Sven Regener – Neue Vahr SüdNachdem ich „Herr Lehmann“ sowohl als Roman wie auch als Film sehr köstlich fand musste früher oder später auch „Neue Vahr Süd“ her. Als mein Osterwichtelbuch hat es dann endlich den Weg zu mir gefunden.
„Neue Vahr Süd“ ist ein echter Schinken, den ich über einige Zeit verteilt lesen musste, was mir aber ausnahmsweise rein gar nichts ausgemacht hat. Nach jeder Unterbrechung ist man gleich wieder mitten im Geschehen.
Aus Frank Lehmanns Sich wird hier eine Zeit geschildert, in der er irgendwie beiläufig in die Bundeswehr gerät, da er dummerweise vergessen hat, zu verweigern. Gleich am ersten Wochenende seiner Bundeswehrzeit wird er dann auch noch von seinen Eltern rausgeekelt und landet durch die ihm immer wieder passierenden Zufälle in der zerlottertsten WG Bremens. Ständig ziehen neue Mitbewohner ein, jeder versucht jeden aus der Wohnung zu schmeißen, alle Renovierungsversuche scheitern und ganz allgemein entflammt einfach ein Krieg zwischen den Punkbewohnern und Kate Bush-Anhänger Martin. Lehmann steht wie immer etwas ratlos daneben, mit der ihm eigenen Gelassenheit meistert er aber sowohl Bund als auch die WG. Dass allerdings die Frauenwelt ihn auch noch verwirrt, ist dann wieder eine ganz andere Sache…
Franks wunderbare Persönlichkeit steht auch hier wieder völlig im Mittelpunkt und man muss ihn einfach lieben. Er kommt aus jeder Situation durch seine wirren Redekünste irgendwie wieder raus, ist zuweilen etwas stoisch und nicht durch viele Anlässe aus der Ruhe zu bringen. Alles um ihn herum ist stets etwas schmuddelig und unkonventionell, aber er schlägt sich immer durch.
Die manchmal irrwitzigen Dialoge waren das für mich Amüsanteste des Romans, es ist einfach schön, diese sinnfreien Diskussionen, die man selbst so oder so ähnlich schon mal geführt hat, niedergeschrieben zu sehen. Schön ausgelegt waren dann auch die Figuren um Frank.
So plätschert der Roman lange Zeit vor sich hin, vielleicht braucht er das auch zur Entfaltung. Einen halben Punkt Abzug gibt es trotzdem, denn manchmal gab es einfach Längen, die so nicht hätten sein müssen. Auf den letzten 150 Seiten verdichten sich dann aber die Ereignisse und es werden durchaus ernstere, aber nie pathetische Töne angeschlagen, die für mich dem ganzen Roman das I-Tüpfelchen aufgesetzt haben. Ohne die Probleme gegen Ende und den fulminanten Abschluss durch eine Demo im Weserstadion wäre der Roman leicht Gefahr gelaufen, zum Klamauk zu verkommen, so aber wurde er schön abgerundet und hat noch einmal eine besondere Note bekommen.
Auch die kleinen, aber feinen Ausblicke auf „Herr Lehmann“ sind gelungen:
„Als Frank wieder zum Schaufenster hinausschaute, war Martin Klapp verschwunden, und für einen Moment lang glaubte er sich vorstellen zu können, dass das alles einmal hinter ihm liegen könnte, das Restaurant, die Bundeswehr, Sibille, das Gesicht von Martin Klapp, der Regen, der Sturm, die Vereidigung und die Grillplatte Balkan. Das muss alles weg, dachte er. Das muss alles in die Vergangenheit.“Wie gesagt nur ein halber Punkt Abzug, sonst hat mir „Neue Vahr Süd“ großen Spaß gemacht.

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