Autor Thema: Ken Follett - Winter der Welt  (Gelesen 593 mal)

Offline Seoman

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Ken Follett - Winter der Welt
« am: 22. Oktober 2012, 21:24:18 Nachmittag »
Ken Follett - Winter der Welt



"Winter der Welt" ist der zweite Teil von Ken Follets "Jahrhundert-Saga". Erzählt wird die weitere Geschichte der Familien aus "Sturz der Titanen" während der Zeit des zweiten Weltkriegs.

Das Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Seitdem ich es beendet habe frage ich mich ob ich es jetzt gut finde oder nicht. Es war nicht langweilig, hat mich gut unterhalten, die 1000 Seiten vergingen wie im Flug - trotzdem fallen mir rückblickend eher negative Punkte auf.

Es ist eigentlich zu viel Stoff für ein Buch, auch wenn es gut 1000 Seiten dick ist. Immerhin wird hier aus amerikanischer, deutscher, russischer und englischer Sicht erzählt, von kleinen Nebenschauplätzen einmal abgesehen. Die Handlung springt oft zwischen den einzelnen Handlungssträngen, auch zeitlich sind ein paar größere Lücken vorhanden - vielleicht wäre es besser gewesen auf einen Blickwinkel zu verzichten und sich dafür mehr Zeit für die anderen zu nehmen. Andererseits macht wahrscheinlich gerade das das Buch einfach und schnell lesbar, Langeweile kommt durch diesen Stil nicht auf.

Dazu kommen die vielen Zufälle die die Protagonisten in wichtige Ereignisse einbinden. Natürlich lebt das Buch davon, dass die fiktiven Charaktere die Geschichte miterleben und so lebendig machen. Über den ein oder anderen Zufall darf man dann aber auch wirklich nicht genauer nachdenken. Im Nachwort zu "Sturz der Titanen" hat Follett sinngemäß geschrieben, dass sich die Geschichte natürlich nicht genau so abgespielt hat wie von ihm beschrieben, er aber darauf achtet dass sich alles so zugetragen haben könnte. Vielleicht hat er diesen Grundsatz hier etwas überzogen und seine fiktiven Charaktere zu weit "verbogen" um sie auf Teufel komm raus am Geschehen teilhaben zu lassen.

Zusammengefasst würde ich sagen dass hier alles darauf ausgelegt ist den Leser gut zu unterhalten ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Ich frage mich aber ob ein Buch über den zweiten Weltkrieg einfach nur gut unterhalten "darf"?

Seoman

Offline suray

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #1 am: 09. Dezember 2012, 21:38:42 Nachmittag »
Um erstmal kurz auf deine Frage einzugehen: Ja, ich finde auch dieser Stoff "darf" das. Warum auch nicht? Ein Buch dieser Art soll zunächst einmal unterhalten und hat keinen Lehrauftrag. Und es ist eben auch ein Teil der Vergangenheit, dann darf auch mal ein ganz normales Buch zu diesem Thema geschrieben werden wie zu anderen vergangenen Zeiten eben auch. Auch das kann ein heilsamer Umgang sein. Alles ist besser als Verleugnung.

Und für die Kriegsgeneration sowie für die Nachkriegsgeneration ist es ja auch mal schön einfach "normale" Bücher über ihre Vergangenheit zu lesen. Ich finde es ja auch schön Bücher zum Beispiel über die 80er zu lesen. Und genau für eine Person aus diesem Lesekreis werde ich dieses Buch zum Geburtstag kaufen und weiss jetzt schon, dass die Person sich darüber freuen wird und den Inhalt genießen wird bzw. sagen wird, na ja, so war das aber auch nicht und wird angeregt sein über diese Zeit zu erzählen.  :smile:
Gruß suray

Offline Alexa

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #2 am: 14. Januar 2013, 09:18:05 Vormittag »
Hallo zusammen,

ich hatte mir den Schmöker extra für meinen Weihnachtsurlaub bestellt und in dieser Zeit regelrecht verschlungen. Anfangs war ich etwas in Sorge, dass ich Verständnisprobleme bekomme, weil ich mich nicht richtig an den ersten Teil erinnern kann, das ist aber glücklicherweise nicht passiert. Manche Dinge sind für den zweiten Band schlichtweg irrelevant und wichtige Dinge werden so erwähnt, dass man wirklich gut mit kommt.

Besonders interessant ist, dass die Geschichte aus englischer, deutscher, russischer und amerikanischer Sicht beleuchtet wird,das nimmt jede Einseitigkeit und lässt deutlich in die jeweilige emotionale Lage eintauchen. Ich war auch gespannt, wie der Autor speziell mit der deutschen Seite umgeht und wurde nicht enttäuscht. Das deutsche Volk wird so geschildert wie auch ich das empfinde: Es gibt böse Deutsche und gute Deutsche und verzweifelte Deutsche und....jeder Deutsche ist eben anders. Obwohl der Autor das deutsche Volk eben nicht als "Tätervolk" beschreibt bleibt bei meinen persönlichen Überlegungen doch eine bittere Erkenntnis: So "perfektioniert" wie wir hat wohl noch kein anderer Menschen oder Rassen ausgelöscht und ich habe die ernste Befürchtung, dass alles was damals passiert ist woanders vielleicht wirklich nicht hätte passieren können. Das ist aber nur eine persönliche Überlegung und hat nichts mit dem Buch zu tun.

Kurzum: Ich wurde gut unterhalten und freue mich schon sehr auf den dritten Band!

Grüsse
Alexa
:leser:

Andrea Schacht -Triumph des Himmels

Offline Kirsten

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #3 am: 13. Juni 2013, 09:55:38 Vormittag »
Zusammengefasst würde ich sagen dass hier alles darauf ausgelegt ist den Leser gut zu unterhalten ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Ich frage mich aber ob ein Buch über den zweiten Weltkrieg einfach nur gut unterhalten "darf"?

Ich sage auch "es darf". Wer mehr will als "nur" unterhalten zu werden, der greift zu einem Sachbuch.

Mir hat gut gefallen, wie Ken Follett den Leser durch diese geschichtsträchtige Zeit führt. Seine Charaktere kommen aus allen Bevölkerungsschichten und aus verschiedenen Ländern. So werden die Ereignisse aus den verschiedensten Blickwinkeln gezeigt. Auf der anderen Seite bezieht er keine Stellung. Niemand wird verurteilt, es wird nur die Geschichte der Einzelnen erzählt. Menschen aus verschiedenen Ländern und Schichten, die durch ihre gemeinsame Vergangenheit manchmal fester, manchmal lockerer verbunden sind, treffen immer wieder zusammen. Das könnte konstruiert wirken, tut es aber nicht. Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht, ob mir der zweite Teil genauso gefallen würde wie der erste. Das hat er und jetzt freue ich mich auf den dritten Teil.
4ratten
“Life should not be a journey to the grave with the intention of arriving safely in a pretty and well preserved body, but rather to skid in broadside in a cloud of smoke, thoroughly used up, totally worn out, and loudly proclaiming "Wow! What a Ride!”

Offline BlackTimmi

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #4 am: 20. Juni 2013, 17:02:58 Nachmittag »
Ken Follett - Winter der Welt



"Winter der Welt" ist der zweite Teil von Ken Follets "Jahrhundert-Saga". Erzählt wird die weitere Geschichte der Familien aus "Sturz der Titanen" während der Zeit des zweiten Weltkriegs.


Kann man es auch als Erstes lesen? Besitzt es Selbständigkeit?

Offline Kirsten

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #5 am: 21. Juni 2013, 08:11:15 Vormittag »
@BlackTimmi: man kann. In Winter der Welt werden viele Zusammenhänge aus Sturz der Titanen erzählt, so dass man gut mitkommt. Aber wenn du sowieso vorhast, die gesamte Jahrhundertsaga zu lesen, würde ich das schon in der richtigen Reihenfolge machen.
“Life should not be a journey to the grave with the intention of arriving safely in a pretty and well preserved body, but rather to skid in broadside in a cloud of smoke, thoroughly used up, totally worn out, and loudly proclaiming "Wow! What a Ride!”

Offline Valentine

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Re: Ken Follett - Winter der Welt
« Antwort #6 am: 21. Oktober 2013, 10:05:00 Vormittag »
Den 2. Band seiner "Jahrhundert-Trilogie" widmet Ken Follett den schicksalhaften Jahren zwischen 1933 und 1948 und erzählt wie bereits im ersten Teil aus der Perspektive mehrerer Familien in Deutschland, England/Wales, Russland und den USA. So entsteht ein großes Panorama der Ereignisse, vom Aufstieg des Faschismus über den spanischen Bürgerkrieg hin zum zweiten Weltkrieg und der frühen Nachkriegszeit, mit zahlreichen ganz unterschiedlichen Facetten.

Ein bisschen merkt man natürlich, dass die Figuren daraufhin konstruiert wurden, im Verlauf des Buches möglichst viele Aspekte abzudecken, trotzdem bleiben sie mit wenigen Ausnahmen keine eindimensionalen Schablonen, und Follett bezieht auch keine Stellung, schlägt sich auf keine Seite. Dankenswerterweise gibt es hier auf allen Seiten sympathische und unsympathische Charaktere, nicht die bösen Nazis hier und die guten Allierten dort, oder so.

Neben den weltpolitischen Geschehnissen und der Schilderung von Einzelschicksalen hat mir auch die Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse sehr gut gefallen. Wer seitenlange Beschreibungen von Kampfhandlungen befürchtet hat, sei beruhigt - es gibt natürlich einige derartige Szenen wie z.B. über die Seeschlacht bei Midway oder die Landung in der Normandie, aber der Anteil ist insgesamt eher gering.

Insgesamt verschafft das Buch auf unterhaltsame Weise einen ganz guten Überblick über diese bewegte Zeit, kratzt aber gerade dadurch, dass so viele unterschiedliche Ereignisse abgehandelt werden, meist nur an der Oberfläche. Eine kleine Ungenauigkeit im Zusammenhang mit den US-Fallschirmjägern ist mir aufgefallen, aber das merken wahrscheinlich nur Band-of-Brothers-Nerds wie ich :breitgrins: Der Rest schien mir, soweit ich es beurteilen kann, ganz ordentlich recherchiert.

Fazit: leichte, spannende historische Lektüre, die Lust macht, in einige der angesprochenen Themen noch tiefer einzusteigen.

4ratten
« Letzte Änderung: 21. Oktober 2013, 10:06:49 Vormittag von Valentine »
Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.
Wolfgang Herrndorf, Tschick

 

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