Ein Buch kann auf verschiedene Arten gut sein:
Es kann einen wundervollen Stil haben, an dem man sich - ganz unabhängig vom Inhalt - berauschen kann.
Es kann eine Welt (und/oder Zeit) vor den Augen seiner Leser erstehen lassen.
Es kann interessante Figuren aufweisen, über die man gerne mehr erfahren möchte, die den Lesern vielleicht auch neue Einsichten über die menschliche Natur vermitteln.
Es kann über eine spannende, mitreißende Handlung verfügen.
Im Idealfall erfüllt ein Buch alle diese Kriterien, aber auch wenn nur eine zutrifft, diese aber perfekt ausgeführt ist, kann ein Buch in die Kategorie "gut" fallen.
Wenn ich mir nun "Rot und Schwarz" unter den oben genannten Kriterien anschaue, komme ich zu folgendem Ergebnis:
Gerade stilistisch hatte ich mir viel von diesem Buch versprochen. Ich habe schon einiges an Literatur des 19. Jahrhunderts gelesen (wenn auch überwiegend britische) und mich immer gerade auch am Stil ergötzt. "Rot und Schwarz" hingegen war eine Enttäuschung. Der Stil erschien mir wenig elegant, manchmal sogar unbeholfen. Ob dies nun an der Übersetzung (von Walter Widmer) lag oder an Stendhals Sprache selbst, kann ich mangels Französischkenntnissen nicht sagen.
Was die Schilderung des Frankreich nach dem Sturz Napoleons angeht, so nehme ich an, dass sie ihm gelungen ist. Allerdings mangelt es mir da eklatant an Hintergrundwissen. Gut - es muss eine Zeit nach Napoleon gegeben haben, da es ja Napoleon gab (und von dem habe selbst ich schon mal gehört), aber was sich damals in Frankreich abspielte, wer da warum gegen wen revolutionierte, ist mir vollkommen unbekannt. Und auch nach der Lektüre dieses Buches bin ich nicht klüger. Das kann ich allerdings nicht dem Buch vorwerfen; Stendhal brauchte keine Hintergründe zu schildern, da er ja seine Gegenwart für seine zeitgenössischen Leser abbildete, eben keinen historischen sondern einen Gegenwartsroman schrieb. Gut möglich, dass mir das Buch als Zeitbild besser gefallen hätte, wenn ich mir erst (oder während der Lektüre) Wissen über die Zeit angeeignet hätte. Dazu fehlte es mir aber schlichtweg an Interesse.
Die Figuren, ja. *Seufz* Ich glaube, ich bin zu alt dazu, einen pubertierenden Jüngling mit aufgeblasenem, aber eigentlich hohlen Ego interessant zu finden. Sorel hat mich von Anfang an und mit zunehmender Seitenzahl immer mehr gereizt. Wenn er wenigstens irgendwann etwas gelernt hätte! Wenn er sich doch frühzeitig eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte!
Was die Frauen nun an diesem Bürschchen fanden, will mir auch nicht wirklich in den Kopf. Nun gut - eigentlich waren deren Beweggründe psychologisch schon nachvollziehbar und auch nicht schlecht dargestellt, aber bei meiner Abneigung gegen Sorel… Idiotinnen!
Mit einer spannenden Handlung fesseln konnte mich das Buch auch nicht gerade. Ziemlich schnell war es mir vollkommen egal, wie sich Sorels weiteres Leben entwickeln würde. Nur der Abschnitt im Priesterseminar konnte mein Interesse wecken. Ansonsten war das spannendste, während der Lektüre immer wieder nachzugucken, wie viele Seiten ich noch zu bewältigen hatte; kurz gesagt, das Buch hat mich gelangweilt. Ich kann gut verstehen, dass ich das Buch bei meinem ersten Leseversuch vor über 25 Jahren abbrach. Das hätte ich auch dieses Mal getan, hätte es nicht auf meiner SLW-Liste gestanden.

(Wieso eigentlich doch noch 2? Vergebe ich vielleicht einen Klassikerbonus? Ich weiß es nicht und kann nur sagen, dass es sich auch nach einigen Monaten noch nach 2 Ratten anfühlt.)