Autor Thema: Anton Szandor LaVey -- Die satanische Bibel  (Gelesen 1085 mal)

Offline Leseratte von A - Z

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Anton Szandor LaVey -- Die satanische Bibel
« am: 15. November 2011, 22:54:49 Nachmittag »
Hi!

Wow! Hab ich 'n Schwein! Ich hatte diese Rezension schon heute nachmittag geschrieben. Als sie fertig war und ich nur noch die Lesratten-Bewertung hinzufügen wollte, genau da entschloss sich mein verdammter Schrott-PC auf einmal abzustürzen. Ich war so wütend!
Als ich mich dann endlich wieder an den PC setzte (den ich erst nach einer Stunde oder so wieder zum laufen kriegen konnte) konnte ich mit Freuden feststellen, dass Firefox alles gespeichert hat. Glück im Unglück würde ich mal sagen! :D

Aber jetzt zum Buch:



Anton Szandor LaVey -- Die satanische Bibel


Ja... Die satanische Bibel...

Also man hört ja schon so einiges über den Satanismus, vorallem wenn man sich als atheistischer Jugendlicher unter Gleichgesinnte mischt. Man hört davon, wie sich die Satanisten versammeln um gemeinsamn Tierblut zu trinken oder irgendwelche makaberen Opferrituale zu vollziehen mit Kerzen aus dem Fett ungetaufter Kinder und all das ganze Zeug.
Doch wie sieht's wirklich aus? Wer das wissen will, sollte auf jedenfall dieses Buch lesen, denn näher wird wohl kein offizieller Text die Gepflogenheiten der Church of Satan schildern.
Geschrieben vom Gründer und ehemaligen Hohepriester Anton Szando LaVey höchstpersönlich wird in diesem Buch alles genau erklärt. Es wird klarschiff gemacht mit den bösen Vorurteilen und es wird sogar erklärt, was man selbst machen kann um Satanist zu werden.

Obwohl mich der Satanismus schon irgendwie interessierte, hätte ich nie die tatsächliche satanische Bibel gekauft. Als Atheist glaube ich weder an Gott, noch an Satan, damit waren für mich Christentum und Satanismus gleich unbedeutend. Doch als eine Freundin mir anbot mir ihr Exemplar auszuleihen sagte ich einfach mal zu.
Zuerst war ich sehr begeistert. Der Satanismus heißt nur Satanismus, weil es als Gegenstück zum scheinheiligen Christentum stehen soll. Man glaubt an keine höhere Macht und man ist selbst sein eigener Gott. Anstatt wie das Christentum sexuelle Gefühle, materielles Verlangen oder eigennützige Wünsche als Sünden anzusehen, ist es ihr mehr als erlaubt. Man soll sein Leben leben wie man es will und richtig genießen. Man soll sich nicht an scheinheilige Verbote halten und nur auf ein Leben nach dem Tod (also im Himmel) hinzuarbeiten.
Das Verlangen nach Sex, materielle Habsucht und das man für sich selbst nur das Beste will ist vollkommen natürlich und man spottet darüber, dass das Christentum diese als Sünden darstellt. Genauso soll man nicht die andere Wange hinhalten, wenn einem Leid zugefügt wurde, sondern sich rächen.
Fand ich alles erstmal ziemlich gut und sehr gut nachvollziehbar. Doch umso weiter ich las, umso weniger hielt dieser positive Eindruck.

Mit diesen 'Geboten' wird der Satanismus auch als Religion der Realisten bezeichnet. Als ich diese Bezeichnung, diesen Paradoxon das erste mal las, musste ich direkt den Kopfschütteln.
Und dieser Paradoxon ist es auch, der den Satanismus für mich persönlich nach und nach wieder fast genauso wertlos machte wie andere Religionen.
Das Buch fängt an mit vollkommen rationalen Entschlüssen und zeigt teilweise genau, wo das Christentum denn falsch liegt und wie die Church of Satan es richtig macht, doch alles wird versaut mit immer mehr hinzuflößenden Stumpfsinn wie Magie, Rituale und Herbeirufung Satans. Vorallem letzteres hat mich sehr irritiert, da zu Beginn noch klar gemacht wurde, dass man an keine höhere Macht glaubt, wie ich schon sagte.
Vorallem das letzte Drittel des Buches handelt komplett von diesen magischem Zeugs und zog damit alles in den Dreck was vorher noch so logisch und verständlich erzählt wurde. Diesem Buch nach zu urteilen ist der Satanismus total paradox und weiß selber nicht genau was es ist. So kommt es mir jedenfalls vor...
Vorallem die letzten Seiten mit den verschiedenen Ritualen und den sogenannten henochischen Schlüsseln (irgendwelche uralten Texte von "Engeln") habe ich nur noch unaufmerksam gelesen.

Ganz ehrlich, wenn ich mich zwischen diesen beiden Religionen entscheiden müsste, würde ich auf jedenfall eher der Church of Satan beitreten als dem Christentum, weil ich dem Satanismus immer noch mehr abringen kann. Aber wenn ich die Wahl hätte, bliebe ich Atheist.


Wie auch immer, das Buch selber ist gut und verständlich geschrieben und wer sich in irgendeiner Art und Weise für den Satanismus interessiert, sollte dieses Buch auf jedenfall gelesen haben. Als offizielle Schrift der Church of Satan kann man davon ausgehen, dass das hier am nächsten an der Wahrheit dran ist.
Ob man nun irgendeiner anderen Religion angehört oder auch nicht, "Die satanische Bibel" ist auf jedenfall ein interessantes Buch über eine der umstrittensten Religionen und Kulte und tatsächlich jedem zu empfehlen. Egal ob man LaVey's Ansichten teilt - vielleicht auch nur teilweise - oder eben auch nicht, denn bei all den Mythen und Geschichten die über die Satanisten kursieren, weiß wahrscheinlich kaum einer, wie es denn wirklich ist.

Das Buch erhält von mir 4ratten, da es insgesamt sehr interessant war, aber ich konnte den 'magischen' Teil zum Schluss hin nicht ausstehen.


Ich weiß, dass auch andere hier das Buch gelesen haben und mich würde eure Meinung sehr interessieren. Also schreibt los wenn ihr Lust habt!


Mit freundlichen Grüßen,
Matthias.
« Letzte Änderung: 23. August 2013, 20:15:50 Nachmittag von Leseratte von A - Z »

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Offline Isadora

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Re: Anton Szandor LaVey -- Die satanische Bibel
« Antwort #1 am: 16. November 2011, 03:47:09 Vormittag »
Na gut, du hast es nicht anders gewollt!  :breitgrins:

Meine Ausgabe:


Ich hab das Buch in jungen Jahren *g* (während meiner "Sturm und Drang"-Phase sozusagen) gelesen, also mit ca. 15/16 Jahren. Ich wollte damals unbedingt das Original bezwingen, was mir damals mitunter gar nicht leicht fiel, ich allerdings mit der Sprache LaVeys rückblickend betrachtet eh noch Glück hatte. Anton Szandor LaVey schreibt nämlich vor allem eines: leicht, klar und deutlich. Die Satanic Bible im in diesem Sinne schon die Umkehrung der echten Bibel, es gibt keine Symbole, Allegorien, verschlüsselten Bedeutungen, Parabeln, etc., nein, in bester amerikanischer Manier wird da hineingeschrieben, was eigentlich gemeint ist. Meine Lektüre ist wie gesagt schon etwas länger her (genaugenommen fast 9-10 Jahre), dennoch kann ich mich noch ganz gut an das im Grunde atheistische "Programm" des Buches erinnern. In Kurzform: lebe ohne Religion, lebe im Jetzt, lebe als Mensch (ein moralisch nicht besser stehendes Tier als andere Tiere), lebe für dich und niemals für andere. Es ist also vielleicht sowas wie ein kleiner Lebensberaterleitfaden für alle, die den Kleinen Prinzen nicht lesen wollen, aber das schwarze Cover hübsch finden. Natürlich ist das Ding auch durchaus ratsam für Leute, die Schwierigkeiten haben in ihrem Leben mal "Nein" zu sagen, die den Menschen an sich zwanghaft umerziehen wollen oder die gar Probleme haben zu einer Art gesunden Egoismus zu finden - sei es jetzt durch Aufopferung für Partnerschaft, Familie oder für eine religiöse Vereinigung.

Dennoch kann ich nicht behaupten, dass LaVey mit der Satanic Bible etwas geschaffen hat, das die Jahrhunderte überdauern wird. Es als Manifest einer "Church of Satan" zu behandeln, halte ich für schlichtweg übertrieben. Mein Bruder hat mal über das Buch gesagt (nachdem ich davon erzählt hatte) "Nietzsche für Amerikaner" - das ist natürlich eine ziemlich bösartig-zynische Aussage, aber es trifft es wohl durchaus. LaVeys Ideen sind ein bisschen Popcorn-Nietzscheanismus mit einer Prise Sexy Time (Erfüllung körperlicher Bedürfnisse steht bei LaVey auch ziemlich im Vordergrund). Da es völlig utopisch ist Nietzsche mit 15 lesen zu wollen (und der auch noch viele Jahre später Probleme bereiten kann), hat die Satanic Bible also schon sowas wie eine Daseinsberechtigung.

LaVeys Problem ist im Endeffekt mMn vor allem die mangelnde Entscheidungsfreudigkeit:
Möchte er ein sozialdarwinistisch angehauchtes Konzept des Atheismus vorstellen? Was machen dann die Symbole, Auflistungen infernalischer Wesen und - ganz besonders - die Rituale im zweiten Teil des Buches in diesem Konzept? Das passt nicht zusammen. Ein Programm, dass an bodenständig-tierische Natur des Menschen appelliert, kann nicht einfach dann mit dem elaborierten Hokus Pokus kommen.
Andererseits verstehe ich natürlich die Macht des Rituals, irgendwo auch das Erfolgsrezept der Weltreligionen. Was wäre nur die Kirche ohne Weihrauch und goldenen Heiligenbildchen? Ziemlich trocken, ja. Jede gute Religion spricht nicht nur den Geist, sondern auch die Seele eines Menschen an, denn das eine funktioniert nicht ohne das andere (das erzählt einem auch jeder gute Psychotherapeut). Und um die Seele zu erreichen bedarf es ein bisschen Hokuspokus. Trotzdem finde ich die LaVey'sche Kombination etwas irritierend, man fragt sich am Schluss was er jetzt eigentlich will.

Ein weiterer Grund wieso mich das Buch nach all den Jahren nicht mehr großartig begeistert ist sicherlich, dass die Kirche/Religion in meinem geistigen Spektrum wenig Relevanz hat bzw. ich das nicht als etwas ansehe, das man irgendwie bekämpfen muss. Für den einen ist das Christentum ein erstickendes Gefängnis, für den anderen ist es eine wertvolle Bereicherung. Letztere als "schwach" zu verurteilen finde ich einfach nicht mehr legitim. Das erwächst meiner Meinung nach einfach aus der Auffassung, dass man durch seine atheistische Einstellung automatisch "stark" ist, weil man die Krücke Religion nicht mehr braucht, was ja im Grunde Blödsinn ist. Ich kenne sicherlich mehr Atheisten mit Problemen, als Christen mit Problemen und wo bleibt dann am Schluss die Regel, dass man sich selbst am Nächsten ist, wenn man das mit dem Seelenfrieden nicht auf die Reihe bekommt. Für den einen mag der Spaß im Leben in der Umkehrung der sieben Sünden sein, für den anderen nicht. Da wir heutzutage sowieso in einer extrem säkularisierten Welt leben, wo die katholische Kirche zusätzlich noch rapide am absteigenden Ast ist, ist das sowieso die freie Entscheidung von jedem, ich sehe also nicht das dringende Bedürfnis aus dem System ausbrechen zu müssen. Im Mittelalter war das sicher was anderes, aber da hätte es auch die Satanic Bible nicht gegeben.  :zwinker: Die Tatsache also, dass es das Buch gibt, zeugt von einer gewissen gesellschaftlichen Freiheit, die es dann eigentlich wieder gar nicht mehr so notwendig macht.

Außerdem ist die große, große Schwäche des Buches (und das hängt mit dem Hokuspokus-Aspekt zusammen) natürlich, dass sich LaVey, als jemand, der sich so gegen das Christentum wehrt, erst wieder christlicher Terminologie bedient. Damit bleibt er im System verhaftet, auch wenn er betont etwas Anderes zu meinen. Echte Satanisten sind daher meiner Meinung nach eben nicht LaVey-Satanisten, echte Satanisten halten sich ganz genau an die Bibel und das Christentum, stehen halt nur auf der anderen Seite. LaVey-Satanisten hingegen haben einfach ein atheistisches Gegenmodell zum Christentum entwickelt und da gibt es mMn einfach Probleme mit der Terminologie.

Trotzdem: Jeder, den es interessiert, soll es ruhig mal lesen. Auf alle Fälle kann man damit die erzkatholische Oma gut schocken (Achtung, falls man erben will), in meinem atheistisch-lockeren Elternhaus hat das niemanden gejuckt, was ich da lese - vielleicht fehlt mir dadurch auch der Hintergrund, dass es wirklich eine Kehrtwende ausgelöst hätte. Mit 15 fand ich es ziemlich interessant, heute finde ich nicht mehr, dass es meinen Lebensweg nachhaltig beeinflusst hätte. Mein Schlussprädikat ist also: für junge, interessierte Leute, Zielpublikum ca. 15-20.

 2ratten
... this is nat language at any sinse of the world.
:lesen: Gustave Flaubert: Madame Bovary        :buecherstapel: SUB 327 | Wichtel-Liste 1/5 | SLW 0/5 | Wiener SLW 0/5