Hallo!
Mich hat der "Tod in Venedig" ganz nachhaltig beeindruckt. Ich finde auch nicht, dass seine hauptsächlichen Themen "HomoS.e.x.ualität" und "Künstlertum" sind. Dass Aschenbachs Begehren homoS.e.x.uell ist, ist für die Reflexionen über Nähe und die Entstehung von - ja was? ist das Verliebtsein? Kaum in zwei Sätzen zu beantworten - doch vollkommen unerheblich, oder? Es geht zudem um Isolation und den Verlust der Jugend. Der Tod ist ja auch in verschiedenen allegorischen Gestalten im Text präsent (etwa als Spielmann oder als Wanderer).
Ich sehe das sehr ähnlich, die Homosexualität ist ein - zufälliges - Akzidens, es ist ein Roman von Altern, Verzicht, "Verzichten Müssen". Untrennbar mit dem alten, verliebten Aschenbach taucht bei mir Goethes Marienbader Elegie auf, der alte Geheimrat, ebenso verliebt, ebenso verzweifelt, und in gleicher Weise zum Entsagen gezwungen. Wenn von Liebe oder Verliebtsein die Rede geht, dann auch immer von der möglichen Entsagung, von der freiwilligen, der erzwungenen. Und in besonderem Maße tragisch dann, wenn es ein Verzicht für immer sein muss, weil es die Zeit, das Alter nicht mehr zulässt, dass diesem Gefühl noch einmal entsprochen werden könnte. Für immer entsagen, weil nur noch der Tod wartet, weil man schon den Abgrund sieht und die Tiefe, in die zu verschwinden man demnächst sich anschickt. Kein Trost mehr auf diese Weise, nur noch Erinnerung, die eigene Geschichte, "der schöne Schleier um den leeren Schädel des Todes".
[...]Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen!
Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos;
Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,
Die Erde weit, der Himmel hehr und groß;
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.
Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum grabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zugrunde. (Goethe, Marienbader Elegie)
Grüße
s.