Bis Seite 460Warum haben sie so lange mit der Auswanderung gewartet? Das fragt man sich oft, wenn man solche Bücher liest. Wer hätte sich in den übelsten Träumen ausdenken können, dass es so kommen wird, wie es gekommen ist? Fast wundert es mich, dass überhaupt so viele Juden rechtzeitig geflohen sind. Als bekannt war, was die Nazis tatsächlich machen, waren die Grenzen ja schon dicht und eine Auswanderung auf legalem Wege nicht mehr möglich.
Bulgarien hat sich als ein Segen für Angelikas Entwicklung entpuppt. Buchowo scheint beinahe eine paradiesische Insel zu sein inmitten dieser alptraumhaften Welt. Sogar eine schöne erste Liebe darf Angelika in dieser Zeit erfahren. (Übrigens schreibt sie unter anderem darüber in ihrem Roman "Die Herren", der in Buchowo beginnt.)
Erich ist ein toller Mann. Auch wenn ihm in Nebenbemerkungen so etwas wie Feigheit unterstellt wird. Hätte er mit ihnen in Bulgarien bleiben sollen? Hätte das nicht sowieso Verdacht erregt und die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt? Abgesehen davon waren sie getrennt. Ein anderer hätte sie und die Kinder vermutlich links liegen gelassen. Eventuell, falls es in seiner Macht stünde, die Ausreise organisiert und danach nie wieder blicken lassen. Erich ist ein guter, verantwortungsvoller Familienvater.
Und Peter! Er ist ja beinahe ein Held mit beneidenswertem Rückgrat. Seinen Briefen nach zu urteilen war es nicht nur jugendlicher Leichtsinn, der ihn dazu getrieben hat, sich als Jude zu deklarieren. Er argumentiert scharf und klug und ich habe Hochachtung vor ihm, und davor, dass er offen zu seinem Standpunkt gestanden hat. Auch seine Liebe zu Else rührt mich sehr. Er scheint ein äußerst toleranter Mensch gewesen zu sein, der anderen ohne Groll ihr Leben, ihre Entscheidungen und ihre Meinungen zugestanden hat, selbst wenn sich herausgestellt hat, dass er die ganze Zeit im Recht war.
Mir gefällt auch mit wieviel Selbstironie Angelika über sich selbst und ihre Kompliziertheit schreibt. Ist euch aufgefallen, dass sie manchmal in der ersten und manchmal in der dritten Person über sich schreibt?
Noch kurz zu Elses Mutterqualitäten: ich sehe sie als eine Mutter, die ihre Kinder über alles liebt und (was vielleicht noch wichtiger ist) diese Liebe auch transportieren kann. Aber ihr Ego rächt sich bei den Mädchen in der Pubertät, wie man sieht. (Vermutlich reite ich auf diesem Thema herum, weil ich selbst eine liebende Mutter mit starkem Ego und starker Persönlichkeit habe und das für mich als ... problematisch ... empfunden habe)
Omutter Kirschner ist in Theresienstadt. Ob Erich und Else wissen, was das bedeutet? Else scheint sich nicht im klaren zu sein. Aber sie ist mit sich, ihren Töchtern und ihrem Enkelkind zu beschäftigt, was sie von allzu intensiven Gedanken an ihre Mutter vermutlich ablenkt.
Übrigens, bevor ich es vergesse: Ich kann in diesem Zusammenhang auch die Bücher von
Anja Lundholm empfehlen. Ich habe
"Geordnete Verhältnisse" und "Halb und Halb" gelesen und war sehr angetan. Sie hat, soviel ich weiß, nur autobiografische Bücher geschrieben. Stilistisch sehr gut.
Hier ist eine Zusammenfassung ihres Lebens nachzulesen.