
Oscar Wilde - Das Gespenst von CantervilleInhalt:Der amerikanische Botschaft Otis kauft das berühmt-berüchtigte Schloß Canterville mit allem was dazugehört - auch mit dem hauseigenen Gespenst, das hier seit drei Jahrhunderten haust. Während der englische Hochadel konsterniert die Augenbraue hebt, arrangiert sich die amerikanische Familie mit dem Gespenst auf ihre Weise. Gegen Kettenquietschen hilft Aurora-Schmieröl, und das nächtliche Stöhnen und Seufzen müsste sich doch Leibestropfen schnell in den Griff bekommen lassen. Die Jungs in der Familie haben endlich ein Opfer für ihre bösen kleinen Streiche gefunden, und so ist das Gespenst nach vier Wochen am Ende seiner Kräfte, traut sich kaum noch Spuken und wird zusehends depressiv.
Einzig Virginia, die 15-jährige Tochter des Hauses, interessiert sich für die Belange des Gespenstes und erfährt so seine Geschichte; es handelt sich nämlich um Sir Simon Canterville, der vor dreihundert Jahren im Wohnzimmer vor dem Kamin seine Ehegattin ermordet hatte und deswegen zum Tod durch Verhungern verurteilt wurde. Virginia nimmt sich des Gespenstes an und findet einen Weg, dem ruhelosen Geist Frieden zu verschaffen. Ihr großes Herz, das nicht nur für Geister Platz hat, beeindruckt auch den jungen Herzog von Chesterville, der umgehend um ihre Hand anhält...
Meine Meinung:Ich hatte sehr viel Spaß an dieser kleinen Geschichte, deren Inhalt mir im wesentlichen durch die Verfilmung bekannt war. Von Anfang an wird der Gespenstermythos nicht auf eine gruselig-schaurige, sondern auf eine leichte, amüsant-ironische Weise geschildert. Das Gespenst kann sich noch so anstrengen und sich die grausigsten Verkleidungen ausdenken, sogar seinen Kopf zuhause lassen, der düstere Effekt bleibt aus und ich musste sehr oft schmunzeln über seine Auftritte.
Als es in seiner Auswegslosigkeit auf Virginia trifft und der Dialog zwischen den beiden zustande kommt, bekam die Geschichte für mich einen rührenden Anstrich. Trotz seiner Lächerlichkeit ist das Gespenst auch eine tragische Gestalt, die nach Erlösung sucht. Die Stimmung schwankt plötzlich ins Feierliche, und Virginia nimmt die Aufgabe an, das Gespenst von seinem Fluch zu erlösen. Wie das genau passiert, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen; lediglich eine uralte Prophezeiung liefert einen Hinweis darauf, wie sich das Ganze abgespielt haben könnte. Klar wird aber, dass alleine Virginias reines Herz dazu in der Lage war, ihm zu helfen.
Mir hat diese kleine "hylo-idealistische Romanze" - so der Untertitel - sehr gut gefallen; ein kleines Klassikerhäppchen für zwischendurch mit einem eleganten Schreibstil, der sich sehr schön lesen lässt.
