Den positiven Meinungen (dank denen ich das Buch überhaupt gelesen habe) kann ich mich anschliessen. Schön, dass es offenbar Nachfolgebände gibt - die werde ich sicher auf dem Radar behalten. Danke für diesen Thread, Aldawen!
Inhalt:Es wird die Geschichte der armen Londoner Familie Ingram in den 1660er-Jahren erzählt. In diese Zeit fallen die grosse Pestepidemie und der Brand von 1666, der weite Teile Londons zerstörte. Im Elendsquartier Southwark hausen der Säufer Paul Ingram (dem die Frau nach der Geburt des dritten Kindes davon lief) und dessen Kinder Edward, Jezebel und Geoffrey. Schön hat es die Familie nicht und entsprechend versucht jeder, sich auf seine Weise durchzuschlagen. Die beiden älteren Kinder sind praktisch schon erwachsen und kehren dem häuslichen Elend den Rücken, sobald sie können, während der kleine Geoff sich damit abmüht, Lesen und Schreiben zu lernen, damit aus ihm vielleicht auch noch etwas wird.
Meine Meinung:In diesem historischen Roman geben reale Begebenheiten – obwohl vom Autoren genau recherchiert – nur den Rahmen vor, in dem die Geschichte der Ingrams erzählt wird. Und die hat es in sich. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint und jeder der Charaktere hat es faustdick hinter den Ohren. Das macht die Geschichte äusserst unterhaltsam und ich sah gerade deswegen gerne darüber hinweg, dass es sehr viele Zufällen und Verwicklungen gibt, die mich sonst nur mit den Augen rollen lassen würden. In diesem Fall haben sie gut in das Buch gepasst, das irgendwo zwischen Drama und Schelmengeschichte angesiedelt ist.
Es gibt nicht viel auszusetzen an diesem Roman, der interessant aufgebaut ist. Zum einen gibt es Geoffreys Protokolle zu lesen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Diese wechseln sich ab mit der klassischen auktorialen Erzählperspektive, die mal Edward und mal Jezebel folgt. Aber nicht nur deren Geschichte ist zu erfahren, die Nebencharaktere sind ebenso interessant und ihnen wird auch entsprechend Platz eingeräumt. Dass dabei keine chronologische Reihenfolge eingehalten wird und man gewisse Dinge nur nach und nach erfährt, hat mir gut gefallen, zumal die Einstreuungen nicht beliebig, sondern mit Bedacht platziert wirken.
Die Geschichte machte auf mich generell einen gut konstruierten Eindruck, was viel zum Unterhaltungswert dieses Buches beiträgt. Gleichen Anteil daran hatte für mich die Ausarbeitung der Charaktere, die allesamt unberechenbar wirkten (und manchmal auch so handelten). Erfrischend und lustig fand ich zudem die sparsame Einbindung historischer Charaktere wie etwa den Kürzestauftritt von Samuel Pepys, dem wir nur kurz begegnen, als er vergeblich Einlass in ein inoffizielles Theater fordert. Solche Dinge und die Schilderungen der Lebensumstände zu jener Zeit schaffen Atmosphäre und liessen mich richtig in das Buch eintauchen.
Kleine Abzüge gibts bei den oben erwähnten, häufig bemühten Zufällen und bei gewissen kleinen Längen, die sich da und dort eingeschlichen haben. Die eine oder andere Szene hätte ohne grossen Verlust gekürzt werden können. Und dann war da noch ein Charakter (Tom Farynor), der auf mich während der ganzen Lektüre wie ein Fremdkörper in der Geschichte wirkte. Der kam mir vor wie eine Figur, die nur da ist, weil es sie für gewisse Dinge braucht. Und auch das Ende der Geschichte war nichts, das mir lange in Erinnerung bleiben wird. Da hätte man mehr draus machen können, zumal Finnek zuvor bewies, dass er Ideen hat.
Fazit:Ein nicht ganz gewöhnlicher historischer Roman, der vom Leser durchaus auch ein wenig Denkarbeit fordert, um den Anschluss (und die Übersicht) nicht zu verlieren. Ich kann ihn guten Gewissens weiterempfehlen.
8 von 10 Punkten