Das Buch ist wirklich schräg. Fast schon ein wenig zu sehr
. Mich hat es so sehr verwirrt das ich es abbrach. Für sowas muss ich mir dann doch mehr Zeit nehmen und vorallem mehr ruhe haben.
Durchhalten 
[...]
Nun ja, was ich sagen will: Es ist ein wunderbares Buch, das sich erst ganz entfaltet, wenn man den Schluss gelesen hat.
Ich finde "HbW und das EdW" auch ein sehr gutes Buch, bei dem man allerdings am Anfang durchalten muss. Die positive Wendung für mich kam im 25. Kapitel. Auf den 300 Seiten davor hätte sich Murakami besser doppelt so kurz gefasst - dort passiert zu wenig, was für die Geschichte relevant ist und streckenweise wird es langweilig. Das Geschwafel über Schwärzlinge und Semioten, eng anliegende rosa Miniröcke und das murakamisch-bekannte Essen machen & fassen unter klassisch-jazziger Musikberieselung: 100 Seiten hätten es auch getan. Bisher schien mir Murakami besser kurze Geschichten erzählen zu können (s. die Sammlung "Ein Elefant verschwindet"), als lange Romane ("Wilde Schafsjagd") - und bis HbW musste ich mir Recht geben.
Kapitel 25 "Die Mahlzeit, Die Elefantenfabrik, Die Falle" ist der Schlüssel. Es kommt endlich Science in die Fiction und es wird klar, was das EdW ist: Das Spiegelbild des HbW im eingefrorenen, unwiederbringlich modifizierten Bewusstsein des erzählenden "Ich". Ermöglicht wird das ganze durch die Erfindung des Professors, Bewusstsein herunterzuladen, es zu Versuchszwecken zu modifizieren und dem Besitzer wieder hochzuladen. Zweck des Ganzen ist es, auf diese Weise eine lebende "Codiermaschine" zu konstruieren, die aus welchen Gründen auch immer Zahlenkollonnen verschlüsselt, ohne dass diese Verschlüsselung von außen "abgehört" werden kann.
Der Trick, mit dem dies dem Professor gelingt, ist der ins Bewusstsein eingebaute Doppelschalter, wie er auf Seite 357 abgebildet ist. Der Zeichner des Diagramms hat aber wohl nicht gewusst, was er da zeichnet. Die Abstände der beiden Schaltpunkte "Point 1" und "Point 2" von "Weiche A" müssen natürlich gleich sein: schlampiges wenn nicht fehlendes Lektorat!
Trotzdem ist die Vorrichtung genial und einfach: Der erste Schalter stellt das normale Bewusstsein (das des HbW) auf seine eingefrorene Kopie (das EdW) um, der zweite Schalter schaltet es in die zweckgebundene Arbeitsversion. Nach endlicher Zeit springen beide Schalter wieder in ihre Normalposition zurück ...
... wenn nicht durch ungeahnte Hitzeentfaltung die Schalter beschädigt würden! Damit kann der Bewusstseinszustand des EdW nicht mehr verlassen werden: the end of the world as "I" know it.
Murakami hätte mächtig Seiten sparen und das Tempo steigern können, wenn er den Professor aus reinem Forschertrieb diese Erfindung hätte machen lassen, statt des ganzen Codierkrams wegen der Schwärzlinge, zu denen man im Roman ja ohnehin nichts erfährt. Es scheint eine Eigenart von Murakamis Romanen zu sein (wie gesagt, ich kennen nur noch die wilde Schafsjagd), eine Menge Themen anzusprechen aber überhaupt nicht auszuarbeiten. Bei der Schafsjagd war es der alte Ultrarechte, dem nachgejagt wurde, wobei völlig im Dunklen blieb, was so Rechts an dem Alten war. Und von den Sematologen der HbW liest man auf Seite 348 zwar, dass sie mit den Nazis bei zahlreichen Experimenten und Vivisektionen kollaboriert haben, aber nichts genaues erfährt man nicht. Zum Thema Vivisektion hätte Murakami auch unschwer auf die naheliegende Geschichte der "Einheit 731" des japanischen Militärs in China zurückgreifen können, nachzulesen in dem empfehlenswerten Japan-Krimi "Tote mögen keine Sushi" von Gert Anhalt.
Allerdings wäre ohne die Schwärzlinge die unterirdische Kraxelei von Omotesandô bis Aoyama Itchôme wohl kaum erforderlich gewesen, um derer ich das Buch so gut finde - gleich nach dem Doppelschalter, wenn nicht doch davor!
Fazit: das Buch ist trotz Überlänge echt gut - wegen des genialen Doppelschalters als Schlüssel für das alte Bewusstsein-Wirklichkeitsproblem der westöstlicher Philosophien, und wegen der Verortung der Handlung (hier: östlich von Shibuya), die man auf jeder besseren Karte von Tokyo leicht nachvollziehen kann. Solche ortstreuen Bücher liebe ich.
Womit ich abschließend zu ein paar Schwächen komme: Kaum sind die beiden HbW-Helden auf Seite 423 am U-Bahnhof Aoyama Itchôme aus dem Untergrund aufgestiegen, heisst es
Wir gingen ins nächste Kaufhaus und bestellten am Sandwich-Stand gleich am Eingang zwei Tassen Maiscreme-Suppe und ein Schinken-Ei-Sandwich.
Nur: In Aoyama Itchôme gibt es kein Kaufhaus, weder in den 80er Jahren noch in deren "ferner Gegenwart". In der englischen Übersetzung von Alfred Birnbaum steht da auch richtiger "supermarket"; solche Supermärkte gibt es dort tatsächlich mehrfach. Auch wenn das noch nichts darüber besagt, was genau im Original steht, so liegt der Verdacht eines Übersetzungsfehlerchens nahe. Die "ferne Gegenwart", in der die Handlung spielt, könnte "1989 zum Beispiel, 1995, 2000" sein, wie der Übersetzer im Nachwort auf Seite 537 schreibt, während ein Blick in den ewigen Kalender zeigt, dass nur in den Jahren 1988, 1994 und 2005 der 2. Oktober auf einen Sonntag fällt, wie er es nach Seite 423 unten tun soll.
Schließlich schießt Murakami auf Seite 372f die mathematische Phantasie etwas über das Ziel hinaus, wo es um den Enzyklopädiestab geht, mit dem es folgendes auf sich hat: Jeder Buchstabe, jede Ziffer, jedes druckbare Zeichen wird als 2-stellige Dezimalzahl eindeutig kodiert; damit lässt sich jeder Text in eine Ziffernfolge umschreiben; setzt man die Ziffernfolge hinter das Komma hinter einer Null, so erhält man eine Zahl zwischen Null und Eins. Jeder beliebige Text wird nun durch einen Punkt auf dem Enzyklopädiestab repräsentiert, den man auf dem 1 cm langen Stab in genau dem Abstand vom Stabanfang eingraviert, den die Zahl angibt.
Die eingravierte Datenmenge [d.h. die Menge der auf dem Enzykolpädiestab gespeicherten Texte] läßt sich beliebig vermehren. Fast bis ins Unendliche. Und bei periodischen Zahlen ist man im Unendlichen. Es hört nie auf.
Nun ist es aber so, dass nur solche Texte als periodische Zahlen kodiert werden, die sich ab einem bestimmten Punkt wiederholen, so wie dieser so wie dieser so wie dieser so wie dieser ... Periodische Zahlen sind zwar unendlich, die zugehörigen Texte würde man aber gar nicht erst verschlüsseln. Immerhin ist aber der Enzyklopädiestab ein klein bisschen low-level-SF, wenn auch nicht auf Murakamis Mist gewachsen ...
Um mit etwas Positivem zu enden, nämlich der verblüffenden metaphysischen Erkenntnis auf Seite 374:
Für Sie gibt es nur noch einen Weg, der Unsterblichkeit zu entrinnen. [...] Sie sterben sofort.
Dem ist nur noch die Auflösung des Büroklammerrätsels (vom Buchanfang) 3 Seiten später hinzuzufügen: Im HbW werden Büroklammern im Notfall benutzt, um aus ihnen provisorische Abschreckungsgeräte gegen die Schwärzlinge zu basteln, während sie am EdW nur noch vage Erinnerungen daran auslösen. Gar nicht mal so abwegig. Und ein weiters Indiz dafür, dass sich Murakami den Schluss vor dem Anfang ausgedacht hat.
Insgesamt fünf Ratten, wohlwollend aufgerundet:
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| 5 Ratten minus 100 Seiten = 4,5 Ratten = |
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