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Autor Thema: Tom Finnek – Unter der Asche  (Gelesen 424 mal)

Aldawen

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Tom Finnek – Unter der Asche
« am: 01. Oktober 2011, 09:52:25 »



Inhalt: In London tobt 1666 mehrere Tage lang ein großer Brand, ein offensichtlich geistesgestörter Franzose wird als Brandstifter gehängt. Der Junge Geoffrey Ingram hat die Hinrichtung beobachtet und berichtet anschließend dem geheimnisvollen Master Gerard, der die Armenklasse von St. Olave in Southwark und damit auch Geoff unterrichtet hat. Master Gerard drückt Geoff daraufhin Papier und Feder in die Hand mit dem Auftrag, das aufzuschreiben, was wirklich geschehen ist. Geoff beginnt seine Geschichte im Jahr zuvor, als der Vater an der Pest stirbt. Die Mutter hat die Familie nach Geoffs Geburt verlassen, der älteste Bruder Edward ist vor Jahren verschwunden, nachdem er den Vater fast totgeschlagen hat. So ist nur noch seine Schwester Jezebel übrig geblieben und diese verschwindet am Todestag des Vaters auch. Möglicherweise bestehen hier Verbindungen zu Jez' Verehrer Jamie Hollar, denn dessen Vater hat sie doch aufgesucht? Außerdem muß Geoff bald feststellen, daß sein Bruder gar nicht so weit verschwunden ist, wie er gedacht hat, denn dieser betreibt in Lambeth Marsh angeschlossen an das Maiden Inn von „Mutter Southwood“ ein Theater, bei dem der Zugang wegen der Freizügigkeit des Inhalts nur ausgewählten Gästen gestattet ist, die meist aus den besseren Viertel der anderen Themseseite kommen. So erfährt Geoff auch bald, daß Jezebel irgendwo in Surrey auf dem Land sein muß. Aber wie das alles mit den Hollars zusammenhängt, welche Rolle Master Gerard in diesem ganzen Zusammenhang spielt, wie die Vergangenheit sich (wieder) in das Leben all dieser Menschen schleicht und ob und wenn ja was das schließlich alles mit dem großen Brand zu tun hat, das enthüllt sich nur Stück für Stück ...


Meine Meinung: Hinter dem Pseudonym Tom Finnek verbirgt sich Mani Beckmann, der mich mit seiner Moortrilogie um das Dorf Ahlbeck im Münsterländischen schon überzeugt hat. Und vieles von dem, was mir dort gefallen hat, habe ich auch hier wiedergefunden. Bezeichnend ist, daß um die „große Geschichte“ ein Bogen gemacht wird. Hier tritt kein König auf, die einzigen Adligen sind ein paar verschämte Besucher in Edwards Theater und ansonsten ist die ranghöchste Person der Bürgermeister von London. Sehr viel mehr erfährt man über die Menschen, die gegenüber von London am anderen Themseufer leben, und das ist wahrlich keine besonders aparte Wohngegend, im Gegenteil war ich wieder einmal froh, daß Bücher nicht die Gerüche ihrer Handlungsort transportieren, von dem beschriebenen Dreck und den harten Sitten ganz zu schweigen. Insgesamt paßt die Atmosphäre aber sehr gut zur erzählten Geschichte und wird durch die Abschnitte, die auf dem Land in Surrey angesiedelt sind, auch gut kontrastiert.

Ein weiterer Aspekt ist die Variablität der Sprache. Die einzelnen Teile sind aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei nur Geoff als Ich-Erzähler auftritt. Gerade hier schafft Finnek einen betont lässig-schnoddrigen Stil, der hervorragend zu einem 13jährigen paßt, der für ihn ungewohnter Weise strukturiert und kausal berichten soll. Aber auch die übrigen Abschnitte unterschieden sich durchaus, je nachdem ob bspw. Jezebel oder der Nachbar Ray Webster oder sonst jemand den Fokus bekam. So gut mir die von Geoff erzählten Teile gefallen haben, so geschickt war es, nicht die ganze Geschichte in diesem Stil zu erzählen, der sich darüber abgenutzt hätte. Zudem hätte dies eine Verengung auf Geoffs Perspektive bedeutet, die dem Leser viele Einsichten und Puzzlestücke vorenthalten oder nur mühselig anders hätte präsentiert werden können. Ich mag es auch durchaus, wenn ich eine Szene aus mehreren Perspektiven erleben kann, das eröffnet meist ganz besondere Einblicke – oder auch Verwirrungen, was aber auch seinen Reiz hat.

Einziger Wermutstropfen für mich ist, daß doch die ein oder andere Frage zu viel am Ende offen geblieben ist. Teilweise war das durchaus passend, weil die Beteiligten oder Betroffenen sie nicht mehr auflösen konnten und man sich auch im echten Leben damit würde abfinden müssen. Aber speziell eine Episode aus Mutter Southwoods Vergangenheit hätte noch eine Auflösung erfahren dürfen, das blieb mir ein bißchen zu vage. Aber vielleicht findet Geoff die Antwort noch heraus und wir Leser erfahren sie dann in Gegen alle Zeit  :zwinker:

 4ratten

Schönen Gruß
Aldawen
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Doris

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #1 am: 01. Oktober 2011, 21:57:39 »

Schöne Rezi, sie macht neugierig! London zu dieser Zeit finde ich sehr spannend und unterschiedliche Erzähler können sehr anregend sein, wenn der Autor sich darauf versteht, die Erzähler auch unterschiedlich zu gestalten. Wie viel Raum nehmen denn die Pest und das Feuer ein?
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Aldawen

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #2 am: 01. Oktober 2011, 22:45:32 »

Wie viel Raum nehmen denn die Pest und das Feuer ein?

Beides eigentlich eher wenig. Die Pest spielt ziemlich am Anfang eine Rolle, weil sie die Familie Ingram betrifft und ein paar Verhältnisse in London und Southwark erklärt, und brennen tut es ganz am Ende. Dazwischen passiert eben alles andere, wobei auch die Vergangenheit eine große Rolle spielt ...
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nimue

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #3 am: 02. Oktober 2011, 07:50:02 »

Wow... vier Leseratten für einen historischen Roman von Aldawen. Das muss ja ein grandioses Werk sein  :klatschen:
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Aldawen

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #4 am: 02. Oktober 2011, 09:10:02 »

Es gibt sogar welche, die von mir 4,5 Leseratten bekommen haben  :breitgrins:
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Doris

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #5 am: 02. Oktober 2011, 21:17:44 »

Wie viele Ratten auch immer, ich werte es auf jeden Fall positiv. Auch wenn die Pest und das Feuer weniger thematisiert werden, der Rest ist bestimmt auch spannend. Für mich ist schon das ganz normale Londoner Alltagsleben Anreiz genug, das Buch zu lesen. Vorausgesetzt, es ist gut geschrieben, und da verlasse ich mich auf Aldawens Einschätzung.
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allegra

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #6 am: 03. Oktober 2011, 16:59:04 »

Der Roman „Unter der Asche“ ist buchstäblich tief schürfend. Er handelt vom Graben: Einerseits im wörtlichen Sinne vom Graben in der Erde durch christlich orientierte Siedler, die sich der Allgemeinheit gehörendes Land urbar machen und von den Früchten der Erde in einer Gemeinschaft im Sinne der Bibel leben möchten. Andererseits soll im übertragenen Sinne nach der Wahrheit gegraben werden.

Im Prolog erhält der 13 Jahre alte Geoffrey Ingram von seinem Lehrer den Auftrag seine Erlebnisse vor dem großen Brand Londons zu Papier zu bringen. Dabei wird die Familiengeschichte der Familie Ingram aufgerollt. Der Leser wird aus verschiedenen Perspektiven durch ein Geflecht von Beziehungen geführt, größtenteils von Menschen auf der Schattenseite des pulsierenden Londoner Lebens.

Die verschiedenen Blickwinkel aus denen die Entwicklungen, die zum großen Brand geführt haben, beleuchtet werden, haben mich an einzelne Bühnenbilder erinnert, vor denen das große Theater des Lebens teilweise schonungslos aufgeführt wird.

Gleich von Anfang an schafft es der Autor sowohl die Atmosphäre des schmuddeligen Southwark einzufangen als auch die ländliche Gegend in Surrey anschaulich vor dem inneren Auge entstehen zu lassen.

Die Lektüre dieses Romans erfordert vom Leser einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. Streckenweise empfand ich den Roman als recht sperrig, weil bei manchen Sachverhalten recht lange unklar ist, in welchem Zusammenhang sie zueinander stehen. Die zahlreichen Figuren und die Zeitsprünge waren für mich manchmal etwas verwirrend, obwohl eine Liste vorne im Buch die Hauptfiguren vorstellt und die zeitliche Entwicklung eigentlich auch klar aus dem Text hervorgeht. 
Obwohl die Geschichte mit großer Sorgfalt konstruiert ist, blieben mir hin und wieder Zweifel, ob ich alles mitgekriegt habe. Wie im realen Leben, weiß man bei vielen Figuren nie wirklich, woran man ist. Die Hauptpersonen sind sehr vielschichtig gezeichnet, so dass man zwischen Bewunderung und Verachtung schwankt und sie nicht unbedingt als Sympathieträger erlebt. Somit blieb der Identifikationsfaktor für mich für einmal aus, was ich aber nicht als nachteilig empfunden habe.

Dieses Buch hebt sich für mich sehr angenehm von der Vielzahl historischer Roman ab. Es ist sorgfältig recherchiert, konstruiert und formuliert und ist für mich eine sehr angenehme Abwechslung, weil für einmal die ausschließlich positiv besetzten weiblichen Heldinnen ausbleiben. Deshalb empfehle ich es gerne weiter.

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Valentine

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #7 am: 04. Oktober 2011, 11:38:05 »

Mist, schon wieder eine Empfehlung! :breitgrins:

Aber wenn selbst Aldawen das Buch empfiehlt ... ;)
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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #8 am: 04. Oktober 2011, 18:10:38 »

Ich sag's nur sicherheitshalber: Ich will nicht ausschließen, daß es bei mir einen Mani-Beckmann-Bonus gibt. Aber selbst das in Rechnung gestellt, bleibt hier eindeutig ein historischer Roman der besseren Sorte  :zwinker:
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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #9 am: 04. Oktober 2011, 20:33:27 »

Bonus hin, Bonus her. Wenn Du mal ein historisches Buch so lobst, muss irgendwie was dran sein.
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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #10 am: 05. Oktober 2011, 07:13:36 »

Ich habs mir jedenfalls auch auf die Merkliste gesetzt...  :zwinker:
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illy

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #11 am: 06. Oktober 2011, 18:37:02 »


Tom Finnek erzählt uns in seinem Buch „Unter der Asche“ wie es 1666 zum großen Feuer von London gekommen ist. Das Feuer selbst spielt allerdings nur eine Nebenrolle, denn eigentlich geht es um Geoffrey, der mit seinem dauernd betrunkenen Vater hinter einer Schenke lebt, seine Schwester Jez, seinen Lehrer, seine Nachbarn und außerdem noch um die Diggers, eine Gruppe von Menschen, die vor ein paar Jahren eine der damals vielfach entstandenen ländlichen Kommunen gründeten und scheiterten.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt und mir hat es sehr gut gefallen, wie der Autor die unterschiedlichen Erzähler auch jeweils mit ihrem eigenen Stil ausgestattet hat. Durch die Perspektivwechsel gelingt es außerdem sehr gut, den Leser mit zusätzlichen Informationen zu versorgen, ohne direkt alle Antworten, nach denen die Figuren mühsam suchen müssen, auf einmal zu verraten. Als weiteren Trick, um seine zahlreichen Nebenhandlungen und Vorgeschichten unter einen Hut zu bekommen, nutzt Finnek ein Theaterstück, welches im Buch aufgeführt werden soll und auf wahren Ereignissen beruht und so eine Katalysatorfunktion hat.

Es war schon erstaunlich festzustellen, wie viele verschiedene Handlungen Finnek tatsächlich in dem Buch unterbringen konnte und dass, ohne dass es überfrachtet wirkte. Einzig auf eine Nebenhandlung, die eines Serienmörders, der durch London streift, hätte ich gut verzichten können, das war mir dann doch zu viel des Guten. Die Geschichte wob sich zwar problemlos ins Gesamtgeschehen ein, erschien mir aber überflüssig und leider etwas effekthascherisch. Ansonsten erschien mir aber alles sehr realistisch und lebensnah, besonders die Darstellung des Alltags gefiel mir gut, man konnte förmlich den Dreck sehen und den Gestank riechen. Die Figuren wirkten ebenfalls sehr realistisch und vielschichtig gestaltet, der Autor hat dankenswerterweise auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Nur bei einer Geschichte aus der Vergangenheit bleibt mir das Urteil zu offen, eine eindeutige Aussage, was damals wirklich passierte, hätte die Sympathien für die entsprechende Person in jedem Fall allerdings von zwiespältig,  zu „hat Mitleid verdient“ bzw. „hartherzig und bösartig“ verschoben - je nach Erklärung. Ich kann die Intention hinter dem Offenlassen also verstehen, auch wenn ich schon lieber zumindest eine kleine Tendenz geliefert bekommen hätte.

Aber, es gibt eine Art Fortsetzung, auch wenn „Gegen alle Zeit“ ein paar Jahrzehnte später spielt, und andere Hauptfiguren hat, liefert es vielleicht doch ein paar interessante zusätzliche Informationen – doch egal, lesen will ich es auf alle Fälle, es geht um Zeitreisen (mein Lieblingsbuchthema) und Tom Finnek hat gezeigt, dass er ein gutes Händchen fürs Geschichtenerzählen hat.

4ratten
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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #12 am: 07. Oktober 2011, 18:07:37 »

Ich poste das mal hier, weil so viele an dem Buch interessiert schienen: Will jemand mein Exemplar? Ich würde es euch gegen Porto überlassen.  :smile:

Eine Rezension von mir folgt übrigens noch.  :winken:
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Doris

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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #13 am: 07. Oktober 2011, 22:14:45 »

Ich nehme es dir gerne ab, wenn es noch da ist.
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Re: Tom Finnek – Unter der Asche
« Antwort #14 am: 08. Oktober 2011, 17:03:39 »

Hi Doris,

das Buch ist noch da. Schickst du mir deine Adresse bitte nochmal, dann bring ich es nächste Woche zur Post.  :winken:
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