Inzwischen hatten meine Eindrücke wohl genug Zeit, um sich zu setzen.

Der Abstand zwischen Lesen und Rezi schreiben macht mir noch mal deutlich, wie sehr mich das Buch beeindruckt hat, denn obwohl ich es im Mai gelesen habe, ist es mir präsenter als das eine oder andere soeben gelesene Buch. Trotzdem werde ich die Geschichte nicht wiedergeben, sondern verweise auf Twilights wunderbare Rezension und Zusammenfassung.
Obwohl das Buch ein ziemlicher Brocken ist, was sowohl den Umfang als auch den Inhalt angeht, hatte ich keine Schwierigkeiten, dabei zu bleiben, und das will was heißen. Das Leben der Sor Juana bietet viel Stoff zum Erzählen und Anderson versteht es meisterhaft, ihre Biografie mit ihren Studien, aber auch der Landesgeschichte zu verknüpfen. In den einzelnen Büchern, die das Geschehen gliedern und jeweils einen bestimmten Zeitraum von Juanas Leben umfassen, gibt es zudem einen zu den Ereignissen passenden thematischen Schwerpunkt. Angelehnt an Juanas Forschungen und Werken geht es im ersten Buch, das sich mit Juanas Kindheit und Jugend befasst, zum Beispiel um den Mythos der Nymphe Echo. Gekonnt hat Anderson hier die Geschehnisse mit dem Werk der Dichterin und seinem eigenen verknüpft.
Anfangs hat mich vor allem fasziniert, wie Juana die Welt um sich herum, die Mythologie ihres Landes und die Natur sowie die Werke anderer Gelehrter entdeckt. Diese Faszination wird Schritt für Schritt abgelöst von den Schrecken der Inquisition, die Juana durchlebt. Von den Eindrücken, die sie in der Stadt als Jugendliche sammelt, bis hin zu den Repressionen, die sie am eigenen Leib erlebt, spannt Anderson einen sich zwanghaft entwickelnden Bogen. Der wachsende psychische Druck, dem Juana ausgesetzt ist, wird so intensiv beschrieben, dass sich mir manches Mal der Magen zusammenzog angesichts der Praktiken, die angewendet werden.
Die in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung hat mich angesichts der Intensität der Geschichte um Juana immer wieder unzufrieden werden lassen, weil ich mich aus der Geschichte herausgerissen fühlte. Und dabei schafft Anderson es auch hier, vor allem durch die Passagen um Beulah, die von ihrem zunehmend labilen Zustand geprägt sind, eine dichte, bedrückende Atmosphäre aufzubauen. Wie er es schafft, seine Protagonisten durch ihre Gedanken und ihren Stil zu charakterisieren, ist beeindruckend. Dennoch hätte ich mir hier eine deutliche Reduzierung gewünscht, besonders das Ende verliert an Eindringlichkeit, weil Beulah und nicht Sor Juana im Fokus steht.
Dennoch bleibt erstaunlich, wie Anderson seine Bögen schlägt, verschiedene Stationen im Leben seiner Protagonistin in Beziehung zueinander setzt und auch die Gegenwart in dieses Geflecht verwebt. Dabei bedient er sich auch verschiedener Textarten wie Briefen und einem Filmskript und verwendet Originaltexte und – natürlich – Gedichte Juanas. Dabei gibt Anderson den verschiedenen Erzählern jeweils eigene Stimmen. Im Wesentlichen geht es hierbei um Juana selbst, den Professor und die Studentin Beulah, aber auch weitere Stimmen kommen zu Wort. Juana zeichnet sich durch eine ruhige Erzählweise aus, während Beulah hingegen sehr unruhig und getrieben wirkt.
Trotz der zwischendurch aufgeworfenen komplexen Fragestellungen, die mich dazu veranlassen beim Lesen langsamer zu werden, lässt sich das Buch angenehm "wegschmökern". Es bleibt interessant und nachvollziehbar, auch wenn manche Passagen zu sehr ins Detail gehen, um von einem Leser ohne entsprechendes Wissen bis ins Kleinste nachvollzogen werden zu können. Die Sprache ist dabei nicht einfach, aber wunderschön zu lesen, teils sehr bildhaft und angemessen, um die Fülle von Details und Zusammenhängen zu präsentieren, die Anderson vor dem Leser ausbreitet. Die eigentliche Handlung hätte man vielleicht auf weniger Seiten unterbringen können, doch das nehme ich Anderson nicht übel. Was der Autor dem Leser vermittelt ist unglaublich.
Schön ist auch, dass mit der Aufmachung des Buches die Arbeit des Autors gewürdigt wird. Den verschiedenen Erzählern sind kleine Symbole am Seitenrand zugeordnet, sobald ein neuer Absatz innerhalb eines Kapitels beginnt. Außerdem gibt es Worterklärungen und Hinweise am Seitenrand sowie ausführliche Endnoten.
Anderson hat mit
Hungersbräute ein Buch von beeindruckender Komplexität geschaffen, das ich leider nicht in seiner Gänze würdigen, aber trotzdem mit Interesse lesen konnte.

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Viele Grüße
Breña