Ein Mann sitzt gefesselt in der Wohnung seiner Tochter, gefesselt von ihrem rätselhaften Freund, der spurlos verschwunden ist. Kurz darauf reist Giulietta ihm hinterher, in seine Heimat Argentinien.
Giulietta ist Ballettänzerin und gerade auf der Suche nach dem perfekten ersten Engagement, als sie den faszinierenden Tangospezialisten Damián kennenlernt und sich mit ihm in eine stürmische Beziehung stürzt. Eines Tages kommt es zu dem Vorfall zwischen Damián und ihrem Vater, Damián verschwindet, und Giulietta beschließt, ihn in seinem Heimatland zu suchen. Gleichzeitig ist dies auch ihre Chance, ihrem Vater zu entfliehen, dessen Nähe sie allmählich erdrückt.
Ohne Spanischkenntnisse und ohne großen Plan versucht sie, sich mit den spärlichen Anhaltspunkten, die sie hat, in Buenos Aires zurechtzufinden - und in der Welt des Tango, dieses Tanzes, der ihr rätselhaft und fremd ist, während er für Damián alles bedeutet ...
Giuliettas Suche nach Damián ist auch eine Suche nach ihrer eigenen Familiengeschichte - ihr Vater verließ in den 70er Jahren die DDR, die er heute noch glühend hasst, doch mehr weiß sie nicht über seine Vergangenheit, über diesen Mann, der ihr mittlerweile so unangenehm ist. Auch ihre Beziehung zu Damián ist von Extremen geprägt, gipfelnd in seinem Angriff auf Giuliettas Vater und dem anschließenden Verschwinden.
In Argentinien setzt sich Giulietta mit dem Tango auseinander, weil sie nicht nur hofft, Damián in einer der vielen "milongas", den legendären Tangolokalen von Buenos Aires, wiederzufinden, sondern auch, ihn besser verstehen zu können, wenn sie in die Welt dieses melancholischen Tanzes eintaucht. Das fällt ihr jedoch relativ schwer - wie auch mir als Leserin. Die teils recht langen Exkurse in die Geschichte und Besonderheiten des Tangos sind nicht uninteressant, auf Dauer aber für Nicht-Tangotänzer etwas anstrengend. Man fühlt sich als Leser genauso fremd wie Giulietta in der heißen, vollen, andersartigen Großstadt.
Irgendwann, relativ spät, kommt dann jedoch ein Schwenk im Plot, der mich gefesselt hat. Puzzleteile fallen an ihren Platz, der Tango spielt zwar noch eine Rolle, aber nicht mehr so beherrschend, und die Familiengeschichten von Giulietta und Damián klären sich gleichermaßen auf, in eine Richtung, mit der ich zuvor überhaupt nicht gerechnet habe.
Das ganze Buch ist perfekt durchkonstruiert, kunstvoll gebaut, nichts, was zufällig aussieht, ist es wirklich - wie auch beim Tanz, bei dem jede Geste, jede Bewegung bedeutungsvoll und geplant ist. Ein bisschen fehlt deshalb die Lockerheit beim Erzählen, doch auch wenn zwischendurch das Konstruktionsgebälk etwas zu stark hinter den Geschehnissen knirscht, werden die Handlungsfäden so raffiniert und glaubwürdig miteinander verknüpft, dass das zum Ende hin, wenn das Buch an Fahrt und Spannung gewinnt, kaum noch eine Rolle spielt.

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