Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich einzig und allein durch den ersten Satz. Ich hatte noch nie vorher etwas vom Autor, geschweige denn ausgerechnet von diesem Buch gehört, jedoch zog mich der Einstieg so in seinen Bann, dass ich unbedingt wissen wollte, was Jeffrey Eugenides zu erzählen hat:
„An dem Morgen, als die letzte Lisbon-Tochter Selbstmord beging – Mary diesmal, mit Schlaftabletten wie Therese –, wussten die Sanitäter schon genau, wo die Schublade mit den Messern war, wo der Gasherd und wo im Keller der Balken, an dem man das Seil festbinden konnte.“Obwohl ich nicht wusste, auf was für eine Geschichte ich mich einließ, waren meine Erwartungen relativ hoch – und sie wurden nicht enttäuscht. Eugenides erzählt über die Selbstmorde der Töchter der Familie Lisbon: Cecilia (13), Lux (14), Bonnie (15), Mary (16) und Therese (17); darüber, wie sie es getan haben und darüber, wie ihre Umgebung diese Tragödie wahrgenommen hat. Doch über eines schweigt er sich aus: über das Warum.
Es begann alles mit dem versuchten Selbstmord der Jüngsten mittels aufgeschnittener Pulsadern in der Badewanne. Sie wurde rechtzeitig gefunden und erholte sich im Krankenhaus von ihrer Tat – jedoch nur rein körperlich. Was sie dazu bewogen hat, sich ihr Leben nehmen zu wollen, erfährt niemand – weder der Psychiater im Krankenhaus, noch ihre Eltern oder ihre Schwestern. Es war zwar bekannt, was vorgefallen war, doch wurde in der hübschen Vorstadtsiedlung einvernehmlich nicht darüber gesprochen. Um ihren Töchtern einen Gefallen zu tun und Cecilia wieder ins richtige Leben zurück zu helfen, erlaubten die Lisbon-Eltern sogar, dass die fünf Mädchen eine Party geben durften. Die allererste in ihrem Leben – und auch die letzte, denn während die Jungs langsam ihre Schüchternheit gegenüber den hübschen Schwestern ablegten, ging Cecilia aus dem umfunktionierten Keller nach oben und stürzte sich aus dem Fenster – direkt auf einen Gartenzaun mit Metallspitzen. Diesmal hatte sie ihr Ziel erreicht und die Sanitäter konnten nur noch ihren Körper vom Zaun entfernen. Auch diesmal sprach niemand von Selbstmord, sondern es wurde sich stillschweigend darauf geeinigt, dass dies ein tragischer Unfall war.
An diesem Punkt beginnt sich langsam eine Veränderung im Leben der Familie Lisbon abzuzeichnen. Der Vater kümmert sich nicht mehr um das Haus, welches langsam verfällt, und die Mädchen werden kaum noch außerhalb der elterliche vier Wände gesehen, abgesehen vom Schulbesuch. Aber auch dort bleiben sie unter sich, gehen stolz durch die Gänge und lassen sich nicht anmerken, was wirklich in ihnen vorgeht. Nur die nun jüngste der verbliebenen vier Mädchen, Lux, zeigt deutlich, dass sie noch lebt, und zwar jedem Jungen, der es erfahren möchte. Einer dieser Jungs wagt dann schließlich den Vorstoß und fragt die Eltern, ob die Mädchen zum Schulfest kommen dürfen und nach einigem Überlegen stimmen diese sogar zu. Die Mutter schneidert zu diesem Anlass sogar neue Kleider – geradlinig und überhaupt nicht auf die Figur ihrer Töchter zugeschnitten, doch davon lassen sich die vier den Abend nicht verderben. Der Abend endet jedoch in einer Katastrophe, als Lux mal wieder mit einem Jungen verschwindet und nicht rechtzeitig am Treffpunkt auftaucht. Erst mitten in der Nacht kommt sie wieder bei ihren Eltern an, die daraufhin eine folgenschwere Entscheidung treffen. Vor allem auf Betreiben der Mutter nehmen die Schwestern seitdem nicht mehr am Schulunterricht teil, da die Jungs einen schlechten Einfluss auf sie hätten. Von diesem Zeitpunkt an verlassen sie das Haus kaum noch, selbst im mittlerweile vollkommen verwilderten Vorgarten sind sie nicht mehr anzutreffen. Aus diesem elterlichen Gefängnis gibt es für die Mädchen schließlich nur noch einen Ausweg.
Erzählt wird diese Tragödie von „uns“. Während ich am Anfang diesem Erzählton noch ziemlich skeptisch gegenüberstand und mich fragte, wer „wir“ denn eigentlich sind, identifizierte ich mich immer mehr mit den Erzählern und wurde zu einem Teil dieser Gruppe, die die Geschehnisse beobachtete und versuchte, den Schwestern zu helfen und damit zu verhindern, dass sie Cecilia, der jüngsten von ihnen, folgen. Wie erfolglos ihre Bemühungen sind, erfährt man bereits im ersten Satz. Dennoch hofft man mit ihnen, wünscht sich so sehr, dass ihnen ihr Vorhaben gelingt und im letzten Viertel des Buches erhält man sogar den Eindruck, dass die Schwestern auf die Erzähler – vermutlich eine Gruppe Jungs aus der Nachbarschaft – zugehen und ihnen die Hand reichen. Aber nur, um sie dann umso brutaler zurückzuweisen und ihnen vor Augen zu führen, dass sie nichts über die Mädchen wissen und erst recht nichts über ihre Motive für ihren Freitod.
So bleibt den Erzählern nichts anderes übrig, als weiterhin nur Zuschauer zu sein und keinen Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse zu haben. Sie bleiben zurück, voller Unverständnis, und fragen sich eben diese Frage, auf die es keine Antwort gibt: Warum?
Ebenfalls keine eindeutige Antwort gibt es auf die Einstellung des Autors zum Tabu-Thema Selbstmord. Einerseits verteidigt er die Entscheidung der Lisbon-Töchter, die darin den einzigen Weg aus dem elterlichen Gefängnis sahen, aber andererseits zeigt er anhand der Erzähler auf, welche Gedanken und Gefühle die Überlebenden, die Zurückgelassenen plagen, die Schuldgefühle, dass man es doch hätte verhindern müssen, und den langsamen und schwierigen Prozess des Verarbeitens. Denn die Erzähler sind zum Zeitpunkt der Geschehnisse ein paar halbwüchsige Jungs, die aber noch nach vielen Jahren, schon längst aus dem besten Alter wieder hinaus, nicht vergessen können und alles tun, um zu verstehen – und es doch nicht schaffen.
Trotz seiner relativen Dünne – nur 251 Seiten umfasst die Erzählung – entfaltet sich auf den Seiten ein ungeheurer Sog, der mich dieses Buch an einem Abend verschlingen lies. Dieser kurzen Lesezeit gegenüber stehen die Tage, die es mich danach noch beschäftigt hat und diese Phase ist noch keineswegs vorbei. Ein wahrlich eindringlicher Roman, für den ich keine andere Wertung außer der vollen Punktzahl vergeben kann:
