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Autor Thema: Joyce Carol Oates - Die Lästigen  (Gelesen 62 mal)

Klassikfreund

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Joyce Carol Oates - Die Lästigen
« am: 01. Februar 2012, 00:00:31 »

Joyce Carol Oates - Die Lästigen. Eine amerikanische Chronik in Erzählungen.



Dieser wunderschön gestaltete Band aus der Reihe „Die andere Bibliothek“ des Eichborn-Verlags (zukünftig beim Aufbau-Verlag) enthält 19 bisher nicht übersetzte Kurzgeschichten. 16 dieser Geschichten stammen aus den 1990er Jahren, nur 3 sind wesentlich älter und wurden bereits in den 1960er bzw. 1970er Jahren veröffentlicht. Das Buch enthält ein längeres Vorwort der Herausgeberin, welches ich erst nach der Lektüre des Buches empfehle.

Oates Geschichten sind generell angesiedelt im Milieu der Armut oder auch der kaputten akademischen Mittelschicht. Viele ihrer Geschichten enthalten Gewalt als zentrales Thema. Dabei ist diese Gewalt in einigen Fällen unmittelbar spürbar, wenn beispielsweise in der Eröffnungsgeschichte „Nackt“ eine Frau von Jugendlichen verprügelt und entkleidet wird oder wenn ein harmlos wirkender Angler sich als Kinderschänder entpuppt. Doch diese herausragende Geschichte enthält mehr, sie thematisiert das Leben dieser Frau. In vielen Fällen kommt jedoch eine zweite Art von Gewalt hinzu, eine subtilere Form. Da gibt es einen unbedeutenden Hund, der einem Paar nachläuft, und dieser dient als äußerer Anlass, um die Zerrissenheit des Paares darzustellen. „Sie lagen im Bett, völlig wach, jeder in bitterem Gewahrsein des Anderen, aber den anderen ignorierend [...].“ Oates schreibt beklemmend, die Situationen sind bedrückend und das überträgt sie gekonnt auf den Leser. Erleichterung macht sich beim Leser breit, wenn man die Geschichte verlassen darf. Es ist also keine angenehme Lektüre. Anders als in Psychothrillern mit ihren blutigen Morden, die mehr ein wohliges Schauern hinterlassen, rufen Oates Geschichten Gefühle ab, die man aus unangenehmen Situationen kennt, selbst wenn diese Gefühle im realen Leben in ganz anderen Situationen vorgekommen sind.

Beziehungen von Menschen untereinander, insbesondere von Paaren zueinander oder aber auch von Eltern zu ihren Kindern, sind ein weiteres zentrales Motiv für Oates‘ Schreiben. Da verlässt ein Ehemann vorzeitig eine Opernvorstellung, seine Frau bleibt allein zurück, er müsse noch arbeiten, sie könne ja ein Taxi nehmen, so seine Worte. Oates schildert nun was sich in der Gedankenwelt der Frau abspielt. Und beschreibt ihre nicht sehr rationalen Handlungen. Aber wer handelt schon vollkommen rational und kühl, wenn er nun nach Hause kommen muss, das Rufen eines Taxis schließt sie aus allerlei Gründen aus und so läuft sie zu Fuß (zumindest anfänglich) die wenigen Meilen nach Hause. Als sie dann zu Hause ankommt, ist das Paar entzweit, auch wenn diese Schlussfolgerung dem Leser überlassen bleibt. In einer anderen Geschichte besucht eine psychatrisch kranke Mutter ihre Tochter an der Universität, sie hat sich losgelöst und will ihr eigenes Leben leben, die Mutter sieht sich das Universitätsleben an und hält davon gar nichts. Oder das ältere Ehepaar, welches sich auf das Abendbrot vorbereitet. Ein Mann klingelt an der Tür und fragt, ob er sich mal umsehen dürfe, er habe hier als Kind vor vielen Jahren gewohnt. Man ist höflich und bittet ihn gar hinein. Nein, er entpuppt sich nicht als blutrünstiger Massenmörder, so viel sei verraten, auch wenn man als Leser eine Zeit lang schwankt, ob es denn in diese Richtung gehen könnte. In der nur elf Seiten langen Geschichte kommt es zu einem anderen Ende, welche den Leser wiederum nachdenklich zurücklässt.

Und als drittes Element schreibt Oates gerne über die Zerbrechlichkeit der eigenen Lebensträume. In „Gib Daddy einen Kuss“ wagt ein geschiedener Ehemann einen zweiten Versuch mit einer neuen Familie. Aus Angst sein Glück wieder zu verspielen, agiert er verhalten und bedächtig. Das Ende wieder überraschend, eine Zufälligkeit im Leben. Nicht vorhersehbar, mit großer Kraft von Oates entwickelt.

Nicht alles ist von gleicher Qualität. Drei oder vier Geschichten verdienen die Höchstpunktzahl, haben Referenzcharakter mit hoher Authentizität, viele andere Storys würde ich mit 4 von 5 Punkten bewerten, aber es gibt auch eine größere Zahl an Geschichten, die ich etwas schwächer finde. Das mag aber auch daran liegen, dass man zuviel Oates an einem Stück kaum aushalten kann.

4ratten

Gruß, Thomas
« Letzte Änderung: 01. Februar 2012, 11:36:22 von Klassikfreund »
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Annabas

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Re: Joyce Carol Oates - Die Lästigen
« Antwort #1 am: 01. Februar 2012, 09:48:21 »

Danke für die Rezi!
Mich hat bisher der Preis des Buches davon abgehalten, es zu kaufen. Aber vielleicht wäre es doch mal etwas, was ich mir gönnen sollte.

Grüße von Annabas  :winken:
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