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Autor Thema: Elizabeth Kostova - Der Historiker  (Gelesen 9512 mal)

Kirsten

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Re: Elizabeth Kostova - Der Historiker
« Antwort #60 am: 19. März 2010, 14:47:05 »

Hallo!

Der Historiker ist ein gewaltiges Buch, eine andere Bezeichnung fällt mir dazu nicht ein. So viele Menschen begeben sich auf die Jagd nach Dracula und jeder Einzelne darf seine Geschichte ausführlich erzählen. Leider liegt aber auch genau darin die Schwäche des Buchs. Irgendwann gibt es keine neuen Geschichten zu erzählen, weil auch alle das gleiche Ziel haben. Das wäre vielleicht nicht ganz so schlimm gewesen, hätte die Autorin nicht so viele Dinge wie wiederholt. Irgendwann nutzt sich auch die beste Formulierung ab. Das hat das Buch für mich ein bisschen zäh gemacht. Trotzdem konnte mich Elisabeth Kostova auch immer wieder überraschen und hat das eine oder andere kleine Ärgern wieder wett gemacht. Nur der Schluß konnte mich so gar nicht überzeugen. Deshalb schließe ich mich mit meiner Bewertung meinen beiden Vorrednerinnen an
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Liebe Grüße
Kirsten
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Bluebell

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Re: Elizabeth Kostova - Der Historiker
« Antwort #61 am: 23. April 2010, 16:41:00 »

Nachdem "Der Historiker" schon länger auf meinem SUB lag, war ich vor ein paar Wochen endlich in der richtigen Stimmung, um es in Angriff zu nehmen, und habe es gestern schließlich ausgelesen. Ich war schon während der Lektüre ein paar Mal in Versuchung, hier im Forum zu posten und sozusagen den einen oder anderen Real-Time-Kommentar abzugeben, habe mich dann aber doch anders entschieden. Stattdessen habe ich mich nach und nach durch diesen Thread sowie die beiden Leserunden von 2006 und 2008 geschmökert (Vorsicht, in der neueren sind viele unverspoilerte Spoiler!), wobei mir schon aufgefallen ist, wie arg breit die Lesermeinungen gefächert sind.

Mich selbst lässt das Buch recht zwiegespalten zurück. Zum Inhalt muss mittlerweile ja wirklich nichts mehr gesagt werden, und ich möchte auch keine Rezension im eigentlichen Sinne schreiben, sondern zum Abschluss einfach noch einmal ein bisschen über das Buch reflektieren.

Warum hat mich der Roman überhaupt interessiert? - Nun, ich mag Vampirgeschichten, und zwar umso lieber, je mehr sie mit dem Ursprung des Mythos zu tun haben. Und ich mag gut recherchierte historische Romane, weil ich immer hoffe, dabei etwas zu lernen ohne das Gefühl zu haben, mich durch eine wissenschaftliche Abhandlung zu ackern.

Der größte Pluspunkt des Buches war für mich auch, wieviel man über den Zusammenhang zwischen dem historischen Fürst Vlad Tepes und dem allseits bekannten Vampir Dracula erfährt. Da wurde offensichtlich minutiöse Forschungsarbeit geleistet und eine Spurensuche quer durch die Jahrhunderte betrieben. Das Ergebnis bekommt der Leser dann in der Verpackung einer spannenden, atmosphärischen Geschichte serviert und braucht nur noch die Früchte von Kostovas Arbeit zu genießen. :zwinker:

Nur, ganz so problemlos geglückt finde ich das Experiment dann leider doch nicht. Zwar genießt die Autorin meinen uneingeschränkten Respekt für ihre Recherche, und sie besitzt auch eindeutig erzählerisches Talent, wie beispielsweise die Beschreibungen der vielen europäischen Schauplätze zeigen. Die Städte, Dörfer und Landschaften mitsamt ihrer Bevölkerung sind vor meinem geistigen Auge tatsächlich zum Leben erwacht, und ich konnte mich in der südfranzösischen Sonne genauso gut entspannen wie auf dem bulgarischen Volksfest austoben, und die Farben und Gerüche Istanbuls haben mich ebenso betört wie mich das kommunistische Budapest paranoid machte. :entsetzt:

Dennoch scheint mir Elizabeth Kostova eindeutig mehr Historikerin als Schriftstellerin zu sein. Ich verstehe ja, dass es ihr bei der Unmenge an Informationen, die sie zusammengetragen hat, schwer gefallen sein muss, Abstriche zu machen und auszusortieren, was in den Roman darf und was nicht. Ein bisschen radikaler hätte sie dabei aber durchaus vorgehen dürfen oder sogar sollen. Vom belletristischen Standpunkt aus hätte es dem Buch definitiv gut getan, wenn sie die historischen Hintergründe da und dort gestrafft und an den richtigen Stellen auch mal Mut zur Lücke bewiesen hätte.
Wobei ich mir sicher bin, dass sie ohnehin nur einen Teil von allem einbauen konnte, was sie tatsächlich über das Thema weiß - für mich war's dennoch zu viel und ich habe aus der Masse an geschichtlichen Fakten bestimmt jetzt schon wieder Vieles vergessen.

Das ist aber nicht mein einziger Kritikpunkt. Ein weiteres Minus ist die oberflächliche Skizzierung der Figuren. Von tiefgehender Charakterisierung, geschweige denn Entwicklung, kann da keine Rede sein. Na gut - irgendjemand hat gemeint, bei dieser Art von Roman ist die Charakterzeichnung halt nicht das Um und Auf, und damit könnte ich mich ja in einem gewissen Rahmen auch abfinden. Allerdings tut sich dadurch ein Problem mit einem Stilmittel auf, das Kostova gewählt hat - nämlich lange Erzählpassagen aus der Ich-Perspektive von vielen unterschiedlichen Figuren.

Eine ganze Reihe von Personen bekommt teils einmalig, teils mehrmals, teils mündlich, teils in Form von Briefen die Gelegenheit, etwas aus ihrer eigenen Sicht zu schildern. Bloß: die klingen alle gleich!! Es scheint, dass die Autorin ihren ureigenen Stil nicht ablegen kann und ihn 1:1 ihren Figuren in den Mund legt - egal, ob da gerade eine siebzehnjährige Schülerin, ein amerikanischer Forscher oder sein Doktorvater, eine ungarisch-rumänische Bauerntochter oder ein alter türkischer Professor zu Wort kommt. Alle verwenden ähnliche Formulierungen, schweifen auf eine ähnliche Art aus, erwähnen ähnliche Details ... das hat es mir als Leserin schwer gemacht. In einer anderen Geschichte würde dieser Punkt vielleicht nicht so sehr ins Gewicht fallen, aber wie gesagt sind es diese langen Ich-Passagen, die es meiner Ansicht nach schon verlangt hätten, dass sich die Autorin mehr um eine stilistische Differenzierung bemüht.

Was mich auch gestört hat - auch wenn man es als gelungene Metapher für wissenschaftliches Forschen verstehen könnte  :zwinker: - ist das unglaublich zääähe Voranschreiten der Handlung. Das geht einfach so langsam, da dreht sich so vieles im Kreis, da wiederholt sich alles Mögliche ... qantaqa hat es perfekt erfasst:

Zitat
Reise, Dokumente sichten, mit Vorhandenem vergleichen, Schlüsse ziehen, Gelehrte aufsuchen und befragen, dem Geheimdienst ausweichen, weiterreisen. Und das immerhin einmal durch Osteuropa und zurück. Nur die Schauplätze wechseln.

Auch das Motiv der Suche wiederholt sich auf allen Erzählebenen: auf der einen sucht die Erzählerin ihren Vater, auf der anderen ihr Vater seinen Professor, auf der nächsten der Professor Dracula ... dass sich alle Ebenen mal mehr, mal weniger miteinander abwechseln, hilft daher bei aufkommender Langeweile leider nicht viel: Oh, neues Kapitel, Szenenwechsel - ach ja, hier wird ja auch mittels alter Dokumente gesucht und jemandem hinterher gereist.  :schnarch:

Das Motiv der Bibliophilie hatte sich dann auch irgendwann abgelutscht. Fand ich es zu Beginn noch schön, von so vielen Büchern und ihren Beschreibungen zu lesen - der Beschaffenheit, der Gestaltung, dem Material, dem Geruch - so dachte ich später nur noch: Ist ja gut, liebe Frau Kostova, ich hab kapiert, dass Sie alte Bücher mögen.  :rollen:

Überhaupt hatte ich schon sehr bald nach Beginn der Handlung (und noch bevor ich mir die Verlagshomepage angesehen hatte) den Eindruck, dass da viel Autobiographisches eingeflossen ist (Bücherliebe, Vater-Tochter-Beziehung, Europareisen und etliches mehr). Normalerweise stört mich so etwas nicht, eher im Gegenteil, und ich kann auch nicht genau begründen, warum es mir hier irgendwie ein Dorn im Auge war - vielleicht, weil es mir so vorkam, als könnte Kostova gar nichts (be)schreiben, was sie nicht mit sich selbst in Verbindung bringt. Aber das mag ein sehr unfairer Kritikpunkt von mir sein.

Nur noch ganz kurz: ich stimme auch denen zu, die die vielen hilfreichen Zufälle, die komische Protagonistenkonstellation beim Showdown und das seltsame Ende der Familiengeschichte bemängelt haben.

Puh, ist das lang geworden - aber mich hat dieses Werk doch sehr beschäftigt und ich musste es irgenwie nochmal Revue passieren lassen. Respekt & ein Dankeschön an jeden, der sich bis hier durch meinen Beitrag gekämpft hat!  :breitgrins:
« Letzte Änderung: 23. April 2010, 18:49:23 von Bluebell »
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Nirika

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Re: Elizabeth Kostova - Der Historiker
« Antwort #62 am: 23. April 2010, 19:13:37 »

Hallo!

Puh, ist das lang geworden - aber mich hat dieses Werk doch sehr beschäftigt und ich musste es irgenwie nochmal Revue passieren lassen. Respekt & ein Dankeschön an jeden, der sich bis hier durch meinen Beitrag gekämpft hat!  :breitgrins:
Die Länge macht doch nichts. Ich habe deinen Beitrag gerne gelesen, weil er gut geschrieben war.  :winken:

Liebe Grüße

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Bluebell

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Re: Elizabeth Kostova - Der Historiker
« Antwort #63 am: 26. April 2010, 09:58:17 »

Danke, Nirika!  :smile:
Es ist ja auch in verschiedener Hinsicht durchaus eine Bereicherung für mich, das Buch gelesen zu haben, nur halt mit mehr Abstrichen als erwartet. Aber was soll's! Meine Wertung wäre insgesamt wohl:

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Re: Elizabeth Kostova - Der Historiker
« Antwort #64 am: 26. April 2010, 12:53:38 »

Bluebell, ich habe deine Eindrücke auch sehr gerne gelesen. Für mich ist dieses Buch ja weiterhin ein Hightlight aber ich kann gut nachvollziehen, was du daran nicht mochtest.
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LG Ingroscha 
*Mantra murmelt*: "Bücher sind zum Lesen da, nicht zum Rumstehen."
Und Zitat Annabas: "Dieses Jahr wird alles besser."  :smile: