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Autor Thema: Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm  (Gelesen 70 mal)

Aldawen

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Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm
« am: 04. Januar 2012, 15:47:26 »



Inhalt: Sven ist 19 und unten angekommen: abhängen mit „Freunden“, saufen, Leute anpöbeln, sich mit anderen prügeln. Die Eltern sind davon natürlich gar nicht begeistert, allerdings spielt dabei auch eine große Rolle, daß ein solcher Sohn die nach außen gezeigte perfekte Welt und das Image stört, was vor allem Svens Vater wichtig ist. Der war Direkter eines Internats, hat diese Stelle aber aufgegeben, um erfolgreiche Sachbücher und Ratgeber über Bildung und Erziehung zu schreiben. Auf die Idee, seine guten Ratschläge auch auf sein Verhältnis zum eigenen Sohn anzuwenden, scheint er nicht zu kommen. Die einzige Person, die Sven ernst nimmt und ihn akzeptiert, wie er ist, selbst jetzt noch, ist seine Schwester Lina. Fünf Jahre zuvor hat Sven einen Unfall seiner Schwester nicht verhindern können, und an diesem Punkt ist sein Leben gekippt. Seitdem macht er sich Vorwürfe und ist auf die abschüssige Bahn geraten. Als Sven und seine „Freunde“ in ein Haus einbrechen und das Wohnzimmer verwüsten, wird Sven als einziger geschnappt, die Beziehungen seines Vaters bringen ihm Sozialstunden statt Jugendknast. Zu Hause interessiert sich aber keiner für seine Arbeit im Krankenhaus, obwohl er sich dort sehr engagiert. Nach einer weiteren Entgleisung seinerseits mit Körperverletzung kommt er doch noch für zwei Monate in die JVA, eine Zeit, die er am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würde. Wieder zu Hause muß er mit zwei gegenläufigen Entwicklungen klarkommen: Zum einen schickt ihm ein anonymer Erpresser Forderungen nach einer halben Million Euro, unterstützt durch Photos und SMS mit Drohungen gegen Lina, die gerade ein Schüleraustauschjahr in Australien absolviert. Und zum anderen treten seine alten Schulfreunde an ihn heran, um ein Projekt, das Sven vor Jahren skizziert hat, zu realisieren: ein Erlebnisbad mit australischem Flair, integriertem Koala- und Wallabystreichelzoo und Kokospalmenplantage. Die Jugendlichen werden für übergeschnappt gehalten, und Svens Saufkumpanen verstehen ihn erst recht nicht mehr. Sven fühlt sich hilflos und in der Zwickmühle, denn für Lina würde er einfach alles tun, aber ist das genug?


Meine Meinung: Am Anfang ging mir Sven schon etwas auf die Nerven. Sein Vater sagt ihm ständig, ihm stünden alle Türen offen, und letztlich hat er damit nicht unrecht, Sven müßte sich nicht in die Gosse werfen. Allerdings wurde mir, trotz seines asozialen Verhaltens, Sven mit zunehmender Dauer sympathischer, während vor allem sein Vater sehr schnell jeden Kredit bei mir verschenkt hatte. Die Eltern erwarten von Sven und Lina, daß sie zum verkaufsfördernden Image für Michael Lechners Bücher beitragen, wie sie sich dabei fühlen, ob es ihnen gut geht, das scheint völlig nebensächlich zu sein. Der Höhepunkt war, als Michael Lechner Sven in sein Büro bat, um mit ihm einen Termin ein paar Tage später auszumachen, an dem er mit seinem Sohn mal wieder über sein Verhalten und seine Perspektiven reden wollte. Sich dann zu wundern, warum der Sohn vor Wut platzt und den Raum verläßt, zeugt nicht gerade von Intelligenz, von Einfühlungsvermögen gar nicht zu reden.

Dabei wären die Chancen, Sven vor etlichen seiner Erfahrungen zu bewahren, nicht schlecht gewesen, denn an vielen seiner Reaktionen und Gedanken merkt man, daß er sich von „bürgerlichen“ Normen und Werten doch noch nicht völlig gelöst hat. Der beste Ansatzpunkt wäre sicher Svens Arbeit im Krankenhaus gewesen, wo ihn sogar der Arzt, bei dem er hauptsächlich eingesetzt war, sehr gelobt hat und Sven zudem einem anderen Arzt viel Druck wegen einer alten Dame gemacht hat, die Sven einfach als „seine“ Patientin ins Herz geschlossen hatte und der er so vermutlich das Leben gerettet hat. Aber vermutlich wäre das ebenso schief gelaufen wie später in einem Feinkostladen, in dem Sven als Aushilfe arbeitete. Für Michael Lechner geht es eben immer nur um ihn selbst, sobald er eine Chance zur Selbstdarstellung hat, vergißt er seinen Sohn völlig. All das führte letztlich doch dazu, daß ich einiges an Verständnis für Sven und sein Verhalten aufzubringen vermochte.

Die Geschichte kippt ein bißchen mit dem Beginn des Projekts und der Wiederaufnahme des Kontaktes durchs Svens alte Freunde. Aber auch mit dieser Juppie-Geschichte hätte ich noch gut leben können, weil sie auf ganz witzige Art einige der Mechanismen zeigt, die hinter solchen Projekten stecken, von der Geldbeschaffung bis zum Gegeneinanderauspielen der Gemeinden um ein Grundstück und natürlich dem Einsatz von Presse und Fernsehen. Beim Ende allerdings muß Uschmann wohl geglaubt haben, alles, was er vorher an Gülle ausgeschüttet hat, mit einer dicken Zuckerschicht überdecken zu müssen. Das war mir entschieden zu dick aufgetragen, genauso wie Svens Rache. Ich kann sein Bedürfnis danach verstehen, aber nicht die Art und Weise. Das hat mir den insgesamt überraschend guten Eindruck dann doch etwas verdorben, ganz abgesehen davon, daß auch eine Straffung der Story nicht geschadet hätte.

 3ratten

Schönen Gruß
Aldawen
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nimue

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Re: Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm
« Antwort #1 am: 04. Januar 2012, 16:01:40 »

:geil: Ich habe meine 3-Ratten-Rezi von Dir gekriegt!  :jakka: Schade, dass der Schluß nicht so gut war, aber ich hätte nicht erwartet, dass Dir das Buch trotzdem doch so gut gefällt!
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Aldawen

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Re: Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm
« Antwort #2 am: 04. Januar 2012, 16:33:21 »

Ohne diesen bescheuerten Schluß wäre es eine halbe Ratte mehr geworden, aber die mußte ich dafür einfach abziehen. Und ich war auch überrascht, daß es mit dem Roman und mir so gut geklappt hat. Dabei bin ich sogar ziemlich sicher, daß ich es nicht nur darauf schieben kann, daß meine Erwartungen nicht überzogen waren, es hat mir über Strecken wirklich gut gefallen.
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nimue

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Re: Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm
« Antwort #3 am: 04. Januar 2012, 16:44:49 »

es hat mir über Strecken wirklich gut gefallen.

Schön! Das freut mich wirklich :daumen:
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