So, hier kommt nun endlich meine Meinung zu
Ali Shaw: Das Mädchen mit den gläsernen Füßen. Es fiel mir schwer, sie zu formulieren (in der Leserunde wurde ja schon deutlich, daß ich zur nicht so begeisterten Fraktion gehöre).
Ida Maclairds Füße verwandeln sich von den Zehen aufwärts langsam in Glas. Deshalb reist sie auf die Inselgruppe St. Hauda´s Land, wo sie ein halbes Jahr zuvor Henry Fuwa kennengelernt hat, der ihr von gläsernen Menschenkörpern erzählt hat, die man in den Sümpfen auf St. Hauda´s Land angeblich finden kann. Sie macht sich auf die Suche nach Henry Fuwa und trifft den jungen Fotografen Midas, zu dem sie sich hingezogen fühlt.
Auch Midas fühlt sich zu Ida hingezogen und ganz langsam entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden. Allmählich erfährt der Leser immer mehr Details aus Idas und vor allem Midas´ Vergangenheit, wobei immer wieder Bezug auf zuvor gegebene Informationen genommen und manches nur angedeutet wird, man muß also aufmerksam lesen. Stück für Stück fügt sich das Bild von Midas´ nicht sehr glücklicher Kindheit, von der Ehe seiner Eltern zusammen. Man erkennt, warum er sich als Erwachsener nur schwer auf Ida einlassen kann. Die beiden machen sich gemeinsam auf die Suche nach Henry Fuwa, einem Sonderling und Eigenbrötler, und nach einer Lösung für Idas Problem.
Das alles wird geruhsam geschildert, mit vielen detaillierten, atmosphärisch schönen Landschaftsbeschreibungen und phantastischen Details (auf St. Hauda´s Land gibt es kleine fliegende Rinder und ein Tier, dessen Blick alles weiß färbt, was er trifft). Sehr gut gefallen hat mir die wunderschöne Aufmachung des Buches, mit einem schönen Cover, silbernem Buchschnitt und hübschen Illustrationen an jedem Kapitelanfang.
Der Autor schreibt in poetischen Bildern, die größtenteils sehr schön sind, allerdings kommt es hin und wieder vor, daß seine Vergleiche übertrieben sind oder haarscharf danebentreffen. Letzteres geschieht insbesondere dann, wenn naturwissenschaftliche oder technische Details erwähnt werden und hinterläßt einen verwirrenden Beigeschmack. Man hat das Gefühl, der Autor versteht an diesen Stellen nicht was er schreibt oder formuliert zumindest sehr unexakt.
Die Grundstimmung des Buches ist melancholisch und wirkt auf den Leser mitunter niederdrückend. Bei den Haupt- und Nebenpersonen häufen sich unglückliche Ehen, Unfälle, Krankheiten. Die Glaswerdung Idas kann man deuten als Metapher für eine tödliche Krankheit oder ein unausweichliches Schicksal. Ida findet recht schnell ihre Position dazu, nur leider erfährt man als Leser wenig über Idas Gedanken und Gefühle und ihren Weg dorthin. Eine umso größere Rolle spielt die Entwicklung von Midas, der (angestoßen von Ida und ihrem Schicksal) einen Loslösungsprozeß von seinem Vater beginnt, der aber auch leider kein so optimistisches Ende hat, wie man es sich wünschen würde.
Auf jeden Fall bietet das Buch gerade durch die am Ende offen gelassenen Fragen jede Menge Raum zum Nachdenken und Interpretieren. Das finde ich gut. Negativ aufgefallen sind mir einige Botschaften, die man in die Geschichte hineindeuten kann:
Carl Maulsen (der Freund von Idas verstorbener Mutter) ist derjenige,
der Ida helfen und sie heilen möchte - allerdings wird er durchweg zum gefühllosen Bösewicht stilisiert, der aus rein egoistischen Motiven handelt und nicht erkennt, daß er Ida mehr schadet als hilft.
Sich einem unausweichlichen Schicksal zu stellen ist das eine, aber deshalb diejenigen pauschal zu verdammen, die eine Krankheit heilen oder erklären wollen, halte ich für höchst zweifelhaft.
Und nun möchte ich noch einige Punkte aus Morwens Rezension aufgreifen:
Das mag zunächst etwas pessimistisch wirken, entspricht aber ganz meiner eigenen Beobachtung. Die meisten Menschen (alle?) sind eben nicht die autonomen Akteure, die selbstbestimmt und rational ihr Leben gestalten, sondern stecken durch unzählige eigene und fremde Entscheidungen wie in einer engen Einbahnstrasse fest und können nur in eine Richtung weiter, ob sie wollen oder nicht (und oft manövriert man sich - kenne ich an mir selbst - auch selbst bewußt/unbewußt in solche Einbahnstraßen, weil oft die Freiheit der Entscheidung schwerer zu ertragen ist, als das alternativelose Tun dessen, was nicht zu verhindern ist).
Auch finde ich die vielen losen Enden nicht störend, wie verschiedentlich angemerkt; für mich ist das auch eher ein Zeichen von großem Realismus, denn das Leben ist eben selten so ordentlich, dass alle losen Enden verknotet, alle Geschichten fertigerzählt und alle Tränen getrocknet werden.
Also, meiner Beobachtung entspricht das nicht. Natürlich werden wir alle durch unsere persönliche Geschichte und durch äußere, nicht optimale Bedingungen geprägt, beeinflußt und gestört. Ich erlebe es aber nicht so, daß Menschen sich dem vorwiegend ausliefern. Ich kenne sehr viele Menschen, die mit diesen Bedingungen positiv umgehen, sich aus Abhängigkeiten befreien, das Beste aus ihrer Situation machen, die Fehler ihrer Eltern nicht wiederholen (z. B. nicht wie Midas´ Vater Frau und Kind mißhandeln, obwohl sie selbst als Kind mißhandelt wurden). Ich erlebe Menschen, die einander beistehen, und Partnerschaften, die zu 80-90% gelingen (und nicht zu 0% wie in dem Buch). In der Hinsicht bildet das Buch eben gerade
nicht das reale Leben ab.
Ich persönlich finde es wesentlich spannender, wenn Literatur Wege aufzeigt, die aus den oben genannten Verhältnissen herausführen, statt sie einfach nur zu schildern (letzteres tut Ali Shaws Buch). Aber letzlich ist das wohl eine Frage des persönlichen Lesegeschmacks.
Dazu fällt mir ein Artikel in der ZEIT ein, in dem ein buddhistischer Priester über den östlichen Umgang mit Katastrophen und großem Leid befragt wurde. Er merkte an, dass die westliche Kultur immer bemüht sei, eine große, stimmige Narration für alles zu erreichen: Leid muß einen Grund haben und ein Ende und wenn wir eine solche Narration nicht stimmig hinbekommen dann leiden wir und gehen zum Therapeuten, der dann für uns eine solche Narration entwickeln soll.
Das wurde entweder mißverstanden oder ist ein Gemeinplatz. Die Ursachen für Leid zu hinterfragen ist menschlich, unabhängig von östlicher oder westlicher Kultur. Auch wenn man eine Erklärung für Leid sucht und findet, kann man es akzeptieren und wenn man diese nicht findet, genauso. Ich wüßte nicht, daß unsere westliche Kultur dies nicht zulassen sollte. Es ist legitim und menschlich, zu fragen, wie man helfen und Leid vermeiden kann und auch die Frage
"warum gerade ich", die Ida sich vermutlich mehr als einmal gestellt hat, ist, selbst wenn es keine Antwort darauf gibt, legitim - immerhin ist Ida noch sehr jung.
In den östlichen Kultuten ist das anders: Leid passiert, blind, absichtslos und ob wir das akzeptieren oder nicht und unsere einzige Aufgabe ist es, weiter zu leben (und jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir auf: im Buch ist ja gerade Henry Fuwa, ein Japaner, der dies genauso sagt).
Auch im Buddhismus ist es eine zentrale Sache, Leid zu vermeiden und mitzuempfinden. Das schließt auch ein, es zu hinterfragen. Alles andere wäre ein Freibrief für jede Tyrannei und das ist für mich eine sehr, sehr zweifelhafte Botschaft.
Außerdem ist es ja gerade Henry Fuwa, der das zwar sagt, aber selber nicht danach handelt: wenn er Evalines Leid akzeptieren würde, würde er ihr dann nicht beistehen, statt sie alleinzulassen und zu sagen, sie sei nicht mehr sie selbst? Einer Frau ihre Persönlichkeit abzusprechen, nur weil sie nicht so funktioniert wie sie soll und weil sie depressiv ist, halte ich für die größte Unbarmherzigkeit in diesem Roman.
Gerne würde ich das Buch mit drei bis vier Leseratten bewerten, weil es originell und gut geschrieben ist und gerade auch weil es Stoff zum Nachdenken liefert, doch angesichts der zuletzt genannten Gesichtspunkte kann ich mich dazu leider nicht durchringen.

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