  | | Stefan Zweig (1881-1942) Schachnovelle Erstveröffentlichung: 1942 Verlag: Fischer Taschenbuch 110 Seiten |
Was können Isolation und Psychofolter bei einem Menschen bewirken? Dieser Frage versucht Stefan Zweig in seiner
Schachnovelle nachzugehen. Eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der der Protagonist Dr. B. sich im Schachspiel gegen den amtierenden Weltmeister C. behaupten muss, wird die Geschichte seiner Gefangennahme durch die Gestapo und der Auswirkungen der mehrmonatigen Isolationshaft erzählt, in deren Verlauf er - mit einem Buch über berühmte Schachpartien als einziger Zerstreuung - langsam aber sicher dem Wahnsinn verfällt. In beinahe völliger Abwesenheit wichtiger äußerer Reize und menschlicher Kontakte beginnt B., sich intensiv und ausschließlich mit dem Schachbuch und den darin enthaltenen Partien zu beschäftigen, bis sie zu seinem einzigen Gedankeninhalt werden und er dem Wahnsinn zu verfallen droht, der ihn auch nicht loslässt, als er sich bereits wieder in Freiheit befindet.
Nun, meine Meinung zum Buch ist zwiegespalten. Einerseits finde ich es richtig und wichtig, aufzuzeigen, wozu Menschen fähig sind, was sie einander antun können, und vor allem, was unschuldigen Menschen zur Zeit des Naziregimes angetan wurde. Das kann sich man nicht oft genug ins Gedächtnis rufen.
Dennoch haben mich an der
Schachnovelle einige Kleinigkeiten gestört, die in erster Linie nichts mit dem erzählten Schicksal des Dr. B. zu tun haben und daher eigentlich zu vernachlässigen sind.
Aber da ich mich seit vielen Jahren mal mehr, mal weniger fürs Schachspielen interessiere und mich auch ein wenig in der Historie der Schachweltmeister auskenne, hat mich die Charakterisierung des Schachweltmeisters C. etwas irritiert, ja bisweilen sogar gestört. Er wird nämlich als im Grunde recht einfältiger und ungebildeter Landbursche dargestellt, der zwar mit einem außerordentlichen Talent fürs Schachspielen ausgestattet ist, sich jedoch für alles andere so gut wie gar nicht interessiert und intellektuell recht unterbelichtet sein soll. Darin liegt m.E. ein großer Widerspruch: Schaut man sich unter den echten Schachweltmeistern um, so findet man dort i.d.R. faszinierende und vielseitige Personen, die keineswegs dem vielleicht gängigen Klischee des engstirnigen und nur am Schachspiel interessierten Autisten entsprechen. Im Gegenteil, da gibt es solch' schillernde Persönlichkeiten wie den Exzentriker Bobby Fischer, den Politaktivisten Garri Kasparow oder aktuell das "Wunderkind" Magnus Carlsen, der bestimmt kein Einfaltspinsel ist, so jedenfalls mein Eindruck nach ein paar Interviews mit ihm, die ich gelesen habe.
Auch hat sich der Schachspieler in mir gegen die Vorstellung gesträubt, jemand könne sinnvoll gegen sich selbst Schach spielen. Jeder, der das mal versucht, wird irgendwann frustriert aufgeben, weil der Gegner immer weiß, was man vorhat.

Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass man mit dem Auswendiglernen von Schachpartien seine eigenen Schachfähigkeiten verbessert, ohne jemals gegen andere Gegner zu spielen. Wie soll man dabei eigene Fehler erkennen und sich verbessern können?
Anyway, abgesehen von derlei Erbsenzählerei ist mein Fazit: Ein kurzes und kurzweiliges Buch mit einer bewegenden Geschichte, die mich jedoch insgesamt gesehen nicht wirklich fesseln konnte. Mit den Figuren konnte ich nicht richtig mitfühlen, dafür waren sie mir zu flach gezeichnet. Aber aufgrund ihres geringen Umfangs kann die Novelle da wohl auch nur an der Oberfläche kratzen.
