Hallo zusammen,
wie versprochen noch einmal etwas ausführlicher meine Eindrücke von Boyle. Ich habe gelesen:
"The Tortilla Curtain" (dt. América). Ich finde die beiden Paare gut gezeichnet, ich finde ohnehin, dass Boyle ein ganz großes Talent beim Beschreiben wirklicher Menschen hat; damit meine ich, dass ich oft die Figuren nicht verstehe, dass sie so handeln, wie ich es nicht erwarten würde, und dass mir auch der Erzähler nicht immer Anhaltspunkte dafür liefert, warum dies oder jenes geschieht. Das finde ich manchmal etwas unbefriedigend, aber oft auch sehr spannend. Bei "Tortilla Curtain" war das für mich noch am wenigsten der Fall, die Figuren sind dann doch relativ typisch herausgearbeitet, die Immigranten halten die USA für das gelobte Land und ihre Gesundheit ist ihnen weniger wichtig als Geld. Gleichzeitig sind sie aber gute Menschen, die im Gegensatz zu den Amerikanern arglos sind, nicht hinter allem das Böse vermuten, obwohl sie viel mehr Grund dazu hätten.
Gerade das bringt den ganzen Plot aber auch manchmal an den Rand des Klischees; während ich die Eingangssituation mit dem Unfall noch sehr stark finde (ein Unfall, der für das Opfer fast tödliche Konsequenzen hat, dessen Opfer aber auch lange unsichtbar bleibt...), finde ich die Situation am Ende mit der Erkenntnis durch die Photographie dann doch ziemlich unglaubwürdig (nicht weiterlesen, wer über das Ende nichts erfahren will!): Dass hier der Amerikaner seinen Rassismus trotz aller Augenscheinlichkeit nicht in den Griff bekommt, dass er bereit ist, den Einwanderer zu töten, dass er davon nur durch die Wassermassen abgehalten wird, aus denen er dann von dem gerade noch bedrohten und derart geschundenen Immigranten gerettet wird, das fand ich dann doch ein bisschen sehr dick aufgetragen.
Außerdem habe ich gelesen:
"World's End" - war mir etwas zu konfus, wenn die Idee mit der Handlung auf den zwei Zeitebenen auch eine gute war. Auch hier ein Ende, über das man ausführlich diskutieren könnte.
"A Friend of the Earth" - fand ich auch nicht so stark, irgendwie war mir das zu langatmig erzählt. Auch die Figuren blieben mir - gerade für Boyle - zu blass.
"Riven Rock" - mögen viele nicht, es ist bisher mein Lieblingsboyle. Ich finde die Figur des Stanley McCormick unheimlich sympathisch und ich finde es daher auch sehr nachvollziehbar, dass es doch einige Figuren gibt, die ihr Leben ganz an das seine koppeln, auch wenn sie dadurch alle nicht wirklich glücklich werden. Ein herzzerreißendes Buch über Freundschaft.
"Drop City" - der kurzweiligste Boyle, den ich bisher gelesen habe, der mir aber an manchen Stellen einen etwas zu konservativen Unterton hat. Aber das sind nur Nuancen, insgesamt sind die Probleme einer "Ideologie" (wenn man das so sagen kann) schon sehr gut dargestellt - allerdings auch ihr Reiz, was ich überzeugend finde: hier wird nicht schwarzweiß gemalt. Mir bleibt aber das Gegenmodell etwas zu ungebrochen (ich meine das Alaska-Ehepaar).
Herzlich, B.