Hallo,
Der alte Fischer Santiago hat sein Glück verscherzt, weil er zu weit auf See hinausgefahren ist. Er hat es zu sehr herausgefordert, und dann wurde es ihm genommen. Glück ist ein großes Geschenk. Santiago ist aber zu sehr verbissen, und jagt dem Glück. Er hängt aber sowieso schon in einer Pechsträhne, und ist seit langem mit leeren Fischernetzen heimgekehrt. Sein Traum nach dem großen Fang steht unter einem schlechten Stern. So heißt es schon vor seiner großen Fahrt:
Hoffentlich wird mir kein Fisch begegnen, der so groß ist, daß er uns Lügen straft.
Und er bekommt ihn an die Angel, er ist so groß, dass er ihn nicht ins Boot holen kann. So versucht er mit unbändigem Willen, die Leine festzuhalten und lässt sich von Fisch ins Meer treiben, in der Hoffnung, der Fisch würde irgendwann an Kraft verlieren. Weil die Geschichte allzu bekannt ist, werde ich auf den Inhalt nicht detailliert eingehen.
Wichtig erscheint mir, der alte Fischer fühlt sich eins mit dem Marlin, einem Schwertfisch, er redet ihn sogar mit
„Bruder“ an. Nachdem der Marlin getötet war, fühlt er sich auch wie tot, nur seine Schmerzen vom Kampf mit dem Fisch lassen ihn wahrnehmen, dass er noch am Leben ist. Es heißt auch:
Du tötest mich, Fisch,...Aber dazu bist du berechtigt. Niemals habe ich etwas größeres und Schöneres oder Ruhigeres oder Edleres gesehen als dich, Bruder. Komm nur und töte mich. Mir ist es gleich, wer wen tötet.
Das finde ich interessant. Die Einheit zwischen den Kämpfenden erinnert mich an den Stierkampf. In Hemingways Roman
Fiesta heißt es:
Der Stier griff an, und Romero wartete mit tiefgehaltener muleta auf den Angriff, visierte mit der Klinge, die Füße fest zusammen. Dann, ohne einen Schritt vorwärts zu tun, war er plötzlich eins mit dem Stier;...
Desweiteren möchte ich einen Vergleich heranziehen aus
„Mannesalter“ von Michel Leiris. Im Kapitel
„Lucretia“ schreibt er dort über den Stierkampf. Dort sagt er,
„jene übermenschliche Schönheit, die auf der Tatsache beruht, daß zwischen dem Töter und seinem Stier...zugleich mit dem Kampf eine Vereinigung sich vollzieht – ebenso wie es in der Liebe und bei den kultischen Opferzeremonien der Fall ist....“
Für Leiris ist der Stierkampf ein mystisches Drama.
Wie Leiris in dem Stierkampf etwas mystisches sah, können wir mystisches auch im Kampf des alten Mannes mit dem Fisch finden. Kurz bevor der Marlin stirbt zeigt er sich in seiner vollkommenen Schönheit. Als der alte Mann den großen Fisch an die Haie verliert, ist der mystische Kampf schon längst aus dem Ruder gelaufen. Das Abschlachten der Haie ist schon sinnlos und Santiago hat verloren. Er grübelt schon, ob das töten Sünde sei.
Man kann die short-story als Parabel auf das Streben des Menschen nach Glück lesen. Frieden findet der alte Mann erst, wenn er von den Löwen träumt.
Auch in den "Nick Adams-Stories" erzählt Hemingway manchmal vom Fischen.
Mir hat's sehr gefallen.
Liebe Grüße
mombour