Autor Thema: Clemens J. Setz - Die Frequenzen  (Gelesen 272 mal)

Offline HoldenCaulfield

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Clemens J. Setz - Die Frequenzen
« am: 29. Oktober 2012, 20:19:39 Nachmittag »


Titel: Die Frequenzen
Autor: Clemens J. Setz

Allgemein:
720 S., btb Verlag,  2011

Inhalt:
Walter und Alexander... zwei junge Männer. Zwei Erzähler dieses Romans. Walter ist Schauspieler, oder möchte es werden. Oder ist das dann doch der Wunsch des Vaters, der Architekt den alle zu kennen scheinen, der seinen Einfluss überall einfließen lies. Alexander ist Altenpfleger und verliebt in Valerie... Valerie, die Psychotherapeutin für die er seine Freundin unbedingt loswerden möchte. Und dann ist da eben wieder Walter, der ausgerechnet in Valeries Therapiegruppe einen fiktiven Patienten spielen soll. Nur blöd das Walter bald schon seine Rolle allzu ernst nimmt.

Und das ist nur ein Bruchteil der Handlung. Der grobe Rahmen in dem sich alles bewegt. Der Klappentext empfiehlt übrigens sich ein Personenmobile zu basteln um den Überblick zu behalten. Nun bisher brauchte ich das noch nicht, aber die Idee ist trotzdem gut *gg* Überhaupt lohnt es sich hier ausnahmsweise den Klappentext wirklich zu lesen weil er so hört es sich zumindest an, vom Autor selbst verfasst wurde und schon auf den Roman einstimmt.

Momentan...
Bin ich zwiegespalten. Da gibt es diese wunderbaren 200 ersten Seiten die mit Sätzen aufwarten die einfach nur unbeschreiblich genial sind (und natürlich hab ich vergessen sie mir notieren  :rollen: ) und dann gibt es ab etwa diesem Punkt unnötige Sexuelle Beschreibungen ... ich muss echt nicht Seitenweise lesen wie die Hauptfigur sich schon wieder einen runter geholt hat. Warum meinen eigentlich gerade männliche Autoren das ihre Romane - egal welches Niveau diese haben - das sie nicht ohne solche Beschreibungen auskommen können? Und ja mich nervt das und es sorgt dafür das ich momentan mit Unwillen weiter lese. Das finde ich so schade weil eben der Anfang wirklich toll war... wenn die Handlung nicht bald eine Kurve macht wird das wohl leider doch noch ein Flop... Und ja es wundert mich auch nicht das irgendwie ausnahmslos Männer (zumindest was ich so gefunden habe) diesen Roman in alle Himmel loben...  :rollen:

Ansonsten hoffe ich das es sich doch noch lohnt weiter zu lesen. Vor allem Walter ist mir ans Herz gewachsen, während Alexander... naja er ist für meinen Geschmack ein eingebildeter Bursche... allerdings ist bei ihm nicht völlig klar ob alles was er so erzählt tatsächlich  so oder ähnlich passiert ist. Der gute Alexander hat eine sprühende Fantasie. Und wer weiß ob Valerie wirklich  so auf ihn fliegt, wie er es dem Lese weiß machen möchte.

Interessant wird es auch als Walter auf die Gruppentherapie von Valerie trifft, sie hat ihn als Schauspieler engagiert - warum hat sich für mich nicht so ganz erschlossen, aber Walter geht in seiner Rolle ziemlich auf  :breitgrins:

Irgendwie ist das Ganze zum Teil so schön schräg, und manchmal eben sehr poetisch. Nicht immer ist ganz klar auf welcher Zeitebene man sich bewegt, manchmal hab ich erst Kapitel später verstanden das in einem anderen Kapitel die Vergangenheit beschrieben wurde. Gerade das fand ich irgendwie ebenfalls toll. Man wird als Leser gefordert und kann nicht einfach so mal ein paar Sätze lesen. So funktioniert das hier nicht. Sonst kommt man zu schnell Durcheinander. Hat man sich festgelesen fliegen die Seiten nur so dahin.

Finde ich den Roman doch irgendwie toll - trotz meiner Kritik? - Ich glaube ja. Und wiederspreche ich mir damit selbst? - Ja :breitgrins:
Ich warte mal ab, was weiter geschieht. Zum Glück hab ich Indigo von  Setz schon auf dem SUB.
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Offline HoldenCaulfield

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Re: Clemens J. Setz - Die Frequenzen
« Antwort #1 am: 31. Oktober 2012, 09:37:07 Vormittag »
Zum Klappentext: Wie mir nun zufällig auffiel gibt es doch einen normalen Innentext des Verlages, aber der ist ein wenig nichtssagend. Es lohnt sich doch eher den des Autors zu lesen, einfach weil er auch einen Einblick in den ungefairen Ton des Romans gibt - wobei ich finde das dieser weniger ironisch geschrieben ist, aber das ist ja eher subjektives Empfinden.
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Offline HoldenCaulfield

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Re: Clemens J. Setz - Die Frequenzen
« Antwort #2 am: 31. Oktober 2012, 20:41:55 Nachmittag »
Und nun:

Gerade noch hat der Autor für meinen Geschmack die Kurve hinbekommen und sich von den sexuellen Ergüssen seiner Hauptfigur Alexander wieder verabschiedet. Nun, ich mochte so oder so die Kapitel mit Walter lieber.

Ein Roman ganz aus männlicher Perspektive. Nun gut, nicht ganz, aber weitgehend. Es gibt allerdings nur wenige Kapitel, welche  aus der Sichtweise einer Frau sind und meistens haben sie irgendwie mit einem Mann zu tun. Überhaupt kommen die Frauenfiguren hier eher weniger gut weg. Vor allem Lydia, die eine klammernde Freundin ist und es trotzdem immer wieder schafft Alexander dazu zu bringen, nicht mit ihr Schluss zu machen. Nun er kann sich auf der anderen Seite einfach nicht Entscheiden den Mund auf zu machen und Nein zu sagen. Dazu muss man sagen, das er als Mann dabei auch nicht besonders gut wegkommt, denn im Grunde sorgt vor allem ein Blow Job dafür das er Lydia wieder einmal nicht ab serviert, obwohl er eigentlich längst in eine andere verliebt ist. Aber er ist halt ein Träumer und vieles von dem was er möchte geschieht so oder so nur in seiner Fantasie. Es bleibt offen ob Valerie wirklich etwas von ihm wollte oder ob er sich da vieles nur einfach zusammengeträumt hat. Gerade das macht für mich den Roman aber auch sehr faszinierend. Es bleibt ein eigener Raum für die Überlegungen dazu - und zu anderen Ereignissen. Es passt hier einfach dass, man ein wenig im unklaren bleibt.

Walter... nun Walter ist irgendwie einfach sympathisch in seiner Art über sich zu erzählen. Er ist bodenständiger als Alexander, nicht so träumerisch aber auch nicht so sehr von sich eingenommen. Wohl der Grund warum ich mit ihm mehr anfangen konnte. Wobei Alex eigentlich auch sehr zerrissen ist. Einerseits ist er von sich stark eingenommen aber gleichzeitig irgendwie auch sehr verunsichert. Immer ein wenig hin und her gerissen mit sich selbst und den Menschen um sich herum. Mahnmal hat man den Eindruck er geht ihnen so oder so am liebsten aus dem Weg, um sich nicht zu konfrontieren... egal mit was. Vor allem wohl mit der Wirklichkeit.
Walter fragt sich aber auch, was er mit seiner Zukunft anstellen soll. Aber er bewegt sich auf sie zu und ist nicht in der Schwebe. Schritt für Schritt findet er seinen Weg.

Beide sind etwa meine Generation (ich bin jetzt 27)  und vielleicht habe ich mich deshalb, dann doch irgendwie wieder entdeckt. Das unentschlossene, die Frage wie es mit dem eigenen Leben weitergeht, das beschäftigt mich selbst stark und wenn man dann auf Figuren trifft denen es ähnlich geht, fühlt man sich schon auch etwas besser.
Eine große Rolle spielt auch die Beziehung der jungen Männer zu ihren Eltern. Da ist Walters Vater auf der einen Seite, der nahe zu übergroß erscheint, oder zumindest von Walter so wahrgenommen wird.
Da ist die Mutter von Alexander auf der anderen Seite und ein abwesender Vater,  der aber durch andere Figuren durchaus auch ein Gesicht bekommt.
Besonders hat mir auch gefallen, wie die Figuren miteinander verbunden sind, wie stellt sich erst nach und nach heraus.
Letztendlich werden viele Themenkomplexe eingebunden, man kann also auch nicht unbedingt sagen der Roman handle nur von diesem oder jenem - ebenfalls seine ganz große Stärke.

Setze hat einen Roman geschrieben der mir wirklich gefallen hat, bis auf die eben unnötigen Sex- Stellen... aber gut das mag der Leser sehen wie er möchte. Er ist gar nicht so verwirrend wie es einem im ersten Moment vorkommt, man muss sich einfach auf die Ungradlinigkeit einlassen und dann findet man selbst den Roten Faden. Zudem konnte er mich mit einigen Entwicklungen durchaus überraschen.
Von mir gibt es eine Ratte Abzug weil mich besagte Sexszenen so massiv gestört haben. Ansonsten habe ich aber einen sehr tollen Roman gelesen und ich freue mich auf weiteres von Setz.

4ratten
« Letzte Änderung: 31. Oktober 2012, 20:45:37 Nachmittag von HoldenCaulfield »
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