"Das Wunder von Treviso" ist mir gestern Abend in die Hände gefallen.
Ich brauche Platz in meinen Regalen und habe sie nach Bücher durchforstet, die ich nicht unbedingt behalten möchte. Dem "Wunder von Treviso" werde ich bestimmt nicht nachtrauern.
Da es hier noch nicht viele Meinungen zu dem Buch gibt, stelle ich hier mal noch eine leicht gekürzte Fassung meiner damaligen Vorablesen-Rezi rein.
Die Leseprobe fand ich genial und ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut.
Doch trotz lockerem und flüssigem Schreibstil und einiger witziger Mono- und Dialoge von und mit dem erfrischend menschlichen Pfarrer Don Antonio wollte sich die Lesefreude nicht richtig einstellen.
Der Pfarrer heckt einen Plan aus, um das italienische Örtchen Treviso über seine engen Ortsgrenzen hinaus bekannt zu machen. Ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit täte dem verschlafenen Nest und seinen beschaulichen und einfach lebenden Bewohnern auch wirklich gut. Da geschieht das Wunder, bei dem Pfarrer Don Antonio und der ortsansässige Tischler zugegebenermaßen ein wenig nachgeholfen haben: die hölzerne Mutter Gottes weint blutige Tränen! Endlich, damit wird Treviso in der ganzen Welt berühmt!
Als Leserin habe ich an dieser Stelle einen wahren Aufruhr erwartet: ungläubige, begeisterte, aufgeregte Dorfbewohner, die ihr Glück gar nicht fassen können! Aber stattdessen wird dem Leser nur die nüchterne Berichterstattung in der Presse serviert. Kein Wort über die freudige Reaktion der Bewohner. Auch die Veränderungen für das Dorf und die Bewohner wie die einfallenden Pilgerströme oder der florierende Souvenierverkauf werden nur kurz und enttäuschend sachlich beschrieben. Sehr sehr schade, das hätte ich mir anders gewünscht. So plätschert die bisher sowieso nur leidlich spannende Geschichte nur weiter stumpf vor sich hin.
Erst als der vatikanische Gesandte auf den Plan tritt, keimt etwas Spannung auf. Was wird sich der findige Pfarrer nun einfallen lassen? Doch auch dieser Teil der Geschichte beinhaltet nur platte und profane Versuche, den Gesandten vom genaueren Untersuchen der Madonna abzuhalten und ihn später auf eine falsche Fährte zu locken.
Gerade die andauernden Einladungen zum Essen und Trinken, die den Gesandten mehrere Tage von einer Untersuchung abhalten, habe ich als sehr unrealistisch empfunden. Ebenso wie das spätere Auftreten eines leibhaftigen Geistes - die Figur als eingebildeter Gesprächspartner und Ratgeber zu belassen, hätte der Geschichte wenigstens nicht noch das letzte Fünkchen Glaubwürdigkeit geraubt. Endgültig verloren hatte das Buch jedoch bei mir, als der Gesandte ausgerechnet durch die Konfrontation mit seiner unrühmlichen Vergangenheit, nämlich der kurzen Kooperation mit den deutschen Nationalsozialisten während des Krieges, in Sachen Untersuchung der Madonna mundtot gemacht wird und sofort nach Rom zurückkehrt. Ich finde, hier hätte man nicht unbedingt die Nazi-Keule schwingen müssen, um die Untersuchung der Madonna zugunsten der Gemeinde zu beenden.
Auch auf die letzte Episode, den Gerichtsprozeß, hätte nach meinem Empfinden verzichtet werden können. Ein Ende der Geschichte nach der Abreise des Gesandten hätte dem Buch genüge getan. Diese letzten Seiten machten auf mich den Eindruck, als hätte zum Erreichen eines akzeptablen Gesamtumfangs noch einige Seiten gefehlt, die mit Mutwillen irgendwie gefüllt werden müssen. Den gleichen Eindruck hatte ich beim Lesen der Mini-Episoden um Giorgio und die finnische Touristin - man hat ein paar Lückenfüller gebraucht. Hätte man lieber an den oben kritisierten Stellen ein wenig ausschweifender geschrieben, das hätte der Geschichte gut getan.
Die zarte Liebesgeschichte zwischen Maria und Luigi war durchaus in Ordnung und schön zu lesen, sie hat gut in die Geschichte gepaßt. Auch sehr schön fand ich die Herausarbeitung der "Moral von der Geschicht´", der Tatsache, daß das, was man sich sehnlichst wünscht oder was man lange erstrebt, nach dem Erreichen nicht immer unbedingt glücklich macht.
Trotz der innovativen Grundidee und einiger toller Elemente innerhalb der Geschichte haben für mich die negativen Aspekte leider deutlich überwogen. Die gute Grundidee - fingiertes sakrales Wunder und die Folgen für alle - hätte man meiner Meinung nach ein wenig gelungener umsetzen können.