liest: Lorenzo Marini – Der TulpenmalerDie besondere Stimmung, die Marini mit seiner Sprache erzeugt, habe ich sofort wiedergefunden und sie gefällt mir immer noch ausnehmend gut. Die einzelnen Personen charakterisieren sich besonders gut, wenn sie mit einander reden. Meister Napilut, der Tulpenmaler, hat eine sehr spezielle Auffassung von seinem Beruf, und in einem Gespräch mit Doktor Claudius, der seit sieben Jahren an einem Werk zur Klassifizierung von Wolken arbeitet, hört sich das dann so an:
»Malen heißt, anderen mitzuteilen, was man gelernt hat. Emotionen zu beschreiben. Doch um das tun zu können, muss man sie zunächst einmal erleben. Um reden zu können, muss man zuhören können.«
»Und wem hört Ihr zu?«
»Der Stille, Doktor Claudius. Der Stille.«
Napilut ist ein sehr erfolgreicher Maler und verfügt deshalb auch über beträchtliche finanzielle Mittel. Deshalb gelingt es ihm auch recht leicht, Absentia als Modell zu gewinnen, die für das Modellstehen bei ihm sehr viel mehr verdienen kann, als als Wäscherin. Sie hat anfänglich Bedenken, daß Napilut sie verführen will, dabei hat sie doch ihrem Matrosen Treue geschworen:
Du bist für mein Leben wie das Salz für den Ozean. Allerdings malt Napilut gar nicht Absentia, jedenfalls nicht so, wie man sich das herkömmlich vorstellen würde. Er malt weiterhin nur Tulpen, aber er braucht Absentia als Modell, um aus den ihm so vertrauten Tulpen, ihre vielfältigen Facetten, die er als Liebender wahrnimmt, herauszuholen und sie zeigen zu können.
Währenddessen schreibt Professor Witt Van der Kalm Briefe in alle Länder, die am Äquator liegen. Er möchte auf dieser Linie insgesamt fünfzig Installationen aufstellen, die er
Gegenwindmühlen nennt. Damit hofft er, die Zeit zu verlangsamen, was ihm als sehr langsamen Menschen ein Bedürfnis ist. Gerade hat er ein Experiment mit Doktor Claudius durchgeführt, das aber etwas mißglückt ist: Er hat sich an einen Windmühlenflügel binden lassen, um Windeffekte zu messen. Der Wind war aber so stark und die Windmühlenflügel bewegten sich so schnell, daß Van der Kalm in eine gnädige Ohnmacht gefallen ist, als Claudius endlich zwei Landarbeiter gefunden hat, die den Professor herunterholen.