Hallihallo!
Gestern habe ich "In the Country of Last Things" zu Ende gelesen und war, obwohl immer noch schockiert, zutiefst befriedigt von diesem dünnen Buch. Und wieder einmal fand ich Bestätigung dafür, dass Paul Auster es verdient, einer meiner Lieblingsautoren zu sein.


Inhalt:Eine Stadt in Ruinen. Armut, Obdachlosigkeit, Diebstahl, Selbstmord überall. Und Anna Blume mittendrin. Auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder William. Doch in einer derartigen Misere jemanden zu finden scheint hoffnungslos. Anna hat alle Hände voll zu tun, selbst am Leben zu bleiben und sich den grausamen Regeln der Stadt anzupassen.
Meine Meinung:Sehr düster beginnt die Erzählung einer namenlosen Stadt, in der die - für einige Zeit auch namenlose - Heldin herumtapst auf der Suche nach ihrem Bruder. Was zuerst nur ein dunkler Fleck auf der Landkarte ist, wächst mit jeder Seite zu einem großen, bösen Etwas heran, das einem als Leser das Grauen lehrt. Eine Stadt wie nach einem Krieg, mit zerstörten Straßen, kaum funktionierenden Sanitäranlagen und Clubs für Selbstmörder.

Es dauert eine ganze Weile bis sich die Geschichte von Berichten über die Regeln der Stadt und Möglichkeiten, darin zu überleben, tatsächlich einer Handlung zuwendet. Anna Blume, unsere Heldin, ist eine dieser Überlebenden und sie ist ganz alleine. Zumindest am Anfang. Sie ist es auch, aus deren Mund der Leser ihre Geschichte hört. Sie ist es, die darüber spricht, dass Schuhe das wichtigste werden, was man an seinem Körper trägt, dass die einzige Funktion, die der Regierung geblieben ist, das nächtliche Wegschaffen von Leichen und Einsammeln von menschlichen Exkrementen ist, um damit Energie zu erzeugen.
Ihre Suche führt sich in viele Ecken und Viertel der Stadt. Sie trifft auf Menschen, die - obwohl sie Anna sowie der Leser nur kurz kennen lernt - einem oft ans Herz wachsen. Innerhalb weniger Seiten schafft Auster es, einen Charakter zu zeichnen und ihn entweder liebenswert oder verabscheuungswürdig zu machen oder (und das ist meistens der Fall) etwas nicht genauer definiertes dazwischen. Seine Charaktere sind aber allesamt lebendig und sehr, sehr menschlich. Manchmal konnte ich nicht nachvollziehen, warum Anna tut was sie tut, aber ich habe ihr bis zum Ende des Buches nur das Beste gewünscht und bin froh, sie und ihre Freunde kennen gelernt zu haben.
Obwohl ich nebenbei Orwells "1984" lese, hat mich dieses Buch zutiefst schockiert. Es ist wohl eines der depirimierendsten Bücher, die ich je gelesen habe und gleichzeitig eines der besten. Fasziniert war ich auch davon, wie sehr Auster seinen Stil ändern kann. Da schreibt einer ein Buch aus der Sicht eines Hundes ("Timbuktu") und ein anderes über einen schlaflosen Mann und dann noch eines wie dieses hier. Dystopisch, deprimierend und gleichzeitig so mitreißend, dass es einen bis in den Schlaf verfolgt.
Von mir gibt es fünf düstere Ratten:

P.S.: Jetzt weiß ich auch, dass diese Anna dieselbe ist wie die in "Reisen im Skriptorium". Sehr clever, Herr Auster.
