So, jetzt habe ich es auch geschafft, das Tagebuch zu lesen und hier ist meine Meinung:
Ich habe Pepys Tagebuch gelesen, weil mich Ort und Zeit interessieren und mit seinen Tagebüchern sozusagen ein Bericht aus erster Hand vorliegt. Insofern war es eine interessante Lektüre, aus der ich einiges über das Leben in der unteren Oberschicht erfuhr. Für mich hat es sich unterm Strich gelohnt, diese Leselücke zu schliessen, aber weiterempfehlen möchte ich das Buch nicht.
Tagebücher anderer Leute zu lesen ist eigentlich sehr langweilig; vor allem, wenn man die Leute nicht persönlich kennt und sie schon lange tot sind, wie im vorliegenden Fall. Pepys lässt uns zwar sehr detailliert an seinem Leben teilhaben und schreibt – wie bei einem Tagebuch halt üblich – wen er getroffen, mit wem er gegessen, geflirtet, geschlafen oder gestritten hat (Letzteres meistens mit seiner Frau). Das Problem: Pepys hatte mit recht viel unterschiedlichen Leuten Kontakt und ich kenne niemanden davon persönlich und nur eine Handvoll aus Geschichtsbüchern. Das erfordert entweder unentwegtes Blättern im Anhang (wo die Personen aufgelistet und «erklärt» sind) oder man macht die Augen zu und geht ohne Erklärungen da durch. Ich habe beides ausprobiert, es ist beides nicht sehr befriedigend, genausowenig wie der Mittelweg (ab und zu blättern).
So weit zur Technik, kommen wir zum Inhalt. Ein Tagebuch kann inhaltlich nur in seltenen Fällen wirklich spannend sein; die meisten Menschen führen ein zu langweiliges Leben für ein lohnendes Tagebuch. Und Pepys bildet da nur eine halbe Ausnahme. Sein Leben besteht im Wesentlichen daraus, in seinem Amt zu arbeiten, Verwandte und Freunde zu besuchen, in Wirtshäuser zu gehen und sich ab und zu einen Besuch im Theater zu gönnen. Also auch nicht viel anders als ein «normaler» Bürger heutzutage. Ausserdem war Pepys ein sparsamer Mensch, der Sorge zu seinem wachsenden Vermögen trug und sich freute, dass es ihm so gut ging.
Spannung in das Tagebuch bringen die ein wenig brisanteren Fakten, so zum Beispiel, dass er hinter jedem Rock her war und seine Frau häufig betrog. Er wusste zwar, dass sein Tun moralisch verwerflich war, aber es hat ihn dann letztlich zu wenig gestört, um etwas dagegen zu unternehmen. Seine Bestechlichkeit ist ein weiterer Faktor, der mir interessant schien – zumal Pepys offen schreibt, wer ihm wie viel bezahlt für Gefälligkeiten. Allerdings scheinen bestechliche Beamte damals die Regel und nicht die Ausnahme gewesen zu sein, was den Schmiergeldern aus Lesersicht auch gleich wieder ein wenig den Reiz nimmt.
Erwartungsgemäss am spannendsten fand ich die Beschreibungen der Pest, die 1665 in London wütete und natürlich das grosse Feuer, das am 2. September 1666 ausbrach und weite Teile der Stadt zerstörte. Da wars für mich spannend, einen Bericht aus erster Hand zu lesen. Aber sonst ist ein Tagebuch halt ein Tagebuch und auch wenns anständig geschrieben ist (wie im vorliegenden Fall), so haben belletristische Werke doch (meist) mehr Fleisch am Knochen.
Was mich übrigens an meiner Ausgabe vom Insel-Taschenbuch-Verlag sehr geärgert hat, waren die vielen Fehler. Meist irgendwelche Vertipper (ein s statt ein d) oder fehlende Buchstaben – da hätte man mit einem automatischen Korrekturprogramm viel Schaden verhindern können. Mir sind Tippfehler in Büchern sonst egal, aber hier waren es dermassen viele, dass es mich genervt hat.
Fazit:
Das geheime Tagebuch von Samuel Pepys ist etwas für Leute, die sich (aus welchen Gründen auch immer) mit dem London des 17. Jahrhunderts beschäftigen möchten oder müssen. Allen anderen würde ich nicht zur Lektüre raten.
4 von 10 Punkten

Alfa Romea <-- trotzdem zufrieden, dass sie es gelesen hat
