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Autor Thema: Paul Anderson - Hungersbräute  (Gelesen 3525 mal)

Breña

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #15 am: 28. April 2011, 11:55:57 »

Dieses Buch ist alleine aufgrund seines Umfangs ein guter Kandidat für kleine Zwischendurchmeldungen. :zwinker: An zwei Abenden habe ich es bis Seite 152 geschafft, bevor ich zu einem wortwörtlich leichteren Buch gegriffen habe. Allein die dicht bedruckten Seiten geben mir schon das Gefühl, deutlich mehr gelesen zu haben, mal schauen, wie es mir am Ende dieses Buches gehen wird.

Bisher gefällt es mir gut und ich bin neugierig auf das Leben der Sor Juana. Schon ihre Kindheit und Jugend bietet viel Stoff zum Erzählen: von ihrem Alltag, dem Land um sie herum, natürlich den Menschen, mit denen sie lebt, und den Büchern. Sie lässt uns teilhaben an ihrer Lektüre, an ihrer Meinung zu den griechischen Philosophen oder Cervantes Don Quichotte, genauso an den Diskussionen, die sie mit ihrem Großvater darüber führt. Wenn man sich bewusst macht, dass sie mit drei Jahren Lesen lernte und daraufhin über verschiedene wissenschaftliche Fragestellungen nachdachte, kann man entweder in Bewunderung für dieses Wunderkind verfallen oder das Ganze als mythisierende Verklärung abtun. Mir geht diese Besonderheit, die manchen ihrer Mitmenschen Angst bereitet, ein wenig auf die Nerven, jedes Mal, wenn ihr Alter erwähnt wird, mag ich es nicht glauben. Ob wahr oder nicht ist es natürlich die perfekte Voraussetzung für diese Romanbiografie. Trotz der zwischendurch aufgeworfenen komplexen Fragestellungen, die mich dazu veranlassen beim Lesen langsamer zu werden, lässt sich das Buch angenehm "wegschmökern", besonders sobald Juana von ihrem Alltag berichtet. Die Sprache ist dabei nicht einfach, aber wunderschön zu lesen, teils sehr bildhaft.

Das einzige was mich noch etwas stört ist die Rahmenhandlung. Der Universitätsprofessor Donald J. Gregory erzählt von seiner Studentin Beulah Limosneros, die wiederum das Leben der Sor Juana erforscht hat. Irgendwas scheint vorgefallen zu sein, denn nun schreibt er das Buch über die Dichterin, und natürlich erfährt der Leser es nicht sofort. Die zwei, drei Einschübe aus der Gegenwart (1995) waren meiner Meinung nach überflüssig, Juanas Lebensgeschichte kann auch gut für sich allein stehen. Aber: abwarten, Anderson wird sich dabei sicherlich etwas gedacht haben.

Viele Grüße
Breña
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #16 am: 28. April 2011, 12:09:40 »

Ein Zitat gefällig? Über Nahuatl (Aztekisch):

Zitat von:  S. 45f
Das Idiom unserer Familie, Kastilisch, war ein süßer tiefer Atemfluss, klares Wasser über einem Strombett aus gleichmäßigen Steinen. Bei Nahuatl hörte man immerzu ein sanftes Klicken und Schnicken und das Zusammenstoßen von Zähnen und Zunge, so wie vielleicht die Geheimsprache der Sybillen klingen mochte. In der Mundhöhle, in den Mulden zwischen Wangen und Zähnen, war Nahuatl üppig wie atole - und dick wie pozole! - ja, genau, wie ein dicker Eintopf. Und darin schwimmen, wie Fleischbrocken, Stücke dieser Welt. Man will es kauen, aber behutsam, denn stets erwartet man etwas Hartes, einen Stein oder einen Knochensplitter, der gegen die Backenzähne knirscht, und ...
Aber nein, das war es auch nicht. Erst später, als ich zum ersten Mal pulque* kostete, fand ich endlich den passenden Vergleich. Pulque, klebrig und zäh, legt sich wie ein Film über Gaumen, Backenzähne und Zunge. So fühlt sich Nahuatl im Mund an.

Oder diese kurze:

Zitat von:  S. 73
Da ist uns nun die Gabe des Sprechens gegeben (manchen in verschwenderischem Maße), und sie erwarten von ihrer Umgebung, das man aus ihrem unverständlichen Schweigen klug wurde.

*pulque: fermentierter Agavensaft
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #17 am: 06. Mai 2011, 12:23:28 »

In den letzten Tagen kam ich kaum zum Lesen und war dann nur selten aufmerksam genug, um mich den Hungersbräuten zu widmen. Dementsprechend bin ich gerade auf Seite 302 angelangt, angesichts des Gesamtumfangs habe ich nicht das Gefühl, wirklich weiter zu kommen. Dieser Eindruck des auf-der-Stelle-tretens trifft aber nur für die pure Seitenzahl zu, denn gelesen habe ich eine Fülle von Details und Zusammenhängen. Die eigentliche Handlung hätte man wiederum auf weniger Seiten unterbringen können, ohne dass ich Anderson das übel nehme. Was der Autor dem Leser vermittelt ist unglaublich.

Nach einem Zeitsprung in die Zukunft - Juana ist vom Anwesen ihres Großvaters in die Stadt gezogen, wo sie bei einem Onkel lebt und mehr oder minder in das gesellschaftliche Leben eingeführt wird und die Schrecken der Inquisition erstmals wirklich greifbar werden - ging es wieder ein paar Jahre zurück in die Zeit, in der Juana einerseits die Schätze der großväterlichen Bibliothek, andererseits das Wissen der Azteken und die Natur entdeckt. Es gab auch eine Passage aus der Gegenwart, in der wir mehr über Beulah und ihre Beziehung zu Dr. Gregory erfahren, was nach wie vor der schwächste Teil der Erzählung ist.

Jetzt erst aufgefallen ist mir, dass die kleinen Symbole, welche die Absätze innerhalb eines Kapitels am Rand markieren, je nach Erzähler variieren. Juana ist eine Muschel zugeordnet, ihren Gedichten eine Spirale, Beulah ein flammenähnliches Symbol und Dr. Gregory ein aztekischer Hund. Weitere Erzähler, die sich immer mal wieder zu Wort melden, bekommen ebenfalls eigene Zeichen. Eine schöne Idee, bei diesem Buch stimmen auch die Details. Wurden eigentlich schon die kleinen Worterklärungen erwähnt, die sich direkt neben dem Text befinden? Kein lästiges Blättern, höchstens für die wenigen Fußnoten.
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #18 am: 15. Mai 2011, 23:46:57 »

Inzwischen habe ich knapp die Hälfte des Buches gelesen, 670 Seiten, und die ersten drei der sechs "Bücher" beendet. Während Buch I sich in erster Linie mit der Jugend Juanas befasst, beschreibt Buch II ihre Zeit als Dichterin am Hof der Vizekönigin, die damit endet, dass sie in ein Kloster eintritt. Hier setzt Buch III ein, und zwar nach einem großen Zeitsprung, denn Juana ist inzwischen vierzig. Ihr Ruf als Gelehrte und Dichterin ist inzwischen bis nach Europa gelangt, doch bringt ihr das neben Bewunderern auch Feinde in den kirchlichen Reihen.

Große Teile des dritten Buches bestehen aus Briefen Juanas, die Handlung wird von gelehrten Disputen bestimmt, entsprechend anspruchsvoller lässt das Buch sich lesen. Dennoch bleibt es interessant und nachvollziehbar, auch wenn ich weiteren Verwicklungen und Intrigen zwischen den Kirchen- und Staatsmännern bestimmt nicht folgen kann. Schön finde ich, dass jedes der Bücher neben der zeitlichen Eingrenzung auch ein Thema umfasst, mit dem sich Juana besonders intensiv auseinandersetzt. Es beginnt mit der Nymphe Echo, dann folgt die ägyptische Göttin Isis und zuletzt war die griechische Dichterin Sappho Namensgeberin. Gekonnt hat Anderson hier die Geschehnisse mit dem Werk der Dichterin und seinem eigenen verknüpft.

Gut gefällt mir auch, wie er den verschiedenen Erzählern jeweils eigene Stimmen gibt. Im Wesentlichen geht es hierbei um Juana selbst, den Professor und die Studentin Beulah, aber auch weitere Stimmen kommen zu Wort. Juana zeichnet sich durch eine ruhige Erzählweise aus, während Beulah hingegen sehr unruhig und getrieben wirkt. Ein sprachliches Highlight war sicherlich die Nacherzählung der Schöpfung durch Isis.

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nimue

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #19 am: 16. Mai 2011, 08:10:25 »

Guten Morgen Breña, mal ein kleines Statement von mir: Ich lese Deine Beiträge zu dem Buch sehr gerne, kann aber leider sonst nichts dazu beitragen. Neugierig machst Du mich sehr auf das Buch, aber ich weiß, dass es momentan so gar nichts für mich wäre  :rollen:
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Wenn Du keinen Menschen töten kannst - gut; kannst Du kein Vieh und keine Vögel töten - noch besser; keine Fische und Insekten - noch besser. Bemüh Dich, soweit wie möglich zu kommen. Grüble nicht, was möglich ist und was nicht. Tu, was Du mit Deinen Kräften zustande bringst. Darauf kommt alles an. (Leo Tolstoi)

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #20 am: 16. Mai 2011, 23:53:33 »

Das freut mich! :smile:

Ich habe es eine Weile hinausgezögert das Buch anzufangen, weil ich immer dachte, dass ich bestimmt nicht genug Zeit finde/ mich nicht ausreichend auf das Buch konzentrieren kann/ zu viel um die Ohren habe/ etc. pp. Es Dir zum Grillen wieder mitbringen zu wollen gab schließlich den Ausschlag, und inzwischen schaufel ich mir Lesezeit frei, weil es so faszinierend ist.
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #21 am: 17. Mai 2011, 11:00:26 »

Ich verfolge Deine Statusmeldungen auch sehr gespannt. Das Buch reizt mich, aber im Moment hätte ich wohl auch nicht den Nerv dazu.
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The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #22 am: 19. Mai 2011, 12:06:55 »

Ah Endlich mal wieder jemand der sich ran traut^^ Ich finde deine Eindrücke auch sehr interessant, vor allem weil mir Hungersbräute damals selbst sehr sehr gefallen hat und es mir die Lektüre wieder in Erinnerung gerufen hat!
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #23 am: 29. Mai 2011, 15:51:55 »

Schön, dass ich euch neugierig machen kann. :smile: Auch wenn Umfang und Anspruch zuerst etwas abschreckend wirken, lohnt es sich wirklich sehr, das Buch zu lesen. Und wenn man sich mal herangewagt hat, beibt man auch bei der Sache. Ich bin nun im fünften Buch, Horus, auf Seite 1177, eigentlich eine Seitenzahl, bei der ich inzwischen schon mehr als nur ein Mal damit gekämpft hätte, das Buch nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht so bei Hungersbräute, und das, obwohl die letzten Seiten mich in doppelter Hinsicht vor eine Herausforderung gestellt haben. ;)

Das vorherige Buch, Phönix, dreht sich um den beginnenden Inquisitionsprozess Juanas. Obwohl ich durch das Studium auch etwas Kirchengeschichte mitbekommen habe und religiöse Theorien mir nicht ganz fremd sind, wurde es mir hier fast zu viel. Die Intrigen, die gesponnen werden, und wer sich wann weshalb gegen einen anderen stellt, Bündnisse knüpft oder wie eine Schachfigur geopfert wird, habe ich nicht bis ins letzte Detail nachvollziehen können. Auch die theologischen Dispute waren zwar interessant, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt für mich nachvollziehbar. Anderson hat hier etwas von beeindruckender Komplexität geschaffen, was ich leider nicht in seiner Gänze würdigen, aber trotzdem mit Interesse lesen konnte.

Hinzu kommt der wachsende psychische Druck auf Juana, den man als Leser hautnah miterlebt, und die Abneigung gegen die Praktiken der Kirche, die mir stellenweise den Magen zusammenzogen. An keiner Stelle kommt es zu physischer Gewalt, es werden keine offenen Drohungen ausgesprochen, und trotzdem zerbricht Juana nach und nach. Diese inneren Kämpfe mitzuverfolgen fordert den Leser auf andere Weise.

Eine wichtige Rolle spielt hier wieder die Kindheit und Jugend Juanas. Erstaunlich ist vor allem, wie Anderson seine Bögen schlägt, wenn Juana Tatsachen bewusst werden, die der Leser sich schon am Anfang des Buches zusammengereimt hat. Juanas Schmerz wird durch neue Erkenntnisse gefördert und sie zur Selbstreflexion gezwungen, ihr fehlender Scharfblick auf Naheliegendes wird ihr als Schwäche vorgeworfen. Und genau diese Konstruktion schafft es, beim Leser Gedanken wie "war doch klar" oder "wie unspektakulär" auszuhebeln.

Das Buch Horus hat bisher Juana nur als Nebenfigur beinhaltet, keines der Kapitel war aus ihrer Sicht formuliert. Statt dessen steht Beulah eindeutig im Mittelpunkt und somit auch Professor Gregory. Nach wie vor ist mir noch nicht ganz klar, weshalb Anderson diesem Erzählstrang so viel Platz einräumt. Wenig ausgeprägtes Interesse meinerseits hin oder her, dieser Part ist deswegen nicht schlecht. Vor allem Beulahs Passagen, die von ihrem zunehmend labileren Zustand geprägt sind, stechen nochmal heraus. Wie Anderson es schafft, seine Protagonisten durch ihre Gedanken und ihren Stil zu charakterisieren, ist beeindruckend.

Viele Grüße
Breña
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #24 am: 03. Juni 2011, 23:33:28 »

Der Vollständigkeit halber noch etwas zum letzten Leseabschnitt:

Hatte ich geschrieben, dass man nicht mit physischer Gewalt in Zusammenhang mit der Inquisition konfrontiert wird? Blödsinn. Vor allem auch, was die Opfer dieses Wahnsinns sich selbst antun ist erschreckend. Im vorletzten Buch kommt Sor Juana tatsächlich nicht mehr selbst zu Wort, nur noch mittelbar in einem Filmskript, das Beulah verfasst. Ich weiß noch nicht, ob die Grausamkeiten durch diese Form stärker oder schwächer werden.

Das Ende mochte ich leider nicht so sehr. Anderson schafft es, eine sehr intensive Atmosphäre um Juana und ihren schon auf den ersten Seiten angekündigten Tod aufzubauen. Obwohl ich wusste, dass es so kommen wird, haben diese letzten Momente mich stark beeindruckt. Und dann macht er alles zunichte, weil er diese seltsame Geschichte um Beulah und den Professor ganz ans Ende setzt. Nach wie vor stört mich dieser Handlungsstrang, mir hätte eine sehr viel reduziertere Rahmenhandlung deutlich besser gefallen.

Nun lasse ich das Ganze noch etwas sacken, bevor ich versuche, meine Eindrücke in eine Rezi zu packen ...
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HoldenCaulfield

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #25 am: 09. Juni 2011, 11:38:39 »


@Breña
Im Grunde könnte man sich die ganze Rahmenhandlung sparen... eigentlich hätte der Roman auch ohne sie gewirkt. Ich kann mich erinnern das ich damals sogar fast ein wenig genervt war wenn sich die Handlung wieder in der Gegenwart bewegte.

 
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #26 am: 31. Dezember 2011, 14:46:09 »

Inzwischen hatten meine Eindrücke wohl genug Zeit, um sich zu setzen. ;) Der Abstand zwischen Lesen und Rezi schreiben macht  mir noch mal deutlich, wie sehr mich das Buch beeindruckt hat, denn obwohl ich es im Mai gelesen habe, ist es mir präsenter als das eine oder andere soeben gelesene Buch. Trotzdem werde ich die Geschichte nicht wiedergeben, sondern verweise auf Twilights wunderbare Rezension und Zusammenfassung.

Obwohl das Buch ein ziemlicher Brocken ist, was sowohl den Umfang als auch den Inhalt angeht, hatte ich keine Schwierigkeiten, dabei zu bleiben, und das will was heißen. Das Leben der Sor Juana bietet viel Stoff zum Erzählen und Anderson versteht es meisterhaft, ihre Biografie mit ihren Studien, aber auch der Landesgeschichte zu verknüpfen. In den einzelnen Büchern, die das Geschehen gliedern und jeweils einen bestimmten Zeitraum von Juanas Leben umfassen, gibt es zudem einen zu den Ereignissen passenden thematischen Schwerpunkt. Angelehnt an Juanas Forschungen und Werken geht es im ersten Buch, das sich mit Juanas Kindheit und Jugend befasst, zum Beispiel um den Mythos der Nymphe Echo. Gekonnt hat Anderson hier die Geschehnisse mit dem Werk der Dichterin und seinem eigenen verknüpft.

Anfangs hat mich vor allem fasziniert, wie Juana die Welt um sich herum, die Mythologie ihres Landes und die Natur sowie die Werke anderer Gelehrter entdeckt. Diese Faszination wird Schritt für Schritt abgelöst von den Schrecken der Inquisition, die Juana durchlebt. Von den Eindrücken, die sie in der Stadt als Jugendliche sammelt, bis hin zu den Repressionen, die sie am eigenen Leib erlebt, spannt Anderson einen sich zwanghaft entwickelnden Bogen. Der wachsende psychische Druck, dem Juana ausgesetzt ist, wird so intensiv beschrieben, dass sich mir manches Mal der Magen zusammenzog angesichts der Praktiken, die angewendet werden.

Die in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung hat mich angesichts der Intensität der Geschichte um Juana immer wieder unzufrieden werden lassen, weil ich mich aus der Geschichte herausgerissen fühlte. Und dabei schafft Anderson es auch hier, vor allem durch die Passagen um Beulah, die von ihrem zunehmend labilen Zustand geprägt sind, eine dichte, bedrückende Atmosphäre aufzubauen. Wie er es schafft, seine Protagonisten durch ihre Gedanken und ihren Stil zu charakterisieren, ist beeindruckend. Dennoch hätte ich mir hier eine deutliche Reduzierung gewünscht, besonders das Ende verliert an Eindringlichkeit, weil Beulah und nicht Sor Juana im Fokus steht.

Dennoch bleibt erstaunlich, wie Anderson seine Bögen schlägt, verschiedene Stationen im Leben seiner Protagonistin in Beziehung zueinander setzt und auch die Gegenwart in dieses Geflecht verwebt. Dabei bedient er sich auch verschiedener Textarten wie Briefen und einem Filmskript und verwendet Originaltexte und – natürlich – Gedichte Juanas. Dabei gibt Anderson den verschiedenen Erzählern jeweils eigene Stimmen. Im Wesentlichen geht es hierbei um Juana selbst, den Professor und die Studentin Beulah, aber auch weitere Stimmen kommen zu Wort. Juana zeichnet sich durch eine ruhige Erzählweise aus, während Beulah hingegen sehr unruhig und getrieben wirkt.

Trotz der zwischendurch aufgeworfenen komplexen Fragestellungen, die mich dazu veranlassen beim Lesen langsamer zu werden, lässt sich das Buch angenehm "wegschmökern". Es bleibt interessant und nachvollziehbar, auch wenn manche Passagen zu sehr ins Detail gehen, um von einem Leser ohne entsprechendes Wissen bis ins Kleinste nachvollzogen werden zu können. Die Sprache ist dabei nicht einfach, aber wunderschön zu lesen, teils sehr bildhaft und angemessen, um die Fülle von Details und Zusammenhängen zu präsentieren, die Anderson vor dem Leser ausbreitet. Die eigentliche Handlung hätte man vielleicht auf weniger Seiten unterbringen können, doch das nehme ich Anderson nicht übel. Was der Autor dem Leser vermittelt ist unglaublich.

Schön ist auch, dass mit der Aufmachung des Buches die Arbeit des Autors gewürdigt wird. Den verschiedenen Erzählern sind kleine Symbole am Seitenrand zugeordnet, sobald ein neuer Absatz innerhalb eines Kapitels beginnt. Außerdem gibt es Worterklärungen und Hinweise am Seitenrand sowie ausführliche Endnoten.

Anderson hat mit Hungersbräute ein Buch von beeindruckender Komplexität geschaffen, das ich leider nicht in seiner Gänze würdigen, aber trotzdem mit Interesse lesen konnte.

4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #27 am: 31. Dezember 2011, 15:19:13 »

Ich hätte ja gedacht, daß ich noch so fünf bis sechs Stunden darauf warten würde  :breitgrins:

Inzwischen hatten meine Eindrücke wohl genug Zeit, um sich zu setzen. ;) Der Abstand zwischen Lesen und Rezi schreiben macht  mir noch mal deutlich, wie sehr mich das Buch beeindruckt hat, denn obwohl ich es im Mai gelesen habe, ist es mir präsenter als das eine oder andere soeben gelesene Buch.

Das kann ich auch nur bestätigen, obwohl meine Lektüre ja noch länger zurückliegt. Aber auch meine Erinnerungen sind in diesem Fall noch deutlich farbiger und umfangreicher als an viele andere seitdem gelesene Bücher. Und ich glaube nicht, daß das nur daran liegt, daß wir zwischendurch immer wieder mal darüber gesprochen haben ...


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Breña

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #28 am: 31. Dezember 2011, 16:47:12 »

Ich hätte ja gedacht, daß ich noch so fünf bis sechs Stunden darauf warten würde  :breitgrins:

Die verbringe ich doch mit dem Schreiben der restlichen Rezis. :breitgrins:

Das kann ich auch nur bestätigen, obwohl meine Lektüre ja noch länger zurückliegt. Aber auch meine Erinnerungen sind in diesem Fall noch deutlich farbiger und umfangreicher als an viele andere seitdem gelesene Bücher. Und ich glaube nicht, daß das nur daran liegt, daß wir zwischendurch immer wieder mal darüber gesprochen haben ...

Ich habe kurz überlegt, ob das damit zusammenhängt, dass ich hier im Thread während des Lesens schon umfangreich gepostet habe - aber ähnliches gilt auch für andere Bücher, die mir weit weniger präsent sind. Wie man's dreht, es liegt eindeutig am Buch.
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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #29 am: 31. Dezember 2011, 18:41:27 »

Was macht ihr nur?!  :breitgrins:
Wieder ein Buch, was im neuen Jahr unbedingt gelesen werden will - ich brauche mehr Regale, mehr Platz  :zwinker:
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