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Autor Thema: "Begriff"-stutzig  (Gelesen 784 mal)

dumbler

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"Begriff"-stutzig
« am: 07. Juni 2006, 20:08:46 »

Hallo zusammen!

Seit dieser Woche erprobe ich mich an einem Erzählungsmarathon. Geschichten, die zwischen 3 und ca 100 Seiten lang sind. Nun frage ich mich gerade, ab wann eine Erzählung als Novelle bezeichnet wird, wann als Kurzgeschichte, als Erzählung, ab wann ist von Prosa die Rede, von einem Essay, ...?
Bspsweise wird im Encarta Boccaccios "Decamerone" als Prosa bezeichnet, während an anderen Stellen von einer Novellensammlung die Rede ist.
Gibt es spezielle Kriterien, an denen man deren Gattung ausmachen kann?

Falls es diesen Thread bereits gibt, möge man mir verzeihen.

dumbler
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HoldenCaulfield

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"Begriff"-stutzig
« Antwort #1 am: 07. Juni 2006, 21:01:38 »

Mit Prosa ist einfach jeder Text gemeint der nicht in Reim oder Versform geschrieben ist.
Eine Kurzgeschichte kann folgende Merkmale haben:
Geringer Umfang
Keine Einleitung (bzw. sehr kurze Einleitung)d.h. keine Exposition
Überraschender Einstieg
Offener Schluss oder eine Pointe
Konfliktreiche Situation
Ein oder zwei Hauptpersonen stehen im Mittelpunkt (es gibt jedoch auch Kurzgeschichten mit deutlich mehr Hauptpersonen)
Ein entscheidender Einschnitt aus dem Leben der handelnden Person wird erzählt
Chronologisches Erzählen
Einsträngige Handlung
Wenig Handlung
Metaphern und Leitmotive weisen den Leser auf wichtige Gesichtspunkte der Geschichte hin
Der Höhepunkt/Wendepunkt ereignet sich am Ende der Geschichte
Themen sind Probleme der Zeit
Die Figuren sind Menschen, die nicht herausragen (Vgl. Alltagsmenschen)sie sind keine Helden
Es müssen noch Fragen übrig bleiben(offenes Ende)Der Leser muss zwischen den Zeilen denken
(Quelle: Wikipdia)
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Seltsam im Nebel zu wandern.... H.Hesse

"[...] wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt, du bist verrückt" *L.Carroll*

Mein Interview mit Gail Carriger :elch:
Sonnenschirm

dumbler

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"Begriff"-stutzig
« Antwort #2 am: 09. Juni 2006, 06:48:41 »

Danke für Deine Antwort. Also kann ich jeden Text, der diese Kriterien zumindest teilweise erfüllt, als Kurzgeschichte einordnen. Novellen besitzen ebenso diese Eigenschaften - kann man also folgende Formel aufstellen: Kurzgeschichte = Erzählung = Novelle ?
Ist es demnach egal, wie es genannt wird, da diese Begriffe eh das gleiche aussagen?

Viele Grüße von dumbler
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sandhofer

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Jein
« Antwort #3 am: 09. Juni 2006, 07:46:00 »

Hallo!

Zitat von: dumbler
kann man also folgende Formel aufstellen: Kurzgeschichte = Erzählung = Novelle ?
Ist es demnach egal, wie es genannt wird, da diese Begriffe eh das gleiche aussagen?

Jein.

"Kurzgeschichte" und Novelle" werden heute gerne in eins gesetzt. Eigentlich ist "Kurzgeschichte" m.W. eine anglo-amerikanische Erfindung, unter dem Namen "Short Story". Wie der Name schon sagt, ist da die Länge der zentrale Punkt der Definition.

"Novellen" sind älter. Im deutschen Sprachraum hatten sie eine längere Tradition. Novellen können schon mal ein paar Dutzend Seiten umfassen. Haupt- und Unterscheidungsmerkmal zum Roman: wenig Personal (2 bis max. 6 Protagonisten) und der sog. "Falke" - ein Punkt, wo die Geschichte sozusagen "kippt", meist symbolisiert in einem Gegenstand.

In diesem Sinn sind Goethes Wahlverwandtschaften kein Roman sondern eine zu lang geratene Novelle. Als solche war sie ja auch ursprünglich geplant.

Grüsse

Sandhofer
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Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

Bartlebooth

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"Begriff"-stutzig
« Antwort #4 am: 09. Juni 2006, 09:01:24 »

Hallo dumbler,
Zitat von: dumbler
Also kann ich jeden Text, der diese Kriterien zumindest teilweise erfüllt, als Kurzgeschichte einordnen. Novellen besitzen ebenso diese Eigenschaften - kann man also folgende Formel aufstellen: Kurzgeschichte = Erzählung = Novelle ?
Ist es demnach egal, wie es genannt wird, da diese Begriffe eh das gleiche aussagen?

Ich habe die Kurzgeschichte mal in einem anderen Thread grob definiert:
Zitat von: Bartlebooth
Die Kurzgeschichte ist entsprechend sehr kurz (um die 10 Seiten, oft darunter), strukturiert sich um ein zentrales Ereignis, das aus heiterem Himmel in eine alltägliche Situation einbricht und den Figuren keine Chance zu einer inneren Entwicklung gibt. Sie sind konfrontiert mit diesem Ereignis und innerhalb der Geschichte keine ausdifferenzierten Charaktere, sondern eher Funktionsträger (zum Fortgang der Geschichte) oder Beobachter. Kurzgeschichten sind auf den Zeitpunkt des Ereignisses konzentriert und enden mit diesem, thematisieren also wenig die weitergehenden Entwicklungen der Handelnden. Es gibt eine Nähe zu journalistischen Kurzformen. Viele Kurzgeschichten wurden ursprünglich auch in (Tages)Zeitungen veröffentlicht.

"Erzählung" ist in der Wissenschaft und der Praxis eigentlich das Paasepartout für alles, was man nicht Roman nennen will, aber nicht in einem klarer definierten Begriff wie etwa dem der "Novelle" unterkriegt.
Die Novelle zeichnet sich durch noch etwas mehr als die Dingsymbolik des "Falken" aus, der so heißt, weil die Novelle auf das Decameron zurückgeht. In einer von Bocaccios Novellen ist das novellentypische Dingsymbol eben ein Falke.
Der ist aber unabhängig vom Wendepunkt, der in einer Novelle auch immer vorhanden ist und an dem der einzelne Handlungsstrang, der in der Novelle Thema ist, "kippt", wie sandhofer sagt.
Die Novelle stützt sich auch auf eine "unerhörte" (also: neue, deshalb "Novelle") Begebenheit, die anders als bei der Kurzgeschichte, seltener das krisenhafte Ereignis im Leben eines Individuums ist. Novellen sind also exemplarischer.
"Prosa" ist, wie HoldenCaulfield schon erklärt hat, alles, was in nicht gebundener Sprache geschrieben ist.
Und ein "Essay" ist ein feuilletonistischer Sachtext, der anders als ein wissenschaftlicher Text seinen Thesen nicht belegt, sondern sie eher hin- und herwendet, wenn du so willst, frei zu ihnen assoziiert. Darum heißt er "Essay", also "Versuch". Es ist der Versuch sich einem bestimmten Sachthema zu nähern, ohne wissenschaftliche Rigorosität einzuhalten.

Herzlich, B.
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