@ geronemo
Dies ist mein erster Beitrag im Forum, in dem ich bislang nur mitgelesen habe. Der Text gefällt mir ausgezeichnet. Nicht, weil ich das Buch gelesen und eine ähnliche Einschätzung gewonnen habe.
In Feuilletonbeiträgen wird mitunter die sprachliche Exaktheit der Autorin hervorgehoben. Dabei wird nicht beachtet, dass Juli Zeh mit Fachkenntnissen daherkommt, die problematisch sind. Im Spieltrieb frühe Beispiele:
„Das Problem beschäftigt die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Ein Computer, der es lösen wollte, sähe sich gezwungen, eine Gleichung zu bilden, die gegen Unendlich geht.“
Das ist einfach nur verquaster Unsinn. Was bedeutet es, wenn eine Gleichung gegen unendlich geht, was nicht funktioniert, da eine Gleichung nicht konvergieren kann? Und was ist ein Computer im Bezugszeitraum, der etwas wollte und sich zu etwas gezwungen sähe? Das klappt höchstens in Zeiten von Star Trek.
„Wenn er darauf antwortete mit der Zahl X, so fügte der Vorgang des Antwortens der Summe einen weiteren Prozess hinzu, so dass sie lauten müsste: X plus eins, und seine Antwort wäre falsch.“
Die Verbindung aus einer Summe und einem Prozess über einen Akt des Hinzufügens verursacht einfach nur Kopfschmerzen. Da interessiert schon gar nicht mehr, ob eine sich daraus ergebende Antwort (!) falsch wäre.
Das ist aus meiner Sicht einfach nur selbstgefälliges Geschwurbel, in dem sich eine Halbildung äußert, die im Lektorat offenbar nicht bemerkt und von manchen Dritten beklatscht wird.
Irisch Radisch von der ZEIT hatte Zeh seinerzeit in Klagenfurt für den Bachmann-Preis vorgeschlagen. Ihr Stil im Umgang mit der geballten Kritik war instruktiv (
http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/14224/):
„Ursula März zeigte sich "völlig fassungslos", weil die Welt in der Erzählung Zeh's in zwei Lager gespalten werde, und es zu einer unzulässigen Verbindung zwischen "Physiognomie und Ethnologie" komme. Auf der einen Seite stünden die "Guten" mit den "schwarzen Haaren", auf der anderen die "blonden, proamerikanischen" Bösen", was März zufolge eine bei ihr "Entsetzen" hervorrufende Verbindung konstruiere.“
Heinrich Detering: "frappierend Klischee lastig und überanstrengt"
Norbert Miller „sah das Problem der Erzählung aber in einer nicht durchgängig ausgeführten Perspektivbrechung, die sich in der oftmals "verrutschten Metaphernsprache" manifestiere.“
(…) „allerdings müsste diese distanzierte Erzählhaltung vom Leser mitgedacht werden, um vollends verstanden werden zu können, so Radisch.“
Unerträglich finde ich, wie Ulrich Greiner auf einen Verriss des Zeh-Romans Schilf durch Tilmann Lahme in der FAZ reagierte:
„Mördergrube, DIE ZEIT Nr.43 vom 18.10.2007, S.63
Es muss ungefähr so gewesen sein: Irgendwann um 1990 herum, da waren sie beide 16 Jahre alt, begegneten sich die Schüler Juli Zeh und Tilmann Lahme auf einem Abtanzball, und das Mädchen Juli gab dem Knaben Tilmann einen hammermäßigen Korb. Was genau damals passiert ist, wissen wir nicht, aber wir konnten die Antwort dieser Tage in der FAZ lesen, wo Tilmann Lahme einen hammermäßigen Verriss des neuen Romans Schilf von Juli Zeh untergebracht hat.“
Was mich nervt, ist der Zustand von Teilen des deutschen Feuilletons, der sich in den Jubelbeiträgen und in Reaktionen wie der von Greiner äußert.
P.S.: Die Verrisse zu ihrem Bosnien-Tagebuch/Reisebuch bei amazon.de sind teils sehr erhellend. Manche Kritiken zeigen, wie sich das Unbehagen von Ursula März beim Lesen dieses Buches verstärken lässt.
Grüße, Mohan