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Autor Thema: Juli Zeh - Spieltrieb  (Gelesen 2645 mal)

geronemo

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Re: Juli Zeh - Spieltrieb
« Antwort #15 am: 19. Dezember 2007, 19:54:14 »

Hallo Jona77
ja, auf Verrisse und andere verbotne Sachen sind wir besonders scharf. Aber es gibt wohl lohnendere und unterhaltsamere Bücher als die von Frau Zeh,  gegen die ich nichts habe, die ich auch nicht für arrogant halte, von der ich nur meine, sie hätte ihr Buch "Spieltrieb" besser lektorieren lassen sollen. Es steht einfach zuviel sprachlicher Murks drin. Auch die Thematik scheint mir hergeholt.
Aber als TB kann man es sich kaufen und lesen. Ich hab mich damals nur gewurmt, weil ich es mir auf eine Rezi hin gekauft hatte und es dann mit der Rezi in keiner Weise mithalten konnte. Wenn mein Exemplar nicht so vollgesudelt wäre, könnte ich es dir schicken.

LG

geronemo
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mohan

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Re: Juli Zeh - Spieltrieb
« Antwort #16 am: 14. Juli 2008, 13:39:02 »

@ geronemo

Dies ist mein erster Beitrag im Forum, in dem ich bislang nur mitgelesen habe. Der Text gefällt mir ausgezeichnet. Nicht, weil ich das Buch gelesen und eine ähnliche Einschätzung gewonnen habe.

In Feuilletonbeiträgen wird mitunter die sprachliche Exaktheit der Autorin hervorgehoben. Dabei wird nicht beachtet, dass Juli Zeh mit Fachkenntnissen daherkommt, die problematisch sind. Im Spieltrieb frühe Beispiele:

„Das Problem beschäftigt die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Ein Computer, der es lösen wollte, sähe sich gezwungen, eine Gleichung zu bilden, die gegen Unendlich geht.“

Das ist einfach nur verquaster Unsinn. Was bedeutet es, wenn eine Gleichung gegen unendlich geht, was nicht funktioniert, da eine Gleichung nicht konvergieren kann? Und was ist ein Computer im Bezugszeitraum, der etwas wollte und sich zu etwas gezwungen sähe? Das klappt höchstens in Zeiten von Star Trek.

„Wenn er darauf antwortete mit der Zahl X, so fügte der Vorgang des Antwortens der Summe einen weiteren Prozess hinzu, so dass sie lauten müsste: X plus eins, und seine Antwort wäre falsch.“

Die Verbindung aus einer Summe und einem Prozess über einen Akt des Hinzufügens verursacht einfach nur Kopfschmerzen. Da interessiert schon gar nicht mehr, ob eine sich daraus ergebende Antwort (!) falsch wäre.

Das ist aus meiner Sicht einfach nur selbstgefälliges Geschwurbel, in dem sich eine Halbildung äußert, die im Lektorat offenbar nicht bemerkt und von manchen Dritten beklatscht wird.

Irisch Radisch von der ZEIT hatte Zeh seinerzeit in Klagenfurt für den Bachmann-Preis vorgeschlagen. Ihr Stil im Umgang mit der geballten Kritik war instruktiv (http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/14224/):

„Ursula März zeigte sich "völlig fassungslos", weil die Welt in der Erzählung Zeh's in zwei Lager gespalten werde, und es zu einer unzulässigen Verbindung zwischen "Physiognomie und Ethnologie" komme. Auf der einen Seite stünden die "Guten" mit den "schwarzen Haaren", auf der anderen die "blonden, proamerikanischen" Bösen", was März zufolge eine bei ihr "Entsetzen" hervorrufende Verbindung konstruiere.“

Heinrich Detering: "frappierend Klischee lastig und überanstrengt"

Norbert Miller „sah das Problem der Erzählung aber in einer nicht durchgängig ausgeführten Perspektivbrechung, die sich in der oftmals "verrutschten Metaphernsprache" manifestiere.“

(…) „allerdings müsste diese distanzierte Erzählhaltung vom Leser mitgedacht werden, um vollends verstanden werden zu können, so Radisch.“


Unerträglich finde ich, wie Ulrich Greiner auf einen Verriss des Zeh-Romans Schilf durch Tilmann Lahme in der FAZ reagierte:

„Mördergrube, DIE ZEIT Nr.43 vom 18.10.2007, S.63

Es muss ungefähr so gewesen sein: Irgendwann um 1990 herum, da waren sie beide 16 Jahre alt, begegneten sich die Schüler Juli Zeh und Tilmann Lahme auf einem Abtanzball, und das Mädchen Juli gab dem Knaben Tilmann einen hammermäßigen Korb. Was genau damals passiert ist, wissen wir nicht, aber wir konnten die Antwort dieser Tage in der FAZ lesen, wo Tilmann Lahme einen hammermäßigen Verriss des neuen Romans Schilf von Juli Zeh untergebracht hat.“


Was mich nervt, ist der Zustand von Teilen des deutschen Feuilletons, der sich in den Jubelbeiträgen und in Reaktionen wie der von Greiner äußert.

P.S.: Die Verrisse zu ihrem Bosnien-Tagebuch/Reisebuch bei amazon.de sind teils sehr erhellend. Manche Kritiken zeigen, wie sich das Unbehagen von Ursula März beim Lesen dieses Buches verstärken lässt.

Grüße, Mohan
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Myriel

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Re: Juli Zeh - Spieltrieb
« Antwort #17 am: 24. November 2010, 16:53:53 »

Ich hole den Thread hier mal aus der Versenkung und gebe mich der allgemeinen Steinigung preis, weil mir das Buch nämlich gefallen hat:

Juli Zeh - Spieltrieb

Als Ada auf die Privatschule Ernst-Bloch kommt, ist dies ihre letzte Chance, ihr Abitur zu machen. Aufgrund ihres schwierigen Charakters hat sie sowohl bei ihren Mitschülern als auch bei den Lehrern einen schweren Stand. Doch als während des Schuljahrs ein anderer neuer Schüler auf Ernst-Bloch eintrifft, ist Adas Neugier geweckt. Alev scheint der einzige zu sein, der ihrem Intellekt nicht nur gewachsen ist, sondern ihr sogar noch etwas beibringen kann. Auch er erkennt in ihr die lang gesuchte Partnerin und gemeinsam beginnen sie einen Plan umsetzen um zu beweisen, dass das ganze Leben nur ein Spiel ist. Doch Smutek, der Sportlehrer, welcher Gegenstand ihres Gesellschaftsspiels ist, verhält sich nicht immer nach Plan, so dass zum Schluss aus dem Spiel Ernst wird.

Was genau während Alevs und Adas Spiel geschehen ist, wird von der Richterin erzählt, die ihren Fall vor Gericht verhandelt hat und die sich aufgrund der Lebenseinstellung der Beiden, die sich selbst als die Urenkel der Nihilisten bezeichnen, außer Stande sieht, ein Urteil über sie zu fällen. Dabei nimmt die Richterin, die nur im ersten Kapitel selbst spricht, die Perspektive Adas ein und gibt als personale Erzählerin nicht nur das Geschehen wieder, sondern gibt auch Einblick in Adas Gedanken und Gefühle.

Gefühle sind eigentlich dass, was Alev und Ada verleugnen. Sie sehen darin nur Schwäche, sie sind sinnlos und völlig unlogisch. Doch trotz ihrer trockenen, sarkastischen Art ist Ada auf diesem Pfad noch längst nicht so weit fortgeschritten wie Alev und darin liegt auch der Grund dafür, dass ihr Spiel einen anderen Ausgang nahm als den, den Alev geplant hat. Der Weg dorthin ist jedoch weit und so begleitet man sowohl die drei Teilnehmer des Spiels, Alev, Ada und Smutek, als auch das Leben an Ernst Bloch über einen Zeitraum von beinah einem Jahr.

Obwohl währenddessen viel passiert, erreicht die Spannung keine ungeahnten Höhen. Als Leser weiß man bereits aus dem ersten Kapitel, dass nicht alles nach Alevs Plan läuft und so ist man zwar gespannt, was ihn stört, doch ist es eher milde Neugier und die philosophischen Gedanken, die Juli Zeh ihren Charakteren immer wieder in den Mund legt, die mich weiter lesen ließen.

Mit zielsicherem Zynismus zeichnet die Autorin ein nüchternes Bild der heutigen Jugend, die an nichts mehr glaubt, keine Träume mehr hat und für die das Leben einfach darin besteht, dass ein Tag auf den anderen folgt. Bei diesen Schilderungen habe ich das Gefühl, dass endlich jemand das Wesen dieser Generation verstanden und auf den Punkt gebracht hat. Und genau darin liegt für mich der Reiz dieses Romans, den ich sicherlich noch mehrmals lesen werde und in dem ich dabei immer neue Facetten entdecken kann.

5ratten


Als Ergänzung noch ein Zitat aus dem Roman, das ich mir aus der Seele spricht:

"Als Lehrer hatte Smutek einige Erkenntnisse über die deutsche Jugend verinnerlicht, die er jetzt rekapitulierte. Das Ergebnis fiel nicht zu seinen Gunsten aus. Diese jungen Menschen hatten keine Wünsche, keine Überzeugungen, geschweige denn Ideale, sie strebten keinen bestimmten Beruf an, wollten weder politischen Einfluss noch eine glückliche Familie, keine Kinder, keine Haustiere und keine Heimat, und sehnten sich ebenso wenig nach Abenteuern und Revolten wie nach der Ruhe und dem Frieden des Althergebrachten. Überdies hatten sie aufgehört, Spaß als einen Wert zu betrachten. Freizeit und Nichtfreizeit waren gleichermaßen anstrengend und unterschieden sich in erster Linie durch die Frage, ob man Geld verdiente oder ausgab. Hobbys zum Totschlagen der Zeit waren überflüssig, da die Zeit auch von selbst verging. Fernsehen war langweilig, die Literaturszene tot, und im Kino liefen seit Jahren nur Varianten auf drei oder vier verschiedene Filme. Diskotheken waren etwas für Liebhaber von Dummheit und schlechter Musik, und auf Schostakowitsch konnte man nicht tanzen. Diese Jugend hatte aufgehört, sich für industriell geschneiderte Moden, Identitäten, Heldenfiguren und Feindbilder zu interessieren. Weniger als jede Generation vor ihrer bildete sie eine Generation. Sie war einfach da, die Sippschaft eines interimistischen Zeitalters. Wenigstens, dachte Smutek, wenigstens marschieren sie nicht mehr. Oder noch nicht."

(Zeh, Juli: Spieltrieb, 2006, btb Verlag, S. 348)
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