Eine interessante Diskussion, die da auf den vorhergehenden Seiten geführt wurde

Nachdem ich das Buch selber gelesen habe, verstehe ich auch, wieso sie zu keinem «vernünftigen» Ende kommen konnte; über das Buch könnte man wahrscheinlich Tage diskutieren und wäre immer noch nicht weiter.
Jedenfalls verstehe ich Aerias Fazit im ersten Posting
Ein Klassiker, den man nicht zu kennen braucht...

Ich kann gut verstehen, dass jemand das Buch entnervt in die Ecke wirft, ich hatte wohl (auch) Glück, dass ich damit so gut zurecht kam und es eigentlich von der ersten bis zur letzten Seite faszinierend fand. Hier ist meine Meinung:
Inhalt:Doktor Kris Kelvin trifft auf dem Planeten Solaris ein, den er mit drei anderen Forschern, die schon dort sind, näher ergründen möchte. Als er ankommt, ist ein Forscher tot (Selbstmord) und die anderen beiden scheinen dem Wahnsinn nahe. Kelvin möchte wissen, wie es dazu kam. Er bekommt keine Auskünfte der beiden anderen, aber als ihm seine tote Geliebte Harey erscheint, merkt er, dass sich auf der Forschungsstation auf Solaris sehr seltsame Dinge abspielen.
Meine Meinung:Was für ein Buch und was für eine Geschichte! Wobei... Geschichte? Nein, es passiert nicht viel in der Forschungsstation, ausser dass halt geforscht wird. Das Objekt der Erforschung ist der Planet Solaris, der aus einem riesigen Meer aus Plasma besteht. Wir der Leser im Laufe des Buches erfährt, beisst sich die Menschheit schon seit Jahrzehnten die Zähne am Geheimnis von Solaris aus und da das Plasmameer trotz aller Erforschung keine eindeutigen Ergebnisse liefert, schiessen die Spekulationen ins Kraut. Da gibt es die Fraktion, die die Masse für ein lebendes, bewusstes Wesen hält und dann die andere, die ihr jegliche Intelligenz abspricht und sie zum physischen Phänomen degradiert.
Diejenigen, die an ein intelligentes Wesen glauben (und dazu gehören die Forscher um Kelvin) versuchen – ebenfalls schon seit Jahrzehnten – Kontakt mit dem Plasma aufzunehmen, und zwar auf jede erdenkliche Art. Entsprechend spekulieren sie darüber, ob das Erscheinen der toten Harey und anderer «Gäste» ein Versuch des Plasmas ist, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und das ist nur ein von unzähligen Fragen, denen die Forscher nachgehen. Was will das Plasma ihnen sagen, indem es Gestalten auftreten lässt, die bei den Forschern tief im Hirn «eingegraben» sind? Will es überhaupt etwas sagen? Weiss es, dass das Erscheinen der Gäste die Forscher beinahe in den Wahnsinn treibt? Und wenn ja: Ist das Absicht?
Und auch die Gäste selber sind eine ganz schöne geistige Herausforderung: Sie entsprechen bis in Details der Mimik und der Gestik ihren realen Vorbildern, sie haben Erinnerungen an ihr früheres Leben, aber sie sind eben doch nicht ganz die Originale. Kelvin lässt sich als einziger wirklich auf seinen Gast ein und bald beginnen die Grenzen zwischen Orginal-Harey und Kopie-Harey für ihn zu verschwimmen. Er ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Kopie zu erforschen (und loszuwerden) und dem, die Situation zu geniessen und die Chance zu haben, wieder mit Harey zusammen zu sein, auch wenn er weiss, dass sie nur eine Kopie ist.
All diese Konfliktfelder werden von Lem beschrieben und Solaris gehört zu den Büchern, die man wahrscheinlich dreimal lesen und dreimal unterschiedlich interpretieren kann. Absolut Greifbares gibt es in dem Roman wenig, vieles spielt sich nur in Gesprächen oder Gedankenspielen ab und so ganz nebenbei erfährt man noch mehr über die vergangene Solarisforschung und die Bücher, die darüber geschrieben wurden, als man jemals wissen wollte. Trotzdem fand ich gerade diese Passagen mit den Einblicken in die Geschichte der Solarisforschung spannend, weil sie zeigen, dass der Mensch vor neuen Phänomenen zwar gerne neue Wege des Denkens einschlagen möchte, aber letztlich doch wieder auf den ausgetretenen Pfaden landet. Irgendwann kommt (fast) jede entwickelte Theorie wieder darauf zurück, dass in das Plasma Motivationen oder Absichten interpretiert werden – etwas zutiefst Menschliches. Das Sein eines Wesens, das so ganz anders ist als alles uns sonst bekannte Leben scheint nicht einmal in die Köpfe von Wissenschaftlern zu passen, es sieht in dem Buch so aus, als könne der Mensch ein solches Phänomen nicht fassen. Oder als wolle er es nicht wahrhaben, weil das letztlich bedeuten würde, dass man mit dem Plasma höchstwahrscheinlich nicht kommunizieren kann und dass es wohl das Beste wäre, man würde sich von Solaris schleunigst entfernen. Den Gedanken hat Kelvin irgendwann im Buch, aber eben: Er ist ein Mensch, das heisst, er ist neugierig und das Abbrechen jahrzehntelanger Solarisforschung wäre nicht nur eine Niederlage sondern möglicherweise sogar Verrat an all denen, die dieser Forschung einen Grossteil ihres Lebens gewidmet haben. Geht nicht gibts nicht.
Ich empfand «Solaris» als ein sehr philosophisches Buch, das viele Fragen aufwirft und mögliche Antworten liefert. Welche Frage wichtig und welche Antwort richtig ist, muss jeder Leser für sich selber entscheiden (wenn er möchte) und ich kann mir gut vorstellen, dass man jedesmal andere Antworten findet, wenn man das Buch in Zeitabständen von 15 bis 20 Jahren wieder liest. Es ist ein faszinierendes Werk, in dem vieles steckt, viele Dinge nur angedeutet werden und das weder definitive Antworten noch ein klares Ende liefert. Für Leute, die Bücher gerne interpretieren, ist das hier nicht einfach ein Festessen, sondern ein opulenter Achtgänger mit anschliessender Übernachtung. Nur sollte man nicht erwarten, dass einem am nächsten Morgen jemand nach Hause bringt...
Fazit:Tiefgründig, vielschichtig, anstrengend und in seltenen Momenten ein klein bisschen langweilig (ja, 20 Seiten Plasmaformationenbeschreibung sind zwar mal was anderes, aber so nach 10 Seiten hat mans gesehen – im wahrsten Sinne des Wortes).
8 von 10 Punkten