Mal wieder eine geschlossene Leselücke und ein Buch von diversen Das-müssen-Sie-gelesen-haben-Listen, das mich nicht veranlaßt hat, es vorzeitig entnervt zu beenden oder ratlos zuzuklappen.
Tatsächlich hat mir der Roman sogar recht gut gefallen, denn man spürt von Beginn an, daß hier eine untergehende Welt beobachtet wird. Die alten Familien sind zu kraftlos, um sich an die neuen Zeiten anzupassen und irgendwie wollen sie es auch gar nicht, weil es mit Anstrengung verbunden wäre und sie es auch nicht gewohnt sind. Don Fabrizio ist hier ein sehr typischer Vertreter. Er weiß, daß seine Verwalter ihn betrügen, aber er schreitet nicht dagegen ein, solange das Geld zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards reicht. Wenn es das nicht mehr tut, dann verkauft man eben ein bißchen Land, und ansonsten will er mit diesen geschäftlichen Angelegenheiten in Ruhe gelassen werden, um seinem Hobby Astronomie zu frönen. Seine Frau kann daran nichts ändern, weil sie gesundheitlich angeschlagen ist und es auch sonst wohl nicht wagen würde, ihrem Mann hineinzureden. Die Kinder sind entweder noch zu jung, zu schwach (wie der Älteste), abwesend (wie der Zweite) oder Mädchen (und deshalb nicht prädestiniert für diese Aufgaben, obwohl Concetta vermutlich das Potential dafür gehabt hätte).
Lediglich Tancredi schafft so etwas ähnliches wie einen Absprung aus dieser familiären Misere, wobei er aber auch einen opportunistischen Zug offenbart. Letztlich ist ja wohl auch seine Entscheidung für Angelica als Ehefrau nicht nur blinder Liebe geschuldet, sondern der durchaus rationalen Überlegung, was er mit ihrem Erbe im Rücken erreichen kann. Ansonsten gefallen sich die die meisten Leute hier darin, sich an Illusionen festzuhalten, die ihnen Trost bieten sollen. Das klingt zwar jetzt vielleicht sehr deprimierend, aber das war es beim Lesen gar nicht. Ich mag es, wenn man das Gefühl hat, daß solche Familienniedergänge einfach zwangsläufig sind, weil die Personen auf Grund ihrer Sozialisation gar nicht anders handeln können, selbst wenn sie es besser wissen. Das hat mich, in höherem Maße allerdings noch, auch schon bei Thomas Manns
Buddenbrooks immer fasziniert.
Was mich aber interessieren würde, weil es in den vorigen Postings verschiedentlich erwähnt wurde: Woher habt Ihr die Information, daß es nur fragmentarisch sei? Ja, der Roman ist erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht worden, aber geschrieben hat er ihn 1954, bis zu seinem Tod 1957 hätte er ja noch daran arbeiten können, wenn es ihm wichtig gewesen wäre oder noch etwas gefehlt hätte. Ich denke, daß dieses Episodenhafte durchaus gewollt war. Die Schlaglichter reichen letztlich auch, um den Abstieg in seinen Facetten deutlich zu machen. Was jeweils in den Jahren dazwischen passiert sein muß, das konnte ich mir auch gut so zusammenreimen, das muß mir der Autor auch nicht durchbuchstabieren.

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Schönen Gruß
Aldawen