Na gut, du hast es nicht anders gewollt!

Meine Ausgabe:


Ich hab das Buch in jungen Jahren *g* (während meiner "Sturm und Drang"-Phase sozusagen) gelesen, also mit ca. 15/16 Jahren. Ich wollte damals unbedingt das Original bezwingen, was mir damals mitunter gar nicht leicht fiel, ich allerdings mit der Sprache LaVeys rückblickend betrachtet eh noch Glück hatte. Anton Szandor LaVey schreibt nämlich vor allem eines: leicht, klar und deutlich. Die
Satanic Bible im in diesem Sinne schon die Umkehrung der echten Bibel, es gibt keine Symbole, Allegorien, verschlüsselten Bedeutungen, Parabeln, etc., nein, in bester amerikanischer Manier wird da hineingeschrieben, was eigentlich gemeint ist. Meine Lektüre ist wie gesagt schon etwas länger her (genaugenommen fast 9-10 Jahre), dennoch kann ich mich noch ganz gut an das im Grunde atheistische "Programm" des Buches erinnern. In Kurzform: lebe ohne Religion, lebe im Jetzt, lebe als Mensch (ein moralisch nicht besser stehendes Tier als andere Tiere), lebe für dich und niemals für andere. Es ist also vielleicht sowas wie ein kleiner Lebensberaterleitfaden für alle, die den
Kleinen Prinzen nicht lesen wollen, aber das schwarze Cover hübsch finden. Natürlich ist das Ding auch durchaus ratsam für Leute, die Schwierigkeiten haben in ihrem Leben mal "Nein" zu sagen, die den Menschen an sich zwanghaft umerziehen wollen oder die gar Probleme haben zu einer Art gesunden Egoismus zu finden - sei es jetzt durch Aufopferung für Partnerschaft, Familie oder für eine religiöse Vereinigung.
Dennoch kann ich nicht behaupten, dass LaVey mit der
Satanic Bible etwas geschaffen hat, das die Jahrhunderte überdauern wird. Es als Manifest einer "Church of Satan" zu behandeln, halte ich für schlichtweg übertrieben. Mein Bruder hat mal über das Buch gesagt (nachdem ich davon erzählt hatte) "Nietzsche für Amerikaner" - das ist natürlich eine ziemlich bösartig-zynische Aussage, aber es trifft es wohl durchaus. LaVeys Ideen sind ein bisschen Popcorn-Nietzscheanismus mit einer Prise Sexy Time (Erfüllung körperlicher Bedürfnisse steht bei LaVey auch ziemlich im Vordergrund). Da es völlig utopisch ist Nietzsche mit 15 lesen zu wollen (und der auch noch viele Jahre später Probleme bereiten kann), hat die
Satanic Bible also schon sowas wie eine Daseinsberechtigung.
LaVeys Problem ist im Endeffekt mMn vor allem die mangelnde Entscheidungsfreudigkeit:
Möchte er ein sozialdarwinistisch angehauchtes Konzept des Atheismus vorstellen? Was machen dann die Symbole, Auflistungen infernalischer Wesen und - ganz besonders - die Rituale im zweiten Teil des Buches in diesem Konzept? Das passt nicht zusammen. Ein Programm, dass an bodenständig-tierische Natur des Menschen appelliert, kann nicht einfach dann mit dem elaborierten Hokus Pokus kommen.
Andererseits verstehe ich natürlich die Macht des Rituals, irgendwo auch das Erfolgsrezept der Weltreligionen. Was wäre nur die Kirche ohne Weihrauch und goldenen Heiligenbildchen? Ziemlich trocken, ja. Jede gute Religion spricht nicht nur den Geist, sondern auch die Seele eines Menschen an, denn das eine funktioniert nicht ohne das andere (das erzählt einem auch jeder gute Psychotherapeut). Und um die Seele zu erreichen bedarf es ein bisschen Hokuspokus. Trotzdem finde ich die LaVey'sche Kombination etwas irritierend, man fragt sich am Schluss was er jetzt eigentlich will.
Ein weiterer Grund wieso mich das Buch nach all den Jahren nicht mehr großartig begeistert ist sicherlich, dass die Kirche/Religion in meinem geistigen Spektrum wenig Relevanz hat bzw. ich das nicht als etwas ansehe, das man irgendwie bekämpfen muss. Für den einen ist das Christentum ein erstickendes Gefängnis, für den anderen ist es eine wertvolle Bereicherung. Letztere als "schwach" zu verurteilen finde ich einfach nicht mehr legitim. Das erwächst meiner Meinung nach einfach aus der Auffassung, dass man durch seine atheistische Einstellung automatisch "stark" ist, weil man die Krücke Religion nicht mehr braucht, was ja im Grunde Blödsinn ist. Ich kenne sicherlich mehr Atheisten mit Problemen, als Christen mit Problemen und wo bleibt dann am Schluss die Regel, dass man sich selbst am Nächsten ist, wenn man das mit dem Seelenfrieden nicht auf die Reihe bekommt. Für den einen mag der Spaß im Leben in der Umkehrung der sieben Sünden sein, für den anderen nicht. Da wir heutzutage sowieso in einer extrem säkularisierten Welt leben, wo die katholische Kirche zusätzlich noch rapide am absteigenden Ast ist, ist das sowieso die freie Entscheidung von jedem, ich sehe also nicht das dringende Bedürfnis aus dem System ausbrechen zu müssen. Im Mittelalter war das sicher was anderes, aber da hätte es auch die
Satanic Bible nicht gegeben.

Die Tatsache also, dass es das Buch gibt, zeugt von einer gewissen gesellschaftlichen Freiheit, die es dann eigentlich wieder gar nicht mehr so notwendig macht.
Außerdem ist die große, große Schwäche des Buches (und das hängt mit dem Hokuspokus-Aspekt zusammen) natürlich, dass sich LaVey, als jemand, der sich so gegen das Christentum wehrt, erst wieder christlicher Terminologie bedient. Damit bleibt er im System verhaftet, auch wenn er betont etwas Anderes zu meinen. Echte Satanisten sind daher meiner Meinung nach eben nicht LaVey-Satanisten, echte Satanisten halten sich ganz genau an die Bibel und das Christentum, stehen halt nur auf der anderen Seite. LaVey-Satanisten hingegen haben einfach ein atheistisches Gegenmodell zum Christentum entwickelt und da gibt es mMn einfach Probleme mit der Terminologie.
Trotzdem: Jeder, den es interessiert, soll es ruhig mal lesen. Auf alle Fälle kann man damit die erzkatholische Oma gut schocken (Achtung, falls man erben will), in meinem atheistisch-lockeren Elternhaus hat das niemanden gejuckt, was ich da lese - vielleicht fehlt mir dadurch auch der Hintergrund, dass es wirklich eine Kehrtwende ausgelöst hätte. Mit 15 fand ich es ziemlich interessant, heute finde ich nicht mehr, dass es meinen Lebensweg nachhaltig beeinflusst hätte. Mein Schlussprädikat ist also: für junge, interessierte Leute, Zielpublikum ca. 15-20.
