Chemda Horowitz ist alt, schwach und krank, eigentlich verbringt sie ihre Tage nur noch damit, auf den Tod zu warten und ihr Leben Revue passieren zu lassen. Ihr Leben, das von Anfang an schwierig war, die Mutter ständig unterwegs, der Vater liebte sie zwar sehr, war aber unnötig streng mit seiner Tochter. Verständnis hat sie als Kind nie wirklich erfahren. Ihre eigenen Kinder wollte sie ganz anders behandeln und tat es auch, doch das Verhältnis zu ihrer Tochter gestaltete sich problematisch und den Sohn, ihren Liebling, verwöhnte und behütete sie maßlos.
Nun sind Dina und Avner längst erwachsen, haben eigene Kinder und eigene Probleme. Dina kann sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, dass ihre Tochter mit sechzehn so gut wie flügge ist und wünscht sich sehnlich noch ein Kind - etwas, womit ihr Ehemann längst abgeschlossen hat. Avners Vernunftehe wird nur noch durch die beiden Söhne zusammengehalten, die er liebt und denen er sich verpflichtet fühlt, doch er hat besonders beim Ältesten das Gefühl, auch als Vater zu versagen. Als er im Krankenhaus, in dem seine Mutter liegt, ein Paar beobachtet, das so zärtlich und vertraut miteinander umgeht, wie er es sich immer in seiner Beziehung gewünscht hätte, beginnt eine seltsame Faszination - er will unbedingt mehr über diese beiden herausfinden, stalkt sie regelrecht, was schnell Konsequenzen für sein persönliches Leben hat.
Wie immer steht bei Zeruya Shalev auch hier nicht in erster Linie die Handlung an sich im Vordergrund, sondern die minutiöse Beobachtung von Gedanken, Gefühlen und Interaktionen. Mit scharfem Skalpell seziert sie das Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten und fördert dabei unbarmherzig das Hässliche, Extreme, Gemeine zutage, das, was man zwar im Inneren empfindet, aber nie auszusprechen wagt. Shalev-Lektüre ist immer fordernd und manchmal so ehrlich, dass es wehtut, gerade wenn man sich irgendwo selbst wiedererkennt. Die Sprache ist eigenwillig, die Metaphern manchmal etwas sperrig, aber nicht in dem Ausmaß, dass es stört.
Das schafft sie in diesem vierten Roman wieder ganz ausgezeichnet, allerdings hatte ich mit diesem Buch doch ein Problem: alle drei Hauptfiguren waren mir in ihren Persönlichkeiten nicht recht sympathisch und wirkten zu extrem, Dina und Avner zu sehr von ihren Obsessionen geleitet. Vielleicht zeugt gerade das von der Kunst der Autorin, dass man die Menschen in ihren Büchern eben gerade nicht so richtig mag, aber trotzdem gespannt ihre Geschichte zu Ende liest (wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, auch einen Monat nach der Lektüre, ob mir das Ende hier wirklich gefallen hat).

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