Hier meine Meinung zu Reptilia:
Der Anfang des Romans verläuft nach altbekanntem Muster: ein Expeditionsteam wird zusammengewürftelt, bestehend aus einer bunten Mischung von Wissenschaftlern und Abenteurern, finanziert von einer reichen alten Dame, die im Kongo ihre Tochter vermisst und daneben auch noch einen wissenschaftlichen Auftrag hat: nämlich einen lebenden Saurier aufzustöbern...
Ein vielversprechender Auftakt, der in der Tradition bekannter und beliebter Abenteuerromane wie zum Beispiel Jurassic Park steht. Im Verlauf der Expedition erlebt das Team zahlreiche nervenaufreibende Szenen und macht weitreichende Entdeckungen, die mit plausiblen wissenschaftliche Theorien untermauert werden.
Im letzten Drittel ändert sich der Charakter des Romans; Thomas Thiemeyer bricht die von ihm eingeführten Klischees eines Abenteuerromans und die Handlung nimmt einen eher mystisch-phantastischen Verlauf, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Ich fühlte mich durch den Roman gut unterhalten, die Spannung nahm stetig zu und insbesondere der letzte Teil hat mich sehr fasziniert.
Was in meinen Augen auf der Strecke bleibt, sind die Charakterzeichnungen der Hauptfiguren. Der Ich-Erzähler David, seines Zeichens Genetiker, wird von Anfang an als naiver und unbedarfter Wissenschaftler dargestellt, was ihn mir aber nicht unsympathisch macht, eher im Gegenteil. Ich hoffte, dass dieser Charakter sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln und sich zu einem handfesten Abenteurer mausern würde. Im Prinzip kommt es auch genauso, aber leider bekommt der Leser von diesem Prozess so gut wie nichts mit, da sich Davids Wandlung abrupt und unvermittelt vollzieht. Nur ganz selten bekommt der Leser Einblick, was wirklich in ihm vorgeht. Die parallel verlaufende Verwandlung einer zweiten Hauptfigur, nämlich des Großwildjägers Maloney, ist da etwas besser gelungen; bei ihm kann man die Gründe für seine Entwicklung wenigstens nachvollziehen. Leider verblasst auch der Pygmäe Egomo im Verlauf der Handlung zusehends. Etwas mehr Vergnügen hatte ich mit den Frauenfiguren des Romans, die ein paar wirklich starke Auftritte lieferten. So ist für mich die eigentliche Hauptfigur der Mokéle m'Bembé, um den sich der Roman dreht und der immer präsent ist, wenn auch nicht immer anwesend. Seine Darstellung hebt sich wohltuend von den üblichen T-Rex-Phantasien ab und ist für mich ein großes Plus.
Ansonsten ist der Roman flüssig zu lesen; insbesondere die Beschreibungen des Dschungels im ersten Drittel sind sehr bildhaft und poetisch beschrieben, was mir gut gefallen hat.
Kurz gesagt: "Reptilia" ist ein Abenteuerroman auf den Spuren von "Jurassic Park" und Co., der aber gegen Ende die ausgetretenen Pfade seiner Vorbilder verlässt und seinen eigenen mystisch-phantastischen Charakter annimmt, ohne dabei auf plausible Erklärungen zu verzichten. Eine spannende und unterhaltsame Lektüre, wenn auch nicht auf allerhöchstem Niveau. Eine Rattenplage wird das Buch sicher nicht auslösen.

Viele Grüße
Miramis