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Autor Thema: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....  (Gelesen 4324 mal)

sandhofer

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #15 am: 16. August 2006, 18:58:48 »

Hallo zusammen!

Hallo Jürgen,

dann definiere mal SF :breitgrins:.

Haltet Ihr mich auf dem Laufenden, wenn Ihr eine funktionierende Definition habt? Ich suche gerade eine für ein Referat *ggg*. Danke!

Grüsse

Sandhofer
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Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

Bartlebooth

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #16 am: 16. August 2006, 19:50:39 »

Hallo sandhofer,

für ein Referat muss eine Arbeitshypothese, die Du dann in Interaktion mit dem Publikum verfeinerst, ausreichen. :breitgrins:

Herzlich, B.
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sandhofer

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #17 am: 17. August 2006, 07:02:20 »

Hi!

für ein Referat muss eine Arbeitshypothese, die Du dann in Interaktion mit dem Publikum verfeinerst, ausreichen. :breitgrins:

Oh nein!  :entsetzt:  Das sind Hard-Core-SF-Leser! Da lasse ich wohl lieber die Finger von so einem Experiment! Sonst endet's für mich so wie für Alfa_Romeas Smilie:  :autsch:

Grüsse

Sandhofer  :breitgrins: :breitgrins: :breitgrins:
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Bartlebooth

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #18 am: 17. August 2006, 08:50:11 »

Aber Hardcore-SF-Leser kannst Du doch auch mit irgendeiner gängigen Theorie, wie der von Jens Malte Fischer o.ä. beglücken (die ich übrigens so schlecht nicht finde). Die sind doch meistens eher an der historischen Entwicklung als an der theoretischen Problematik interessiert (ich will da niemandem zu nahe treten und bin offen für Korrekturen) :-)
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Saltanah

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #19 am: 21. Dezember 2006, 12:28:16 »

Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung von Alfred Birnbaum unter dem Titel "Hard-boiled Wonderland and the End of the World" gelesen.

   

Schon im Inhaltsverzeichnis wird deutlich, dass das Buch aus zwei Teilen besteht: Der Titel der ungeraden Kapitel besteht aus jeweils 3 Substantiven, deren Zusammenstellung neugierig macht – was mag z. B. Whiskey, Folter und Turgenjew verbinden? Die Titel der geraden Kapitel dagegen sind kursiv gedruckt und heißen z. B. Die Mauer oder Grauer Rauch.
Schnell wird deutlich, dass sich dahinter 2 Erzählstränge verbergen, von denen der erste "Hard-boiled Wonderland" und der zweite "Das Ende der Welt" heißen.

Der namenlosen Ich-Erzähler des ersten Stranges, der wohl in der nahen Zukunft spielt, ist ein Calcutec, ein Mann, der nach einer Gehirnoperation in der Lage ist, zu "shuffeln", d. h., Information hundertprozentig sicher zu vercoden. Während es bisher immer gelungen war, auch die kompliziertesten Codes zu knacken, ist dies nun nicht mehr möglich. Von dem "System" angestellt, bekommt er einen Auftrag eines Forschers, der sich ein unterirdisches, geheimes Labor eingerichtet hat. Er vershuffelt die Information wie gehabt und erfährt von dem Forscher, dass es absolut notwendig ist, nach einer bestimmten Frist zu ihm zurück zu kehren. Dies schon lässt ihn ahnen, dass dieser Auftrag kein gewöhnlicher ist, und bestätigt wird ihm das, als er Besuch von der "Fabrik" erhält, dem Gegenspieler des Systems. Es scheint um (sein) Leben und Tod zu gehen, er begibt auf der Suche nach dem Forscher auf eine Odyssee in der wörtlichen Unterwelt unter Tokio.

Im zweiten, im Präsens erzählten Erzählstrang findet sich ein anderer Ich-Erzähler in einer ihm unbekannten, von einer unüberwindbaren Mauer hermetisch abgeriegelten Stadt wieder, ohne sich genau daran erinnern zu können, wie oder wieso er dorthin kam und was vorher war. Nur weiß er, dass er, um die Stadt betreten zu dürfen, seinen Schatten opfern musste. Dieser wurde ihm abgeschnitten und der Obhut des Torhüters übergeben, bei dem er (der Schatten) die letzten Monate bis zu seinem Tod leben wird. Dem Ich-Erzähler, der sich anfangs in der Stadt wohl fühlt, wird allmählich klar, dass dort nicht alles zum Rechten steht – so haben die anderen Bewohnern kein "mind", (leider weiß ich nicht, wie dieser Ausdruck ins Deutsche übersetzt ist; Geist oder Seele vielleicht?), und er erfährt, dass auch er diesen mit dem Tod seines Schattens verlieren wird. Er beschließt, zusammen mit seinem Schatten zu fliehen.

Diese beiden Stränge scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, doch gibt es sonderbare Parallelen. Gewisse Gegenstände wie z. B. Büroklammern fallen beiden Erzählern immer wieder auf, Tierschädel spielen hier wie dort eine wichtige Rolle, und schon bald vermutete ich einen bestimmten Zusammenhang, der sich später als weitgehend richtig herausstellte.
Beide Stränge sind spannend zu lesen, allerdings enthält der erste in der Mitte für meinen Geschmack etwas zu viel Action und langweilte mich daher etwas.
Das Ende des Romans ist gelungen – es bietet noch einmal eine gehörige Überraschung und lässt wehmütig von dem Buch und seinen Personen Abschied nehmen, während man überlegt, wie (oder ob) es mit diesen weiter gehen kann.
Stilistisch war die Lektüre dieses Buches ein Genuss. Jedes einzelne Wort stimmte (zumindest in der englischen Übersetzung; zu der deutschen kann ich nichts sagen), und trotz schwer durchschaubarer Handlung war es schnell zu lesen. Erleichtert wurde die Lesbarkeit durch die erstaunliche "Westlichkeit" des Romans. Bücher aus "exotischen" Ländern sind oft wegen des fremden kulturellen Hintergrundes schwerer zugänglich, aber hier war das nicht der Fall, wohl mit dadurch bedingt, dass sich immer wieder auf westliche Bücher, Musik etc. bezogen wird. Abgesehen davon, dass ab und zu japanische Gerichte, tokioer Stadtteile, Straßennamen und U-Bahnstationen erwähnt werden, könnte die Handlung auch in jeder anderen Großstadt spielen.

Ein rätselhaftes, fantasievolles und spannendes Buch, das Lust auf weitere Werke von Haruki Murakami macht.

4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

« Letzte Änderung: 19. November 2010, 12:53:43 von Saltanah »
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swank

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #20 am: 21. Februar 2007, 12:56:04 »

Rezension

Inhalt:
Murakami vereint hier zwei Erzählstränge, die zunächst so gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, auf brillante Weise: Ein junger, namenloser Protagonist arbeitet für eine ominöse Datenverarbeitungsfirma, die allerdings die zu speichernden Daten in den Köpfen ihrer Mitarbeiter verarbeitet. Er wird zu seinem nächsten Auftrag in ein mysteriöses Hochhaus gelockt, in dem es scheinbar keine Geräusche gibt, dafür aber ein wunderschönes, fülliges Mädchen und ihren spleenigen Großvater, eine Untergrundwelt, die man durch einen Schrank betritt und einen unterirdischen Wasserfall – in dieser Wunderwelt gibt es einen Auftrag für den jungen Mann, der bald höchst brisante Ausmaße annimmt.
Parallel wird ebenfalls ein junger, namenloser Mann in einer noch merkwürdigeren Welt vorgestellt. Er lebt in einer Stadt, die komplett von Mauern umschlossen ist, und nur die dort lebenden Einhörner dürfen die Stadt verlassen. Jeder hier hat eine Aufgabe, die er bedingungslos erfüllt, und so wird der Mann zum Traumleser ernannt, der aus Schädeln alte Träume liest. Er weiß nicht, wie er hierher gekommen ist, aber er macht sich an seine Aufgabe und entdeckt, dass schlichtweg alles in dieser Stadt mit ihm in Zusammenhang steht…


Murakami zu lesen ist ein Erlebnis. Er hat zwar auch Romane geschrieben, die fast gänzlich ohne Absurditäten und Wunderwelten auskommen (z.B. „Gefährliche Geliebte“), aber eben für seine von Verrücktheiten strotzenden Romane muss man ihn lieben. Er schafft es, das Sonderbare völlig glaubhaft in das real Mögliche einzubetten und schreibt Geschichten, bei denen sich so mancher Fantasy-Autor noch etwas abschauen könnte. Es ist, als betrete man eine Parallelwelt, in der all das Beschriebene durchaus möglich ist und irgendwann sogar plausibel klingt. Denn er verknüpft die Geschehnisse gut, so dass selbst die Vorgänge in „Hard-Boiled Wonderland“ nachvollziehbar bleiben. Der Zusammenhang der beiden Erzählstränge ist der eigentliche Kern des Romans, weswegen ich ihn hier nicht verraten kann. Es sei aber gesagt, dass es sich lohnt, mit Murakami auf die Reise zu gehen. Nicht nur seine wundersamen Geschichten, sondern gerade die Art und Weise, wie er sie schreibt, sind ein Genuss. Er vergisst nie das Augenzwinkern, mit dem man seiner Story folgen muss, sondern lässt immer wieder Ironie anklingen und seine Protagonisten über den Wahnsinn um sie herum lachen. Trotzdem schafft er es, ernste Themen anzusprechen, in diesem Fall vor allem das Bewusstsein und Unbewusstsein und deren Mächte. Seine Plots sind keine flache Aufzählung, sondern haben Substanz, und gerade die gut durchdachten Hintergründe und Theorien setzen dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.
Der Autor ist Japaner und schreibt auf Japanisch, so dass mir nur Übersetzungen seiner Romane bleiben. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass mir die englischen Übersetzungen mehr Spaß machen als die deutschen, weswegen ich Murakami bevorzugt auf Englisch lese. Der feine Sinn für Humor scheint mir hier besser eingefangen.
Ein Wort der Warnung noch: man muss sich natürlich auf den Wahnsinn Murakamis einlassen und ihn genießen können. Ich kann mir trotz aller Lobpreisung vorstellen, dass „Hard-Boiled Wonderland“ kein Buch für alle Geschmäcker ist, ebenso wenig wie „Kafka am Strand“ oder „Tanz mit dem Schafsmann“. Wer vielleicht erstmal einen etwas gemäßigteren Eindruck des Autors bekommen will, dem empfehle ich „Sputnik Sweetheart“ – auch wenn er hier nicht alles zeigt, was er kann, ist das vielleicht ein guter Einstieg.
„Hard-Boiled Wonderland“ aber war wie zu erwarten ein weiteres Highlight und bekommt anstandslos fünf Ratten.

5ratten
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Pinky

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #21 am: 15. Oktober 2008, 23:47:08 »


Das Buch ist wirklich schräg. Fast schon ein wenig zu sehr :breitgrins:. Mich hat es so sehr verwirrt das ich es abbrach. Für sowas muss ich mir dann doch mehr Zeit nehmen und vorallem mehr ruhe haben.
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Ein nicht zu Ende gelesenes Buch gleicht einem nicht zu Ende gegangenen Weg.
(Weisheit aus China)

Gruß Pinky

Nudelsuppe

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #22 am: 16. Oktober 2008, 22:02:07 »


Das Buch ist wirklich schräg. Fast schon ein wenig zu sehr :breitgrins:. Mich hat es so sehr verwirrt das ich es abbrach. Für sowas muss ich mir dann doch mehr Zeit nehmen und vorallem mehr ruhe haben.

Durchhalten ;-)

Irritiert war ich von Hard Boiled Wonderland ebenfalls, ich kannte zuvor nur die Kurzgeschichten und "Wilde Schafsjagd" von Murakami. Im Gegensatz zu einigen seiner anderen Bücher ist der Schluss allerdings sehr stark, hier patzt für mich Murakami besonders bei "Kafka am Strand", das ebenfalls zwei Handlungsstränge abwechselnd erzählt. Der Grund könnte daran liegen, dass Murakami Hard Boiled Wonderland geplottet hat - die Handlung stand schon vorher fest. Seine anderen Romane - soweit mir bekannt - entstehen nach der Stephen King-Methode, das heißt, die Geschichte entsteht erst während des Schreibprozesses. Das macht auch einen Teil der Magie der Geschichten aus, hat aber das Problem, am Ende alle Fäden und Motive zusammenzuführen - was die vielen losen Enden in Murakamis Werk erklären könnte.

Übrigens nimmt Murakami in Kafka am Strand am Ende auch Motive aus Hard Boiled Wonderland auf.

Nun ja, was ich sagen will: Es ist ein wunderbares Buch, das sich erst ganz entfaltet, wenn man den Schluss gelesen hat.

Grüße,
die Nudelsuppe
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Pinky

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #23 am: 16. Oktober 2008, 23:24:25 »


Ich habe auch vor es nochmal zu lesen, allerdings dann wenn ich konzentrierter bin und mehr die ruhe weg habe.
Lesenswert ist es sicher, nur eben wenn man nicht ganz bei der Sache ist nützt das beste Buch nicht viel.
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Gruß Pinky

Nudelsuppe

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #24 am: 16. Oktober 2008, 23:44:12 »


Ich habe auch vor es nochmal zu lesen, allerdings dann wenn ich konzentrierter bin und mehr die ruhe weg habe.
Lesenswert ist es sicher, nur eben wenn man nicht ganz bei der Sache ist nützt das beste Buch nicht viel.

Hallo Pinky,

da bin ich ganz bei dir ...

Mir ging es übrigens so mit "Tanz mit dem Schafsmann", das hat ewig gedauert, bis der Funken übersprang - danach war aber kein Halten mehr.

 :winken:
die Nudelsuppe
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Pinky

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #25 am: 17. Oktober 2008, 13:19:22 »


Das ist wohl einfach so, das bei manchen Büchern zweimal lesen muss, bis einem ein Licht aufgeht und dann merkt das sich aber das doppelt lesen ausgezahlt hat.
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Gruß Pinky

Voyageur

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #26 am: 18. Oktober 2008, 12:30:20 »

Das Buch ist wirklich schräg. Fast schon ein wenig zu sehr :breitgrins:. Mich hat es so sehr verwirrt das ich es abbrach. Für sowas muss ich mir dann doch mehr Zeit nehmen und vorallem mehr ruhe haben.

Durchhalten ;-)
[...]
Nun ja, was ich sagen will: Es ist ein wunderbares Buch, das sich erst ganz entfaltet, wenn man den Schluss gelesen hat.

Ich finde "HbW und das EdW" auch ein sehr gutes Buch, bei dem man allerdings am Anfang durchalten muss. Die positive Wendung für mich kam im 25. Kapitel. Auf den 300 Seiten davor hätte sich Murakami besser doppelt so kurz gefasst - dort passiert zu wenig, was für die Geschichte relevant ist und streckenweise wird es langweilig. Das Geschwafel über Schwärzlinge und Semioten, eng anliegende rosa Miniröcke und das murakamisch-bekannte Essen machen & fassen unter klassisch-jazziger Musikberieselung: 100 Seiten hätten es auch getan. Bisher schien mir Murakami besser kurze Geschichten erzählen zu können (s. die Sammlung "Ein Elefant verschwindet"), als lange Romane ("Wilde Schafsjagd") - und bis HbW musste ich mir Recht geben.

Kapitel 25 "Die Mahlzeit, Die Elefantenfabrik, Die Falle" ist der Schlüssel. Es kommt endlich Science in die Fiction und es wird klar, was das EdW ist: Das Spiegelbild des HbW im eingefrorenen, unwiederbringlich modifizierten Bewusstsein des erzählenden "Ich". Ermöglicht wird das ganze durch die Erfindung des Professors, Bewusstsein herunterzuladen, es zu Versuchszwecken zu modifizieren und dem Besitzer wieder hochzuladen. Zweck des Ganzen ist es, auf diese Weise eine lebende "Codiermaschine" zu konstruieren, die aus welchen Gründen auch immer Zahlenkollonnen verschlüsselt, ohne dass diese Verschlüsselung von außen "abgehört" werden kann.

Der Trick, mit dem dies dem Professor gelingt, ist der ins Bewusstsein eingebaute Doppelschalter, wie er auf Seite 357 abgebildet ist. Der Zeichner des Diagramms hat aber wohl nicht gewusst, was er da zeichnet. Die Abstände der beiden Schaltpunkte "Point 1" und "Point 2" von "Weiche A" müssen natürlich gleich sein: schlampiges wenn nicht fehlendes Lektorat!

Trotzdem ist die Vorrichtung genial und einfach: Der erste Schalter stellt das normale Bewusstsein (das des HbW) auf seine eingefrorene Kopie (das EdW) um, der zweite Schalter schaltet es in die zweckgebundene Arbeitsversion. Nach endlicher Zeit springen beide Schalter wieder in ihre Normalposition zurück ...

... wenn nicht durch ungeahnte Hitzeentfaltung die Schalter beschädigt würden! Damit kann der Bewusstseinszustand des EdW nicht mehr verlassen werden: the end of the world as "I" know it.

Murakami hätte mächtig Seiten sparen und das Tempo steigern können, wenn er den Professor aus reinem Forschertrieb diese Erfindung hätte machen lassen, statt des ganzen Codierkrams wegen der Schwärzlinge, zu denen man im Roman ja ohnehin nichts erfährt. Es scheint eine Eigenart von Murakamis Romanen zu sein (wie gesagt, ich kennen nur noch die wilde Schafsjagd), eine Menge Themen anzusprechen aber überhaupt nicht auszuarbeiten. Bei der Schafsjagd war es der alte Ultrarechte, dem nachgejagt wurde, wobei völlig im Dunklen blieb, was so Rechts an dem Alten war. Und von den Sematologen der HbW liest man auf Seite 348 zwar, dass sie mit den Nazis bei zahlreichen Experimenten und Vivisektionen kollaboriert haben, aber nichts genaues erfährt man nicht. Zum Thema Vivisektion hätte Murakami auch unschwer auf die naheliegende Geschichte der "Einheit 731" des japanischen Militärs in China zurückgreifen können, nachzulesen in dem empfehlenswerten Japan-Krimi "Tote mögen keine Sushi" von Gert Anhalt.

Allerdings wäre ohne die Schwärzlinge die unterirdische Kraxelei von Omotesandô bis Aoyama Itchôme wohl kaum erforderlich gewesen, um derer ich das Buch so gut finde - gleich nach dem Doppelschalter, wenn nicht doch davor!

Fazit: das Buch ist trotz Überlänge echt gut - wegen des genialen Doppelschalters als Schlüssel für das alte Bewusstsein-Wirklichkeitsproblem der westöstlicher Philosophien, und wegen der Verortung der Handlung (hier: östlich von Shibuya), die man auf jeder besseren Karte von Tokyo leicht nachvollziehen kann. Solche ortstreuen Bücher liebe ich.

Womit ich abschließend zu ein paar Schwächen komme: Kaum sind die beiden HbW-Helden auf Seite 423 am U-Bahnhof Aoyama Itchôme aus dem Untergrund aufgestiegen, heisst es
Zitat
Wir gingen ins nächste Kaufhaus und bestellten am Sandwich-Stand gleich am Eingang zwei Tassen Maiscreme-Suppe und ein Schinken-Ei-Sandwich.
Nur: In Aoyama Itchôme gibt es kein Kaufhaus, weder in den 80er Jahren noch in deren "ferner Gegenwart". In der englischen Übersetzung von Alfred Birnbaum steht da auch richtiger "supermarket"; solche Supermärkte gibt es dort tatsächlich mehrfach. Auch wenn das noch nichts darüber besagt, was genau im Original steht, so liegt der Verdacht eines Übersetzungsfehlerchens nahe. Die "ferne Gegenwart", in der die Handlung spielt, könnte "1989 zum Beispiel, 1995, 2000" sein, wie der Übersetzer im Nachwort auf Seite 537 schreibt, während ein Blick in den ewigen Kalender zeigt, dass nur in den Jahren 1988, 1994 und 2005 der 2. Oktober auf einen Sonntag fällt, wie er es nach Seite 423 unten tun soll.

Schließlich schießt Murakami auf Seite 372f die mathematische Phantasie etwas über das Ziel hinaus, wo es um den Enzyklopädiestab geht, mit dem es folgendes auf sich hat: Jeder Buchstabe, jede Ziffer, jedes druckbare Zeichen wird als 2-stellige Dezimalzahl eindeutig kodiert; damit lässt sich jeder Text in eine Ziffernfolge umschreiben; setzt man die Ziffernfolge hinter das Komma hinter einer Null, so erhält man eine Zahl zwischen Null und Eins. Jeder beliebige Text wird nun durch einen Punkt auf dem Enzyklopädiestab repräsentiert, den man auf dem 1 cm langen Stab in genau dem Abstand vom Stabanfang eingraviert, den die Zahl angibt.
Zitat
Die eingravierte Datenmenge [d.h. die Menge der auf dem Enzykolpädiestab gespeicherten Texte] läßt sich beliebig vermehren. Fast bis ins Unendliche. Und bei periodischen Zahlen ist man im Unendlichen. Es hört nie auf.
Nun ist es aber so, dass nur solche Texte als periodische Zahlen kodiert werden, die sich ab einem bestimmten Punkt wiederholen, so wie dieser so wie dieser so wie dieser so wie dieser ... Periodische Zahlen sind zwar unendlich, die zugehörigen Texte würde man aber gar nicht erst verschlüsseln. Immerhin ist aber der Enzyklopädiestab ein klein bisschen low-level-SF, wenn auch nicht auf Murakamis Mist gewachsen ...

Um mit etwas Positivem zu enden, nämlich der verblüffenden metaphysischen Erkenntnis auf Seite 374:
Zitat
Für Sie gibt es nur noch einen Weg, der Unsterblichkeit zu entrinnen. [...] Sie sterben sofort.

Dem ist nur noch die Auflösung des Büroklammerrätsels (vom Buchanfang) 3 Seiten später hinzuzufügen: Im HbW werden Büroklammern im Notfall benutzt, um aus ihnen provisorische Abschreckungsgeräte gegen die Schwärzlinge zu basteln, während sie am EdW nur noch vage Erinnerungen daran auslösen. Gar nicht mal so abwegig. Und ein weiters Indiz dafür, dass sich Murakami den Schluss vor dem Anfang ausgedacht hat.

Insgesamt fünf Ratten, wohlwollend aufgerundet:
5ratten 4ratten
5 Ratten minus 100 Seiten = 4,5 Ratten =
2
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illy

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #27 am: 18. November 2010, 19:56:13 »


Originaltitel: Sekai no owari to Hadoboirudo Wandarando

Japan in einer Zeit, die sich nur durch einige Details von unserer Gegenwart unterscheidet. Der Ich-Erzähler und Held lebt ziemlich zurückgezogen und arbeitet als „Kalkulator“, das heißt, er ist so eine Art menschliche Verschlüsselungsmaschine. Sein neuester Auftrag ist aber alles andere als Routine und führt ihn bald in Lebensgefahr. Parallel dazu wird die Geschichte eines Mannes ohne Erinnerung erzählt, der in eine von einer hohen Mauer umgebene Stadt kommt und am Tor seinen Schatten abgeben muss.

Ich hatte "Hardboiled Wonderland..." bereits vor einigen (vielleicht 10) Jahren einmal gelesen, allerdings in einer ausgeliehenen Ausgabe. Da Murakami seitdem zu meinen Lieblingsautoren gehört, wollte ich das Buch aber auch besitzen und habe es dann jetzt in Folge dessen auch noch einmal gelesen. Murakamis Bücher weisen einen unterschiedlichen Grad an Phantastik auf, von praktisch reinen Liebesgeschichten bis zu Romanen, die praktisch nur aus seltsamen Momenten bestehen. Ich bevorzuge die phantastischeren Romane und "Hardboiled Wonderland…" ist von diesen meiner Meinung nach der, mit der am wenigsten "normalen" Welt.

Mir fällt es aus diesem Grund schon schwer, auch nur eine Zusammenfassung zu schreiben und eine Rezension ist nicht wirklich einfacher. Um dieses Buch zu mögen muss man jedenfalls akzeptieren können, das man nicht alles versteht und die Geschichte manchmal zwar keinen Sinn ergibt, aber trotzdem Gefühle auslöst.

Wollte man das Buch analysieren, würde dabei vermutlich herauskommen, dass es von der Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen handelt, ich analysiere aber nicht so gerne, sondern lasse mich lieber von der Stimmung des Buches davon schwemmen. Mitreißend ist es zwar nicht direkt, vordergründige Spannung gibt es eher in der ersten Hälfte des Buches, es zieht einen aber trotzdem mit der Zeit in seinen Bann. Die beschriebene Welt ist in mancher Hinsicht vollkommen fremd, trotzdem versteht man die Menschen und ihre unerfüllten Grundbedürfnisse nach menschlicher Nähe. Ich empfand das Ende als melancholisch und irgendwie traurig, kann aber noch nicht einmal sagen, was da jetzt wirklich passiert ist und welches Schicksal die Hauptfigur jetzt letztendlich erleidet.

Das zweite Lesen hat meinen ersten Eindruck bestätigt: Ein herausragendes Buch eines sehr guten Autors.
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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #28 am: 24. September 2011, 13:09:37 »

Ich lese gerade "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" fuer meinen SLW und muss gerade mal meinen wirren Gedanken Ausdruck verleihen. Also, mittlerweile bin ich auch nicht mehr ganz so verwirrt, da ich eine Vermutung habe, wie die Geschichten zusammengehoeren.  :klatschen: Ansonsten weiss ich auch nicht so recht, das Buch gefaellt mir irgendwie, aber irgendwie irritiert es mich auch und irgendwie ich weiss auch nicht...ich bin einfach verwirrt!  :grmpf:

(Sorry, fuer den etwas unproduktiven Kommentar, aber ich musste das gerade einmal los werden!  :breitgrins:)
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Jari

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Re: Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und ....
« Antwort #29 am: 24. September 2011, 20:07:50 »

Ansonsten weiss ich auch nicht so recht, das Buch gefaellt mir irgendwie, aber irgendwie irritiert es mich auch und irgendwie ich weiss auch nicht...ich bin einfach verwirrt!  :grmpf:

Genau dieses Irritierende und Verwirrende hat mich so fasziniert. Auch heute noch frage ich  mich, wie das Ganze zusammenhängt, und ich verstehe es immer noch nicht. Deshalb liebe ich Murakami so sehr :)
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