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Autor Thema: Paul Anderson - Hungersbräute  (Gelesen 3525 mal)

Twilight

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Paul Anderson - Hungersbräute
« am: 30. März 2006, 20:32:48 »

Auf ausdrücklichen Wunsch unserer allmächtigen Forenmama  :winken: stell ich meine Rezi zu den "Hungersbräuten" hier rein. In Kürze: Dieses Epos hat gute Chancen auf mein "Buch des Jahres", es ist nicht immer einfach zu lesen und zu verstehen, aber es ist - vor allem, nachdem man es ein paar Tage hat sacken lassen - einfach nur grandios!

1400 Seiten und 1495 Gramm geballte Geschichte, Theologie und Kultur erwarten den Leser, der sich auf dieses Buch einlässt - und einlassen muss man sich, die “Hungersbräute” sind kein Text, den man mal eben so wegschmökern kann.

Inhalt:
Hauptthema ist die Geschichte der historischen Gestalt Sor Juana Ines de la Cruz, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Neuspanien, dem heutigen Mexiko gelebt hat. Die Eroberung der Neuen Welt durch die Europäer ist noch lange nicht so gefestigt wie heute, die Ureinwohner, “mexicas” genannt, halten hartnäckig an ihrer Lebensweise, ihrer Religion und Kultur fest - etwas, was die katholische Kirche durch starke Präsenz und die Einschaltung der Inquisítion zu unterbinden sucht.

Sor Juana Ines de la Cruz ist eine Kreolin, d.h. eine in Amerika geborene Weiße, die aufgrund ihrer ländlichen und dazu noch unehelichen Herkunft kaum weniger geachtet wird als die Indios. Ihre Mutter führt eine Farm, ihren Vater kennt sie nur von gelegentlichen Besuchen, ihre Hauptbezugspersonen ist ihr Großvater, der sie, nachdem sie sich selbst mit drei Jahren das Lesen beigebrachthat, mit Literatur, klassischer Philosophie und moderner Naturphilosophie (wie die beginnende Naturwissenschaft damals genannt wurde) bekannt macht. Großen Einfluss übt auch ihre indianische Amme aus, die sie in die Welt der Indio-Mythologie einführt, sie Nahuatl, die Sprache der Indios lehrt und deren gleichaltrige Tochter gemeinsam mit ihr aufwächst.

Nach einer - mehr oder weniger - unbeschwerten Kindheit zwischen der Natur am Popocatépetl und der Bibliothek des Großvaters kommt Juana für einige Jahre an den prunkvollen Hof des spanischen Vizekönigs in Mexiko, wo sie sich als dichterisches und philosophisches Wunderkind einen Namen macht, allerdings auch fast unter den höfischen Intrigen zerbricht. Auf Anraten ihres Beichtvaters tritt sie schließlich mit Anfang 20 in ein Kloster ein, da dies der einzige Ort zu sein scheint, an dem sie ihren unersättlichen Wissensdurst und Bildungshunger stillen kann. Dort entwickelt sie sich zur wichtigsten spanisch-sprachigen Dichterin des ausgehenden “Goldenen Zeitalters” des Barock, anerkannt in der Alten ebenso wie in der Neuen Welt. Den Rest ihres Lebens verbringt sie im Kloster San Jéronimo, allerdings mit eher unüblichen Beschäftigungen: Nach wie vor ist sie als Dichterin sehr gefragt, und sie stellt ihr Können immer wieder mit Auftragsarbeiten für den Hof oder die Kirche unter Beweis.

Dennoch wird sie vom Klerus argwöhnisch beobachtet; besonders ihre langjährige Freundschaft zum einem mexikanischen Geographen und Astronomen und ihre Beziehung zur Vizekönigin, die als ihre Fürsprecherin fungiert, erzeugt Misstrauen, ebenso wie die Veröffentlichung von Gedichten, in denen christliche Heilige mit Figuren aus der griechischen Mythologie in Verbindung gebracht werden. Um 1690 gerät sie endgültig ins Visier der Heiligen Inquisition, der auch ihr Beichtvater, der Jesuit Antonio Nunez angehört - eine zwiespältige Figur, die in der Folge erfolgreich versucht, Sor Juanas nach Freiheit und Wissen hungernden Geist zu brechen und sie endgültig in die Abgeschiedenheit des Klosters zu verbannen. Nachdem er einen ihrer glühendsten Verteidiger verurteilt und das Beichtgeheimnis gebrochen hat, um sie in Verruf zu bringen, beendet sie ihre dichterische Tätigkeit, stuft sich selbst im Konvent auf den Rang einer Novizin zurück und beginnt ein Leben, das der Kontemplation und Kasteiung gewidmet ist. Erst als in Mexiko die Pest ausbricht und auch das Kloster betroffen ist, taucht sie im weltlichen Leben wieder auf und widmet sich der Pflege der Kranken, nur um nach wenigen Wochen selbst im Alter von 46 Jahren an der Krankheit zu sterben.

Der Titel des Buches verbindet den Juana-Handlungsstrang mit dem der kanadischen Studentin Beulah Limosneros - beide Frauen sind getrieben von einem Hunger nach Wissen, der sie letztendlich in den Untergang führt. Diese Beulah Limosneros, eine hochsensible, psychisch labile und hochintelligente junge Frau, die an ihrer Universität ebenso als “Wunderkind” bezeichnet wird wie Sor Juana 300 Jahre zuvor, stößt im Zuge ihres Studiums auf die Dichterin, beginnt über sie zu forschen und verfällt dem Reiz von deren Leben und Dichtung. Dabei verstrickt sie sich in eine verhängnisvolle Affäre mit dem Literaturprofessor Donald Gregory. Als dieser die Affäre beendet, flüchtet sie in einen esoterischen “Studienaufenthalt” nach Mexiko, beginnt dort eine weitere Affäre mit einem Mexikaner, kehrt zurück nach Kanada und begeht schließlich einen Selbstmordversuch, nach dem sie von Gregory gefunden wird - der daraufhin ihre Aufzeichnungen an sich nimmt und flieht.

Der Autor:
Paul Anderson ist ein kanadischer Kosmopolit, Jahrgang 1956, der mit Anfang 20 zunächst seine Heimat hinter sich ließ, um die Welt reiste und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Nebenbei schrieb er einige Short Stories, machte aber ansonsten als Autor kaum von sich reden - bis er in Mexiko das erste Mal auf Sor Juana stieß und damit das Thema gefunden hatte, das ihn die nächsten 12 Jahre beschäftigen sollte. Unter anderem besuchte er alle Original-Schauplätze in Mexiko, die heute zum großen Teil auch noch zu besichtigen sind. Als er den ersten, 1000-seitigen Entwurf seines Romans einem Verlag vorlegte, wurde er zu seinem Erstaunen nicht zu Kürzungen verdonnert, sondern sollte ihn noch verlängern.

Meinung:
Jeder Versuch, dieses Buch in seiner ganzen Fülle an sprachlicher und inhaltlicher Vielfalt angemessen zu würdigen kann nicht mehr als unbeholfen ausfallen. Anderson tobt sich in seinem Erstling, für den er immerhin 12 Jahre gebraucht hat, nach Kräften aus. Schon allein die schillernde Figur der Sor Juana hätte Stoff genug für mehr als einen großen Roman geboten, aber seine Verknüpfung mit ihrem modernen Pendant, der Studentin Beulah, setzt dem ganzen die Krone auf. Die drei Perspektiven, die hier dargeboten werden - die durch Beulahs AUfzeichnungen erzählte Geschichte Juanas, die von Donald erzählte Geschichte Beulahs und Donalds eigene Darstellung der Geschehnisse - wird zusätzlich noch durch unterschiedlichste Textarten aufgebrochen. Da wird eine klassische Erzählerperspektive abgelöst von inneren Monologen, Tagebucheinträgen und Briefen, offiziellen (und historisch korrekten) Dokumenten der Inquisition, einer modernen Bearbeitung des Lebens Juanas als Drehbuch und - natürlich - immer wieder Gedichten und Dramenfragmenten der Dichterin selbst.

Diese Vielfalt an Stilen fordert dem Leser zwar einiges an Anpassungsleistung ab, macht die Erzählung aber dafür umso lebendiger und glaubwürdiger. Dies ist umso bemerkenswerter, als der ganze Wälzer erstaunlich actionarm ist. Eigentlich passiert nicht viel, und von außen betrachtet hat Sor Juana ein ziemlich langweiliges Leben geführt. Das Hauptaugenmerk liegt auf ihrer intellektuellen Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt und mit den Kirchenoberen. In diesen Passagen kommt das ganze Spektrum ihrer universellen Bildung zum Tragen, das von Anderson in fiktiven Dialogen und Briefwechseln brillant wiedergegeben wird - und wo der Leser mit muss, auch wenn zwischendurch der ein oder andere Ausflug zu Wikipedia o.ä. nötig wird. Eine gewisse Vorbildung in Bezug auf griechische und ägyptische Mythologie sowie ein theologisches Grundvokabular erleichtern das Verständnis auf jeden Fall ungemein.

Leider kommt die “moderne” Handlungsebene um Beulah bei aller barocker Pracht, in der die Juana-Geschichte präsentiert wird, fast ein wenig zu kurz, obwohl sie mit geschätzten gut 300 Seiten eigentlich schon genug Stoff für ein eigenes Buch bieten würde. Dennoch wird zwar die Faszination, die die Nonne auf die Studentin ausübt, sehr plakativ beschrieben, aber die intellektuelle und thematische Verbindung zwischen den beiden Frauen kommt fast zu kurz, zumindest hat sie sich mir vor allem auf den ersten 1000 Seiten nicht wirklich erschlossen.

Ich habe an diesem Epos fast drei Monate gelesen, und das Buch ist sofort nach dem Zuklappen auf meine Stapel wiederzulesender Bücher gelandet - wobei ich mir fest vorgenommen habe, es mir das nächste Mal nur in einem langen und ruhigen Urlaub wieder vorzunehmen.

Weiterführende Links:
- hungersbrides.net - die Seite zum Buch
- Das Blog des Autors
- Sor Juana bei Wikipedia

« Letzte Änderung: 30. Juli 2006, 10:10:50 von Seychella »
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HoldenCaulfield

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #1 am: 30. März 2006, 20:42:47 »

Wow was für eine Rezension! Du hast mich richtig neugierig auf das Buch gemacht!! Auf meine Wunschliste damit!

Grüße
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Liisa

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #2 am: 30. März 2006, 23:43:15 »

Bei mir steht das Buch auch schon längst auf der Leseliste - es ist für mich zur Zeit nur leider recht teuer und keine der Bibliotheken in meinem Umfeld hat es bisher im Bestand.  :heul:

Tolle Rezension, die mich noch darin bestärkt, dieses Buch unbedingt mal lesen zu wollen ... wann auch immer!

Dank an die "Forenmama" für's Insistieren!  :smile:
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nimue

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #3 am: 31. März 2006, 05:55:53 »

Liebe Twilight,

vielen Dank für die wunderbare Rezension! :anbet:
Nun kann ich es wohl gar nicht vermeiden, dieses Buch meinem SUB einzuverleiben :breitgrins:

Liebe Grüße
nimue
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Wenn Du keinen Menschen töten kannst - gut; kannst Du kein Vieh und keine Vögel töten - noch besser; keine Fische und Insekten - noch besser. Bemüh Dich, soweit wie möglich zu kommen. Grüble nicht, was möglich ist und was nicht. Tu, was Du mit Deinen Kräften zustande bringst. Darauf kommt alles an. (Leo Tolstoi)

yanni

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #4 am: 31. März 2006, 08:12:55 »

:ohnmacht:  wieder ein Buch mehr auf der Wunschliste

Danke für die tolle Rezi!
Du hast dir sehr viel Mühe damit gemacht.


Lieben Gruß
yanni :blume:
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Valentine

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #5 am: 31. März 2006, 13:17:25 »

Das Buch gibt's neuerdings auch beim Club *listefürnachderbuchkauffastenzeitzück*
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The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #6 am: 31. März 2006, 15:44:17 »

Zitat von: Valentine
Das Buch gibt's neuerdings auch beim Club *listefürnachderbuchkauffastenzeitzück*


Genau :breitgrins:  Bei so einer tollen Rezi bin ich absolut neugierig auf das Buch geworden.
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dubh

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #7 am: 31. März 2006, 20:53:26 »

@ Twilight: Danke für Deine tolle Rezi! Du hast mir wirklich richtig Lust gemacht das Buch zu lesen!  :winken:
Schade, dass ich den Stapel im Laden schon remittiert hab...  :rollen: Ich Dussel.  :grmpf:
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adia

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #8 am: 02. April 2006, 20:08:45 »

Super Rezi, Twilight!

Hab mir die englische Taschenbuchausgabe direkt mal auf den Amazon- Wunschzettel gesetzt, damit ich s nicht vergesse  :zwinker:

lg, adia
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Doris

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #9 am: 28. April 2006, 22:36:28 »

Hallo Twilight,

wenn ich Deine Rezi zuerst gelesen hätte, wäre ich noch neugieriger auf das Buch geworden, als ich es ohnehin schon war. Alles so schön kurz und prägnant beschrieben.  

In Wirklichkeit bin ich ziemlich enttäuscht worden. Wodurch das Buch für mich glänzt, ist der Abwechslungsreichtum, in dem es geschrieben ist. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass es von mehreren Autoren geschrieben sein musste. Die Geschichte der Juana Ines ist auch sehr interessant, keine Frage. Allerdings wurde das Ganze derart platt gewälzt und breit getreten, dass ich schlicht die Ausdauer verlor, alles in dieser Ausführlichkeit zu lesen. Seitenlange Briefe und Gedankengänge - irgendwann kam mir ständig das Sprichwort Weniger ist mehr in den Sinn. Da waren die Gedichte, die in so wenigen Worten so viel aussagen, Balsam für mein Hirn.

Die Berichte von Beulah sind sehr gelungen - sie klingen wirklich so, wie ich es von einer derart verwirrten Person, die kurz vor dem Selbstmord steht, erwarten würde. Für mich war es zu viel, an dem Punkt hatte ich schon längst die Ausdauer und den Willen verloren, mich darauf einzulassen und überflog diese Passagen zum Großteil. Diesen Part des Romans hätte man auch gut weglassen können, er passte nicht zwischen die historische Realität.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es für mich besser gewesen wäre, die Geschichte von Sor Juana in Sachbuchform zu lesen, auch wenn ich dann auf die teilweise wunderschöne Sprache des Buches verzichten müsste. Hätte der Autor nur halb so dick geschrieben, wäre es sicher auch für mich ein Highlight geworden. Ich sehe mich mit meiner Meinung zwar ziemlich alleine dastehen, denn die Rezis, die ich im Internet gefunden haben, waren durch die Bank positiv, aber ein bisschen drängt sich mir schon die Frage auf, warum das Buch in keiner Verkaufsliste erscheint.

Von mir gibts dafür  2ratten

Liebe Grüße
Doris
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Twilight

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #10 am: 04. Mai 2006, 10:06:55 »

So unterscheiden sich die Geschmäcker  :zwinker:

Für mich war es eben gerade die Ausführlichkeit (die Dir als Langatmigkeit vorgekommen ist), die den Reiz ausgemacht hat. Vor allem wegen diesern wunderbaren sprachlichen Vielfalt hätte das Buch für mich keine Seite kürzer sein dürfen.

Zitat
aber ein bisschen drängt sich mir schon die Frage auf, warum das Buch in keiner Verkaufsliste erscheint.


Ich glaube, weil es kein Buch für den Massenmarkt bzw. Massengeschmack ist; kein Sex, keine Action und sicher keine Geschichte, die man mal eben so nebenbei wegschmökern kann. Für die meisten "Gelegenheitsleser" dürfte es schlicht zu anspruchsvoll sein.
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Doris

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Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #11 am: 05. Mai 2006, 20:50:18 »

In den wenigsten Klassikern kommen S.e.x. und Aktion vor, und doch haben sie heute noch ihre Leser. Spannung gab es ja auch in den Hungersbräuten, das wäre nicht mein Problem gewesen. Was mich störte, waren die häufigen Wiederholungen von Handlungen und Gedankengängen, die seitenlang beschrieben wurden. Zum nebenbei wegschmökern war es auch für mich nichts, aber eher deshalb, weil es mir doch zu eintönig wurde. Da half auch der schöne Stil nicht mehr.

Ein weiterer Grund dürfte - wie so oft bei mir - meine hoch geschraubte Erwartung angesichts der tollen Rezensionen gewesen sein. Wäre ich unvorbereitet auf das Buch gestoßen, könnte meine Reaktion eine ganz andere gewesen sein.

Liebe Grüße
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Chrissi

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #12 am: 13. Juli 2006, 23:38:32 »

wow, bei der Rezi kann man ja nicht nein sagen!!

In den Urlaub werde ich es nicht mitnehmen können (hat sich jetzt einiges gesammlet) aber ich mache mir eine kleine Vorfreude auf die Heimfahrt und lese es wenn ich wieder da bin!!

tolle Rezi, nochmal!!

liebe grüße
Chrissi
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"Lesen war ein Zustand, in dem die Zeit verstrich, weil sie nicht anders konnte, während Adas Verstand in Nahrung eingelegt wurde, so dass seine hektische Gier in ein gleichmäßiges Einsaugen und Verwerten überging." Spieltrieb - Juli Zeh

HoldenCaulfield

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #13 am: 08. Dezember 2008, 13:42:28 »

Meine Meinung:

Ja dieser Roman hat es ganz schön  in sich. Leicht zu lesen fand ich ihn ehrlich gesagt nicht. Ich habe dann auch über ein halbes Jahr gebraucht um ihn zu beenden. Vor allem die Rahmenhandlung rund um Beula fand ich oft eher verwirrend  und zeitweise wusste ich nicht so recht was gerade passiert. Die Rahmenhandlung hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen, irgendwie war sie für mich eher überflüssig und hat mich eher aus der eigentlichen Geschichte herausgerissen.

Vielleicht hätte ich sogar aufgegeben wenn da nicht die überaus faszinierende Sor Juana gewesen wäre, die zum Glück den Haupteil dieses Romans ausmacht. Ihre Geschichte wird hier in wunderbaren Bildern erzählt, obwohl nicht sehr  viel passiert wird man schnell in ihren Bann gezogen. Ihre Intellektuellen Diskussionen, ihre Gedichte, überhaupt ihre Fähigkeiten stehen im Mittelpunkt. Irgendwie kann man verstehen weshalb die Studentin Beula immer tiefer in ihr Leben gezogen wird. Man ist Hautnah dabei wenn Sor Juana von der Inquisition bedrängt wird. Wie sie Jahrelang immer wieder kritisiert wird, gerade weil sie eine Nonne ist die ihre Intellektuellen Fähigkeiten voll ausschöpft.

Anderson hat eine wunderbare Sprache die dem Thema die nötige Tiefe gibt. Gerade die Sprache war es auch die mir den Roman noch näher gebracht hat. Die wunderbaren Gedichte der Dichterin gaben dem Ganzen dann noch den Anschein von Autänsität. In wie weit der Autor hier nah am Leben von Sor Juana war, kann ich leider nicht beurteilen, aber ich hatte nicht nur einmal den Eindruck: wenn es so nicht war, dann ist es verdammt gut erfunden! Irgendwie sah ich zwischen den Zeilen, die Dichterin immer wieder hervortreten. Sie hat mich sehr lange begleitet und ich wurde auf jedenfall neugierig auf sie gemacht, nächstes Jahr werde ich sicher noch das ein oder andere Sachbuch zu ihrem Leben in die Hand nehmen.

Für mich einer der besten Romane die ich in diesem Jahr gelesen habe. Wenn man sich darauf einlässt, einfach wunderbar zu lesen!

5ratten


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Aldawen

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Re: Paul Anderson - Hungersbräute
« Antwort #14 am: 26. September 2010, 20:14:55 »

Für den Inhalt verweise ich auf Twilights Rezi. Der Roman ist zwar umfangreich genug, daß auch noch anderes zu berichten wäre, aber schließlich soll das hier keine Nacherzählung werden :zwinker:

Auch in der Bewertung kann ich mich Twilight in vielem anschließen. Hungersbräute ist in jeder Hinsicht opulent, und das ist tatsächlich ein Kompliment. Ich finde nur noch selten Bücher, die mich über eine solche Anzahl von Seiten hinweg zu tragen vermögen, obwohl eigentlich nichts darin passiert. Gerade das macht aber eine angemessene Würdigung von Andersons Leistung so schwierig. Daher zunächst einmal zu den formalen Aspekten.

Die Trinität der Erzählperspektiven ist sicher nicht zufällig gewählt, und wie schon gesagt wird das Ganze durch die verschiedene Präsentationsformen sehr schön abgewechselt und verdeutlicht. Ein einzelner auktorialer Erzähler hätte niemals die gleiche Wirkung erzielen können, wie es durch diese Darstellungen erreicht wird. Dokumente der Inquisition neben den inkriminierten Gedichten zu lesen, ließ mich manches Mal heftig schlucken. Dagegen fand ich die Verschränkung mit dem „modernen“ Erzählstrang weniger geglückt. Auch mir fehlte lange eine Erklärung für die Faszination, die Sor Juana auf Beulah ausübt, und selbst nach Beendigung der Lektüre und mit dem Abstand einiger Tage ist mir das zu dünn geraten. Ich will gar nicht einmal sagen, daß ich auf diesen Teil hätte verzichten können, aber er bekommt erst im letzten Viertel einiges Gewicht, das aber auch nur bedingt aus der Verbindung zwischen Juana und Beulah entsteht, und bis dahin wirkte er schon eher überflüssig. Darüber war ich nicht einmal enttäuscht, da ich es sowieso sehr viel interessanter fand, Sor Juana in ihrer Entwicklung zu verfolgen als Beulah.

Bemerkenswert ist vor allem die Fülle an Informationen, die Anderson geschickt in Sor Juanas Ausführungen verpackt. Wie Twilight schon sagte, erleichtern Vorkenntnisse in griechischer und ägyptischer Mythologie, antiker Dichtkunst sowie theologischer Grundbegriffe und Konzepte das Verständnis sicher enorm. Vieles davon ist aber so gut eingebunden, daß man sogar ohne Lexikon in Griffweite auskommen kann, aber viele Spuren werden zum Nachverfolgen reizen. Mit diesen Bezügen läßt es Anderson aber nicht bewenden. Zusätzlich erfährt man als Leser noch vieles über die Lebensbedingungen in Mexiko in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert sowie über das Verhältnis zwischen Spaniern, Kreolen, Mestizen, Indianern, Afrikanern, Mulatten und Zambos. Auch präkolumbianische Geschichte findet dank Sor Juanas Freund Carlos de Sigüenza y Góngora und ihrer Amme Xochitl Eingang. Und nicht zuletzt verfolgt man eine Reihe kirchlicher Intrigen, die mehr oder weniger direkten Bezug zur Inquisition, manchmal aber auch einfach zu weltlicher Macht haben.

Hier setzt dann auch der Aspekt an, in dem ich diesen Roman wohl anders gelesen habe als Twilight, was aber überhaupt nicht gegen ihn spricht, im Gegenteil. Sor Juanas Widerstand gegen die Inquisition ist sicher eine intellektuelle Auseinandersetzung, in der sie von ihrer, zunächst vielleicht durch den Großvater etwas erratisch zugeführten und geförderten, letztlich aber doch sehr universell gewordenen Bildung profitiert. Ich muß aber gestehen, daß ich mich aus diesen Details doch irgendwann ausgeklinkt habe, und zwar sowohl aus den Argumentationen an sich, als auch vor allem aus den innerkirchlichen, machtpolitischen Verwicklungen. Stattdessen habe ich Sor Juanas Briefe, Aufzeichnungen, innere Monologe als Beispiel dafür gelesen, wie ein repressives Regime Menschen in Unsicherheit und letztlich in den buchstäblichen Wahnsinn treiben kann, indem die Gedanken ständig um die gleichen Fragen kreisen: Was habe ich eigentlich gesagt? Wie habe ich es gesagt? Was wissen sie? Was spiegeln sie mir nur vor? Wenn ich bestimmte Dinge sage: schade oder nutze ich mir damit? Was wollen sie konkret von mir: meine Niederlage und Demütigung oder bin ich nur ein Werkzeug zu anderen Zwecken? All dies läßt sich aus Sor Juanas Gedankengängen sehr gut ableiten, und hier setzen auch die drastischsten Wiederholungen im Text an. Aber gerade deshalb wird besonders klar, wie diese Mechanismen funktionieren, und sie funktionierten nicht nur in den Händen der Inquisition, sie funktionieren genauso bis heute in den Händen diktatorischer Regime rund um die Welt mit ihren Geheimpolizeien und Folterkellern. Das war für mein Empfinden außerordentlich beklemmend, und dies wird auch dafür sorgen, daß ich diesen Roman nicht so schnell vergesse.

 4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

Schönen Gruß
Aldawen
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika