André Müller - "Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!" Letzte Gespräche und Begnungen

Dieser Band enthält mehr als 20 Interviews, die der frei publizierende und im letzten Jahr verstorbene Journalist André Müller mit allerlei Personen der Zeitgeschichte geführt hat. Die Interviews sind in den Jahren 1990 - 2010 in Zeitungen, Zeitschriften und Wochenzeitungen erschienen. Die meisten Interviews wurden zwischen 2004 und 2010 geführt.
Das Spektrum der Interviewten ist sehr weit und bis auf das 1990 geführte Interview mit Toni Schumacher, welches 1991 in der ZEIT abgedruckt wurde, war mir kein anderes Interview bekannt. So findet man Gespräche mit Karl Lagefeld, der hinterher einige Teile des Interviews gerichtlich schwärzen liess, Peter Handke, Günter Wallraff, Salman Rushdie, Marcel Reich-Ranicki, Günter Grass, aber auch Christoph Schlingensief, Leni Riefenstahl, Julia Fischer oder Helmut Berger (nicht der Fußballtrainer, sondern der Schauspieler).
Vor der Lektüre war ich skeptisch, da mich viele dieser Persönlichkeiten nicht besonders interessieren. Was jedoch Müller hier vorführt, ist ein Meisterwerk. Ihm gelingt es, durch seine emphatische Gesprächsführung seinem Gegenüber den Menschen in einem interessanten Licht erscheinen zu lassen. Man findet dann sehr persönliche Aussagen, die der Interviewte wohl nicht jedem preisgegeben hätte. Leni Riefenstahls Verhältnis zu Adolf Hitler wird bewegend beleuchtet. Da stockt dem Leser bei mancher überraschenden Antwort der Atem. Dolly Buster hingegen bricht nach ein paar Fragen zu ihren Pornofilmen das Interview unvermittelt ab. Das längste Interview führt Müller mit seiner Mutter, welches ca. 60 Seiten umfasst. Also eine für den Leser vollkommen unbekannte Frau. Zudem würde man erwarten, dass Müller seine eigene Mutter mit Samthandschuhen anfasst, aber weit gefehlt, er thematisiert ihr Alkoholproblem und auch ihr ansonsten sehr bewegendes Leben, aber dennoch bleibt er dabei einfühlsam. Um billigen Enthüllungsjournalismus handelt es sich nicht.

Gruß, Thomas