfeldes nach der Schlacht gelesen wie hier. Mögen die Gegner auch mit Zauberwaffen getötet werden, tot sind sie hinterher, in Stücken finden die Frauen hinterher ihre Ehemänner, Brüder oder Söhne wieder.
Hinter allen Übertreibungen und magischen Ereignissen zeigt sich immer wieder, was es bedeutet Mensch zu sein, und das macht dieses Werk über die Jahrtausende und die kulturelle Kluft hinweg zu einer immer noch aktuellen Lektüre.
William Buck ist es wirklich gelungen, mir das Mahabharata durch seine Bearbeitung nahezubringen. Sein Appetithäppchen hat mich auf den Geschmack gebracht, und so suche ich zur Zeit nach einer umfassenderen Ausgabe des Epos.
Ich vergebe begeisterte
