Ich bin kein Krimileser und greife nur hin und wieder zu diesem Genre, wenn das Buch sehr nachdrücklich empfohlen wird und im besten Fall auch genug Drumherum hat, das mich abseits der Krimihandlung unterhalten kann. Empfohlen wurde mir
Verblendung gleich von mehreren Personen und schlußendlich mit einer deutlichen Anweisung in die Hand gedrückt: "Lies!" Einmal begonnen stellte sich das auch nicht als Problem heraus, nach zwei Abenden war das Buch gelesen und ich gut unterhalten, den Hype darum kann ich aber nur bedingt nachvollziehen.
Vieles wird nur vage angedeutet (so etwa, was es mit Lisbeth Salanders Abneigung gegen Behörden auf sich hat) oder viel zu spät erklärt, um die Spannung hoch zu halten.
Ich bin froh, dass einiges nur angedeutet wurde und ich selbst die Schlüsse ziehen musste/ konnte, auch wenn dadurch nicht alles bis ins letzte aufgelöst wurde. Im Fall von Lisbeth Salander liegt die Vermutung nah, dass
ihre Vorgeschichte u.a. mit diversen Aufgriffen durch die Polizei und vor allem die Vormundschaft ihre Abneigung gegen jede Art von Behörde geschürt haben. Es wird sehr schnell klar, dass sie gut auf sich selbst aufpassen kann und keine Probleme damit hat, den Alltag zu meistern, auch wenn sie sozial versagt.
vor allem der Schluss wird nicht einfach auf 30 Seiten hingeschludert (wie so oft bei diesem Genre), sondern Larsson nimmt sich Zeit und Platz, die Geschichte zu Ende zu erzählen. Sowas ist sehr erfreulich.
Zum einen stimme ich zu, Larsson erzählt, was er zu erzählen hat, und verweilt auch gerne mal bei Nebensächlichkeiten, die für mich allerdings nicht störend waren sondern zum Gesamtbild gehörten. Allerdings zögerte das so manche Auflösung dermaßen hinaus, dass ich schon fast genervt war. Nachdem so viele Querverbindungen gelöst waren, lag Harriets Schicksal für mich z.B. schon längst auf der Hand während im Text noch Geheimniskrämerei betrieben wurde. Oder auch Kleinigkeiten wie Lisbeths Geheimnis - die Hinweise waren eindeutig, ein großer Knall sollte die Enthüllung für den Leser also nicht sein, wird aber von Larsson so verkauft. Andererseits war ich mir meiner Verdächtigungen, was den Täter anbelangt, nie ganz sicher, da die Informationen hier sehr spärlich gestreut sind, auf der Auflösung aber auch nicht unendlich lange herumgeritten wird.
Selten konnte mich ein Buch, dessen Inhalt mir für meinen Geschmack eigentlich viel zu Konstruiert und nahe am Unrealistischen war, dennoch so fesseln.
Die Handlung fand ich eigentlich gut und glaubhaft konstruiert. Die einzelnen Elemente sind dabei alle bereits bekannt - eine einflußreiche Familien mit dunklem Geheimnis, Wirtschaftskriminalität, eine Mordserie, amouröse Verwicklungen, Rache, etc. - Larsson hat es aber geschickt geschafft, sie alle plausibel miteinander zu verknüpfen. Dass es stellenweise etwas dick aufgetragen ist, na gut. Wollen wir sowas nicht lesen, wenn wir zu solch einem Buch greifen?

Manche Figuren wirken sogar wie Karikaturen (Harald Vanger, Isabella Vanger), die aber glücklicherweise nicht so oft auftauchen.
Auch ich fand die Personen teils etwas zu schematisch, halte es angesichts der Fülle aber durchaus für in Ordnung. Als Karikaturen empfand ich sie beim Lesen zwar nicht, im Nachhinein ist diese Einordnung für mich aber sehr gut nachvollziehbar. Die Figurenkonstellation verspricht immerhin auch in den Folgebänden interessant zu werden. Bemerkenswert finde ich, dass man trotz der zahlreichen Personen, allein aus der weit verzweigten Familie Vanger, den Überblick behalten kann.
Wie den meisten gefiel auch mir Lisbeth Salander am besten, eine ungewöhnliche, gut ausgearbeitete Figur. Mikael ist zu sehr Frauenheld, was wahrscheinlich die kantige Seite seiner sonst eher glatten Persönlichkeit darstellen soll, insgesamt aber ein sympathischer Charakter. Erika Berger ist mir zu tough - immer einen flotten Spruch auf den Lippen, von allen bewundert, nur Mikael gegenüber gesteht sie Schwächen ein.

Henrik Vanger kommt ebenfalls etwas zu gut weg, auch wenn er eine sympathische Person ist, hätte die Kritik an ihm ruhig etwas ausgiebiger ausfallen können.
Was die neuen Hinweise betrifft, die Blomquist nach 40 Jahren findet, da finde ich es nur zum Teil wahrscheinlich, dass sie bis jetzt unentdeckt geblieben sind. Einiges davon hätte eigentlich zur polizeilichen Routineuntersuchung gehört. Größere Logiklöcher sind mir allerdings aber auch nicht aufgefallen.
Wie gesagt, ich bin nur eine Gelegenheits-Krimi-/Thrillerleserin, aber Kommissar Zufall spielt meist eine große Rolle, oder nicht? Und in diesem Fall halte ich zwei Punkte zugute: zum einen haben sich Ermittlungsmethoden bzw. Recherchemöglichkeiten allgemein innerhalb von vier Jahrzehnten bestimmt deutlich gewandelt, zum anderen kann eine frische Herangehensweise einiges lostreten, wohingegen die vorherigen Ermittler gedanklich bereits im Kreis liefen.
Darüber hinaus fand ich die Überlegungen zu Moral und Ethik eines Journalisten bzw. zur Branche allgemein sehr interessant. Ich würde ja gern wissen, ob es einen Bezug zu aktuellen Diskussionen in Schweden gibt.
Außerdem gefiel mir, wie Larsson Bezug nimmt auf die Landschaft und so ortskundige Leser miteinbezieht, oder Mikaels Lektüre beim Namen nennt, solche Details mag ich.
Insgesamt reicht es für

+

Viele Grüße
Breña