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Autor Thema: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt  (Gelesen 168 mal)

Bettina

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Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« am: 26. August 2011, 11:07:03 »



Kurzbeschreibung
Ein Kommissariat in der Pariser Vorstadt Panteuil. Neulinge werden eingearbeitet, blutjunge Leute ohne Erfahrung. In der Chefetage stellt Kommissariatschefin Le Muir die Weichen für den neuen politischen Kurs: Eine "Säuberung mit Hochdruck" soll die Verbrechensrate senken und die Vorstadt fit für die Zukunft machen. Klar, dass es dabei Gewinner und Verlierer geben muss. Aber da ist noch eine Spezialermittlerin aus Paris, die Le Muir und ihre Vasallen schon im Visier hat. Und Noria Ghozali hatte noch nie Sinn für taktische Kompromisse.

Das ist ein weiterer Fall um Nora Ghozali, die in Roter Glamour ihren ersten Auftritt hatte. Eine Ghozali-Serie im engen Sinn scheint es nicht zu sein, aber die Hauptperson von damals ist nun mehrere Jahre später wieder einmal im literarischen Fokus von Manotti.

Kennt jemand bereits diesen Krimi?

Ich lese ihn demnächst und freue mich, wenn vielleicht schon die eine oder andere Stimme dazu da ist. Wenn ich die Gelegenheit habe und den Krimi nicht ganz so schnell verschlinge wie Roter Glamour, kommentiere ich hier noch etwas nebenher.
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Bettina

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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #1 am: 26. August 2011, 21:04:10 »

In einer Kurzversion gibt Manotti zunächst eine kurze Info über die beteiligten Polizei-Organisationen. Das ist gleich darauf im 2005 spielenden Prolog wichtig, wo schon die erste Begegnung mit einem dieser Kürzel auftaucht - und gleich auch der erste ernste Aha-Effekt. Nicht überraschend, aber Seen sind nicht nur tief, sondern am Grund eben auch schlammig.

Das Buch erschien im Original 2010, um diese Zeit herum muss also der Rest spielen, denn alle weiteren Kapitel sind weder datiert (es sei denn, später wird im Text etwas Entsprechendes genannt), noch sind sie nummeriert.

Korrektur: Das stimmt nicht, wie ich während der Lektüre feststellen konnte. Alles spielt 2005 zwischen Sommer und September, kurz bevor im Oktober die Banlieus in Flammen aufgehen und Frankreich-weit gewalttätige Proteste gegen Staat und Polizei beginnen. Auslöser für die Unruhen waren "Gerüchte um den Tod zweier Jugendlicher aus in Frankreich lebenden Immigrantenfamilien, [...] die am 27. Oktober 2005 in Paris auf der Flucht vor der Polizei die Absperrung zu einem Transformatorenhäuschen überwanden und dort von Stromschlägen tödlich getroffen wurden." (Zitat: Wikipedia)
« Letzte Änderung: 31. August 2011, 09:00:24 von Bettina »
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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #2 am: 29. August 2011, 13:11:46 »

Ich habe gerade das erste Kapitel in meiner Mittagspause gelesen und alleine nach dieser Lektüre würde ich am liebsten sofort eine gross angelegte Polizeireform inklusive Beamtengehirnwäsche anleiern. Beispiel gefällig? Das Büro, in dem die Bewohner des Viertels ihre Anzeigen platzieren können, heisst vielsagend Heulbüro und einigen Menschen, die dort vorbei kommen, rät man doch tatsächlich von einer Anzeige ab - damit die Statistik nicht abstürzt. Hat man denn sowas schon gehört? :grmpf:

Das ist noch eine harmlose Variante; die Knüller, bei denen man die Polizisten am liebsten an die Wand klatschen könnte, verrate ich natürlich nicht! Davon gibt es aber alleine im ersten Kapitel deutlich mehr. Ich komme beim Nachzählen locker auf eine Handvoll davon. Die Hüter von Recht und Ordnung hüten ganz andere Dinge.

Jaja, der Krimi spielt ja bloss in Frankreich - dabei muss man sich aber fragen, ob die Nachbarländer der Franzosen noch vielleicht ähnlich taktieren. Unwahrscheinlich ist es nicht, nur sagt's vielleicht keiner so direkt.

Hilfspolizist Doche macht an seinem ersten Arbeitstag eine interessante Entdeckung, die der Polizei viel mehr Ruhm einbringen könnte (wenn sie sich denn die Mühe geben würde), als jede lässig getürkte Statistik.
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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #3 am: 29. August 2011, 14:10:00 »

Mittagspause unverantwortlicherweise verlängert für Kapitel 2 (wie gesagt, sie sind nicht durchnummeriert, aber ich nenne es der Einfachheit halber so):

Kern des Kapitels ist (neben anderen Szenen) das Zentrum von Pateuil, wo der Place de la Résistance gegen Ladenschluss zwei Stunden lang gesichert werden muss. Natürlich passiert was und Frischling Isabelle, die gerade erst seit 24 Stunden dabei ist, mittendrin. Der Einsatz erfordert Verstärkung und warum das so kommt, zieht jedem Hering die Schuhe aus. Die Szene muss man sich richtig auf der Zunge zergehen lassen - vier Polizisten gehen hin, am Ende sind es 32. Aus einem Diebstahl wird ein Desaster und am Ende zieht Chefin Le Muir die Strippen, damit die Polizei von Pateuil nicht allzu doof aussieht. Wobei ich als Leser nun weiss, was ich von Sachkompetenz und all solchen Polizeifloskeln halten kann.

Interessant ist die Szene für mich noch aus einem anderen Blickwinkel. Hier merkt man ziemlich deutlich, wie unterschiedlich die Mentalitäten von Franzosen und den Maghrebinern ausfallen - und wie wenig Souveränität man im Umgang miteinander hat.
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Bettina

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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #4 am: 30. August 2011, 15:10:02 »

Ab jetzt muss ich Euch zappeln lassen :breitgrins: damit ich nichts verrate.

Es bleibt spannend - die Kurzbeschreibung lässt bereits erahnen, dass die Polizei in Panteuil irgendwelche Leichen im Keller hat, sonst würde sich Nora Ghozali nicht mit dem Revier befassen. Ein bisschen Einblick habt Ihr bekommen und nun müsst Ihr selber lesen.

Ich habe bei diesem Roman - genau wie bei Roter Glamour - Probleme, die Finger von dem Buch zu lassen. Ich will immer wissen, wie es weitergeht und wo Nora Ghozali gräbt, wer Mist baut, wo die Leichen des Reviers liegen. Manotti erzählt recht spartanisch, aber sie findet immer die richtige Beschreibung - die Atmosphäre auf dem Revier ist für mich genauso gut eingefangen, wie die Atmosphäre in verschiedenen Wohnblocks oder in einer Notauffangstation, die in einer Nacht aufgemacht werden muss. Der Rest läuft perfekt im Kopf ab.

Gleichzeitig zur Spannung gefällt mir die Art und Weise, die Organisationen zu hinterfragen. Im Prinzip liest man hin und wieder mal von so etwas in der Zeitung, man ahnt vielleicht etwas, aber in diesem Stil davon zu lesen, finde ich viel aufrüttelnder. Es gibt wirklich Szenen, die für mich zum Aufreger werden und ich mich frage, warum das so lange so unbehelligt laufen kann.

Ich habe noch ungefähr ein Drittel vor mir und Ihr hört dann pünktlich zur Rezension wieder von mir.
Bis dahin hat der eine oder andere vielleicht das Buch schon längst bestellt :engel: Die Verantwortung dafür übernehme ich selbstverständlich.
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Annabas

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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #5 am: 30. August 2011, 17:42:44 »

Ein bisschen erinnert mich dein Bericht auch an die Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo.
Falls du die kennst: ist das ähnlich?

Grüße von Annabas  :winken:
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Bettina

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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #6 am: 30. August 2011, 19:19:05 »

Die Trilogie liegt bei mir auf dem SUB, aber gelesen habe ich sei leider noch nicht :winken:
Sie rückt mit Deinem Hinweis etwas weiter nach vorne ...
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Bettina

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Re: Dominique Manotti - Einschlägig bekannt
« Antwort #7 am: 31. August 2011, 10:54:07 »

Wie gesagt, ich konnte die Finger nicht vom Buch lassen :zwinker:

Meine Eindrücke
Paris 2005, kurz bevor die Banlieus in Flammen aufgehen. Im Vorort Panteuil fährt die Polizei einen harten Kurs, um die Konflikte mit den Einwanderern bereits im Keim zu ersticken. Zwischen Stadtautobahn, Brachland, trostlosen Bauten versuchen illegale Einwanderer ebenso wie die ungeliebten Franzosen, gebürtig meist aus dem Maghreb, ihren Weg zu finden. Die Geduld mit ihnen ist mickrig und man versucht, möglichst wenig Arbeit mit ihnen zu haben. Was zu einer ungeahnten und - wie sich herausstellt - gefährlichen Kreativität bei der Wahl der Mittel seitens der Polizei führt. Weil die Polizisten nicht ganz sauber arbeiten, soll Noria Ghozali ein Auge auf das Revier haben und Schlimmeres verhindern.

Meine erste Begegnung mit Dominique Manotti in Roter Glamour habe ich euphorisch abgeschlossen und infolgedessen war die Erwartungshaltung an das folgende Buch recht hoch - zumal es wieder ein Krimi war, in dem Noria Ghozali ihre Nase in den Dreck anderer Leute stecken durfte. Doch ich stelle fest, dass ich auch dieses Mal die Lektüre wieder schwer begeistert abgeschlossen habe.

Manotti gelingt es wieder, die Realität so aufzuarbeiten, dass sie spannend wird, dass sie mich wütend machen kann, dass sie mich am System zweifeln lässt. Nicht umsonst stellt sie ihrem Roman ein Zitat aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte voran: "Die Gewährleistung der Menschen- und Bürgerrechte erfordert eine öffentliche Gewalt; diese Gewalt ist also zum Vorteil aller eingesetzt und nicht zum besonderen Nutzen derer, denen sie anvertraut ist." Dass man daran erinnern muss, dürfte beim Leser recht schnell schlimme Ahnungen desen hervorrufen, was man später schwarz auf weiß über die Praxis im französischen Polizeialltag liest. Die literarische Analyse liefert eine beklemmende Erklärung für die reale Eskalation, die wenige Wochen nach der Handlung im Buch in ganz Frankreich ausbrach.

Schnell lernt man, dass die Polizei bei Verbrechern noch zwischen Kriminellen erster und zweiter Klasse unterscheidet. Gerade in den Banlieus scheinen sich rechtsextreme Gesinnungen ungesund zu häufen. Und ein ganz probates Mittel, um die Verbrechensrate zu senken, ist beispielsweise, einfach von Anzeigen abzuraten. Macht eine weniger und der Vorort sieht auf dem Papier schon etwas ruhiger aus. Die hartnäckige, engagierte Polizeiarbeit, die man gerne hätte und für die man Steuern bezahlt, hat mit der in Panteuil so viel zu tun, wie ein drei Wochen altes Baguette mit der Haute Cuisine auf dem Champs Elysées.

Mit Noria Ghazoli und Le Muir treffen auch zwei Frauen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können. Wie Norias Ex-Chef Macquart anmerkt, beobachtet er das Fernduell zweier intelligenter Frauen, die niemals locker lassen und die sich hassen, noch bevor sie sich kennen. Letztlich kämpfen zwei Ideologien gegeneinander und mir gefällt, dass der Kampf nicht wirklich entschieden wird. Etwas anderes passt weder zur Wirklichkeit noch zu Manotti.

5ratten
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