J. K. Rowling – Ein plötzlicher TodesfallÜbersetzerinnen: Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol
Inhaltsangabe:Pagford ist eine hübsche, kleine Gemeinde in England. Alles könnte sein wie im Bilderbuch – wenn da nicht die Sozialbausiedlung „Fields“ und die Drogenklinik wäre. In den Augen mancher alt-eingesessener Pagforder sind beides Krebsgeschwüre, die entweder der nächstgelegenen Stadt Yarvil zugeordnet bzw. geschlossen werden sollten. Als Barry Fairbrother, Gemeinderatsmitglied und Befürworter der Integration von Fields und der Weiterbetreibung der Drogenklinik, plötzlich an einer Gehirnblutung stirbt, wittern einige Pagforder ihre Chance, denn es gilt, den plötzlich frei gewordenen Gemeinderatssitz mit dem „passenden“ Kandidaten zu besetzen. Hinter den Kulissen entbrennt ein Streit, in dem auch „unfeine“ Methoden zum Einsatz kommen und in dem Ehepartner und Kinder ebenfalls eine Rolle spielen ...
Der erste Satz:„Barry Fairbrother wäre lieber zu Hause geblieben.“
Meine Meinung zum Buch:Mit diesem Buch hat J. K. Rowling eine völlig andere Geschichte geschrieben als ihre Harry-Potter-Bücher. Für mich hat sie gezeigt, dass sie sehr wohl auch für Erwachsene schreiben kann und ich bewundere sie für den Mut, sich der Kritik zu stellen.
Rowling entwirft hier eine Gemeinde, in der nur noch die Fassade hübsch ist. Dahinter lauern Betrug, häusliche Gewalt, Mobbing, Entfremdung, Klatschsucht, Menschenverachtung, Rassismus, Drogenabhängigkeit, Ehrgeiz, Verleumdung und Egoismus. Obwohl sich die Problemgebiete in dem Buch extrem häufen, kam es mir nicht übertrieben vor. Die Autorin malt die Figuren nicht nur schwarz-weiß, sondern in vielen Graustufen und hält auch dem Leser einen Spiegel vor, in dem man sich immer mal wieder findet.
Die Personen waren hervorragend gezeichnet. Etwa 20 Hauptpersonen tummeln sich in der Geschichte, und allen widmet die Autorin genügend Zeit, um genauestens Vergangenheit, Träume, Zukunftspläne und Alltagssorgen zu beleuchten. Ich fand das hoch interessant, denn als Leserin glaubte ich, die Personen wirklich kennenzulernen. Zusätzlich konnte ich auch die gegensätzlichsten Positionen und Handlungen nachvollziehen und verstehen.
Wirklich gut kommt keine der Hauptpersonen weg, weder Erwachsene noch Jugendliche. Am ehesten vielleicht noch die Sozialarbeiterin Kay Bawden mit ihrer Tochter Gaia, die allerdings sehr blauäugig für einen Mann ihr altes Leben hinter sich ließ, um sich in Pagford niederzulassen. Wenn auch die Katastrophe, auf welche die Geschichte zusteuert, einige Köpfe wieder zurecht rückt, so konnte sich bei mir kein wirklicher Optimismus für Pagford entwickeln. Es menschelt einfach zu sehr.
Einen Vergleich zu den Harry-Potter-Büchern muss ich aber doch anführen: Wie schon dort kann man auch hier erkennen, dass die Autorin sehr komplexe Ereignisse mühelos auflösen kann. Außerdem fiel mir wieder auf, wie liebevoll kleine Details eingearbeitet sind, welche die Autorin immer wieder ganz nebensächlich in die Geschichte einflicht. Ich denke da an Tessas gestohlene Armbanduhr: ganz am Anfang wird sie geklaut, sie spielt immer mal wieder eine winzige Rolle und am Ende taucht sie noch einmal an irgendeinem fremden Handgelenk auf. So etwas mag ich.
Ich mochte auch die ständig neuen Perspektiven, die manchmal sogar ganz kurz von Abschnitt zu Abschnitt wechseln. Ich hatte damit das Gefühl, an fünf Orten gleichzeitig zu sein und das Geschehen dort zu beobachten. Es kommt oft vor, dass mich so etwas beim Lesen verwirrt – hier war das nicht der Fall, denn die Autorin schreibt immer sehr genau mit Namen, bei wem man gerade ist. Auch die erklärenden Einschübe in Klammern fand ich toll.
Interessant fand ich, dass die Autorin auch die Sprache jeweils auf ihre Hauptpersonen abstimmt. Während sich die Pagforder Upper Class gepflegt unterhält, reden die Jugendlichen der Gesamtschule Winterdown Tacheles und sparen nicht mit gepfefferten Sprüchen.
Insgesamt habe ich überhaupt nichts zu meckern und ich hoffe, dass Frau Rowling weitere Bücher schreibt.
Meine Bewertung:

Viele Grüße von Annabas
