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Autor Thema: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway  (Gelesen 479 mal)

Bluebell

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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #15 am: 31. August 2011, 10:27:57 »

Hallo ihr Lieben,
ihr seid ja mittlerweile mit der Leserunde fertig. Ich wollte euch nicht im Stich lassen, konnte mich aber leider wegen eines privaten Notfalls nicht beteiligen. Zwischendurch habe ich zwar versucht, zumindest ein bisschen im Buch weiterzulesen, aber ihr habt ja schon angemerkt: man braucht Ruhe und Konzentration dafür, und die hatte ich einfach nicht.

Inzwischen habe ich die Lektüre aber wieder aufgenommen. Zu Beginn hatte ich allergrößte Schwierigkeiten mit dem Buch - ich habe fast jeden Absatz zwei oder drei Mal gelesen, weil mir am Ende auffiel, dass ich eigentlich nichts davon behalten habe. Ich glaube, der Einstieg ist auch bei normaler Konzentrationsfähigkeit nicht ohne und ich dachte schon, dass 200 Seiten auf diese Art zu lesen wohl keinen Sinn hätte.

Mittlerweile (ca. Seite 20) fange ich aber an, besser mit der Geschichte zurecht zu kommen. Erstens habe ich den Kopf wieder frei, zweitens gewöhne ich mich an den Stil, und drittens scheint mir die Autorin (zumindest im Moment) mehr zu "beschreiben" und weniger einfach irgendwelche Brocken (besonders Namen!!) ohne Erläuterung hinzuschmeißen.

Einige wunderschöne Stellen kamen bereits vor, die ich mir noch einmal heraussuchen und anzeichnen möchte. Ich finde, Virginia Woolf hat einen sehr feinen und eleganten Schreibstil, ohne unnötige Schnörkel und Verzierungen, aber nicht zu minimalistisch.

In Zusammenhang mit diesem Werk fällt immer wieder der Ausdruck "Bewusstseinsstrom". Das hat einerseits natürlich seinen Reiz (sofern man es schafft hineinzukippen), andererseits birgt er für mich auch die Gefahr, in meinen eigenen Bewusstseinsstrom abzudriften, sobald eine Stelle irgendeine Assoziation bewirkt, und nur noch "mechanisch" ohne Sinnerfassung weiterzulesen.

Mrs. Dalloway verspricht wirklich eine neue Leseerfahrung für mich zu werden, und in wieviel stärkerem Maß muss das auf die Zeitgenossen Virginia Woolfs zugetroffen haben!
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tina

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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #16 am: 31. August 2011, 11:03:55 »

Einige wunderschöne Stellen kamen bereits vor, die ich mir noch einmal heraussuchen und anzeichnen möchte. Ich finde, Virginia Woolf hat einen sehr feinen und eleganten Schreibstil, ohne unnötige Schnörkel und Verzierungen, aber nicht zu minimalistisch.

Ja, das fand ich auch. Vor allem gegen Ende kommen noch einmal Stellen, die mich sehr bewegt haben. Einmal als Peter an jenem Juniabend durch London geht. Die Art und Weise, wie sie diesen Sommerabend in London beschreibt, ist unglaublich. Ich sah es vor mir und ich hatte auch das Gefühl die Luft zu spüren und zu riechen. Sehr schön. Auch ganz am Ende, bei der Gesellschaft, wird ein Resumeé gezogen über das Leben und vor allem das Älterwerden und die Vorteile, die ein älterer Mensch gegenüber einem jüngeren hat. Das hat mir unglaublich gut gefallen, weil ich auch schon öfters in dieser Art empfunden habe, es aber nie in die richtigen Worte hätte fassen können.

In Zusammenhang mit diesem Werk fällt immer wieder der Ausdruck "Bewusstseinsstrom". Das hat einerseits natürlich seinen Reiz (sofern man es schafft hineinzukippen), andererseits birgt er für mich auch die Gefahr, in meinen eigenen Bewusstseinsstrom abzudriften, sobald eine Stelle irgendeine Assoziation bewirkt, und nur noch "mechanisch" ohne Sinnerfassung weiterzulesen.

Dieses mechanische weiterlesen, dass kenne ich auch. Ein gute Umschreibung. Ich denke, wenn ein Buch den Leser dazu verleitet mit seinen Gedanken abzuschweifen, dann hat es etwas bewirkt, dann entsteht fast eine Interaktion zwischen Buch und Leser.

Ich bin wirklich sehr gespannt, wie dir die Beschreibungen vom Ende des Tages gefallen.

Worüber ich mir ganz oft Gedanken machte, war die Tatsache, dass in diesem Buch sehr oft vom Tod die Rede ist und auch von einer gewissen Todesehnsucht und ich frage mich, ob das nicht vielleicht schon sehr frühe Hinweise darauf waren, dass Virginia Woolf ebenfalls eines Tages freiwillig aus dem Leben schied.

Viele Grüße Tina
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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #17 am: 01. September 2011, 08:39:26 »

Dies Buch habe ich vor zwei Jahren versucht zu lesen, bzw. die Übersetzung. Ich fand das Buch total langweilig und geschwätzig. Ich wundere mich, ob das in der Übersetzung lag. Danach probierte ich auch die englische Version, Mist. Werke von dieser Bloomsberry Group mag ich nicht.
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Bluebell

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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #18 am: 02. September 2011, 02:03:06 »

Also dafür, wie sehr ich mich durch die ersten zehn, fünfzehn Seiten gekämpft habe, geht es jetzt nur so dahin. Mittlerweile habe ich schon zwei Drittel gelesen!
Ein bisschen geht es mir allerdings schon wie stefanie_j_h:

Es gefällt mir nach wie vor, aber manche Personen interessieren mich einfach nicht so wahnsinnig und ich bin froh, wenn die Reise weitergeht in einen anderen Kopf.

Und wie dieses "von Kopf zu Kopf reisen" funktioniert, gefällt mir außerordentlich gut - Virginia Woolf wechselt nicht einfach die Szene, sondern arrangiert es wie das Abklatschen bei einem Staffellauf.

Dass mir die Charaktere sonderlich fremd bleiben, könnte ich nicht behaupten - es stimmt zwar, dass die Sympathieträger ziemlich in der Unterzahl sind, aber gerade zur Titelfigur habe ich z.B. sehr wohl einen guten Zugang gefunden.

Zur filmischen Umsetzung: was die inneren Monologe betrifft, kann ich mir auch nicht so recht vorstellen, dass ein Film dem gerecht werden könnte. Aber zwei oder drei Szenen kamen bereits vor, bei denen ich eine ganz bestimmte Filmtechnik vor Augen hatte und gar nicht glauben konnte, dass Virginia Woolf solche Bilder erzeugt, ohne jemals einen modernen Kinofilm gesehen zu haben.
Und zwar beschreibt sie manchmal, wie Figuren völlig reglos in einer bestimmten Position verharren, während sich im Hintergrund bzw. in ihrer Umgebung alles normal bewegt.
Einmal z.B. streckt ein Mann seinen Hut grotesk in die Luft, während ein Flugzeug Buchstaben in die Luft schreibt ... ein anderes Mal sitzen, glaube ich, Septimus und Lucrezia auf einer Parkbank (Virginia Woolf beschreibt das wesentlich weniger banal als ich  :clown: ). Ich stelle mir das nicht so vor, dass die Figuren einfach nur stillhalten, sondern eher wie ein DVD-Standbild (mit bewegtem Hintergrund) ... das Ganze denke man sich dann noch nicht statisch gefilmt, sondern mit einer Kamerafahrt, sodass die "Standbilder" an Dreidimensionalität gewinnen (während das Flugzeug weiter seine Kreise zieht oder rund um das Pärchen Blätter zu Boden fallen o.ä.) ... kann man sich ungefähr vorstellen, was ich meine?
Also wie gesagt, inhaltlich halte ich das Buch für sehr schwierig zu verfilmen, aber optisch schreien manche Szenen geradezu danach.

Worüber ich mir ganz oft Gedanken machte, war die Tatsache, dass in diesem Buch sehr oft vom Tod die Rede ist und auch von einer gewissen Todesehnsucht und ich frage mich, ob das nicht vielleicht schon sehr frühe Hinweise darauf waren, dass Virginia Woolf ebenfalls eines Tages freiwillig aus dem Leben schied.

Zumindest taucht diese Todessehnsucht wohl nicht von ungefähr immer wieder im Roman auf. Ob man das allerdings schon als konkreten Hinweis interpretieren kann, lasse ich mal dahingestellt ... vielleicht war es zu diesem frühen Zeitpunkt auch noch ein sehr diffuses Empfinden, dass sich genauso gut noch in eine ganz andere Richtung entwickeln hätte können. Aber dazu kenne ich mich mit Woolfs Biographie zu wenig aus.

Dies Buch habe ich vor zwei Jahren versucht zu lesen, bzw. die Übersetzung. Ich fand das Buch total langweilig und geschwätzig. Ich wundere mich, ob das in der Übersetzung lag. Danach probierte ich auch die englische Version, Mist. Werke von dieser Bloomsberry Group mag ich nicht.

Auch wenn's mir selber zum Glück nicht so geht, kann ich schon nachvollziehen, wenn das Buch auf jemanden "geschwätzig" wirkt. Was deinen englischen Versuch betrifft, Hut ab, ich bin mit der deutschen Version absolut ausgelastet und würde mir das Original nur mit Ach und Krach zutrauen (und mein Englisch ist alles andere als übel).
Das "Mist" interpretiere ich jetzt mal optimistisch als "Mist, dass ich es probiert habe" und nicht "die Originalversion ist Mist", denn so eine Präpotenz will ich dir nur ungern unterstellen.  :breitgrins:

Übrigens glaube ich, dass mir trotzdem noch einiges entgeht, auch wenn ich mich nun schon sehr gut eingelesen habe und nicht mehr so oft abdrifte. Und ich glaube auch, dass ich (obwohl Ende 20) vielleicht für manche Aspekte doch noch etwas zu jung bin, um sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen.
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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #19 am: 02. September 2011, 16:00:10 »

Vor allem gegen Ende kommen noch einmal Stellen, die mich sehr bewegt haben. Einmal als Peter an jenem Juniabend durch London geht. Die Art und Weise, wie sie diesen Sommerabend in London beschreibt, ist unglaublich. Ich sah es vor mir und ich hatte auch das Gefühl die Luft zu spüren und zu riechen. Sehr schön.

Die Stelle habe ich gerade gelesen, wirklich sehr stimmungsvoll (auch wenn mir Peter dadurch noch immer nicht sympathischer geworden ist).

Was sagt ihr eigentlich zur Farbsymbolik in dem Buch? Gelb kommt sehr oft vor (Handschuhe, Gardinen, Bananen, Lack ...). Ich kann mir darauf überhaupt keinen Reim machen, weiß nicht einmal, ob Gelb für Virginia Woolf positiv oder negativ besetzt ist.

Außerdem scheint in dem Buch ein linearer Zusammenhang zwischen Attraktivität und "Dunkelheit" der weiblichen Figuren zu bestehen. Je hellhäutiger und helläugiger, desto unscheinbarer - und je dunkler die Gesamterscheinung, desto schöner wird die Frau beschrieben. Die Krönung in dieser Hinsicht ist bisher die Inderin Daisy.
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Re: Virginia Woolf – Mrs. Dalloway
« Antwort #20 am: 02. September 2011, 20:45:09 »

So, ich bin euch ziemlich hinterhergerast und jetzt ebenfalls FERTIG.  :bang:

Die Atmosphäre bei der Abendgesellschaft empfand ich als fast unerträglich beklemmend - so eine Anhäufung von schrecklichen Menschen! Dabei genial, wie Virginia Woolf noch einmal alle Handlungsfäden zusammenführt. Und wie sie das Wirken der Zeit am Beispiel einzelner Figuren noch einmal vorführt und auf den Punkt bringt, ist ebenfalls sehr beeindruckend.

Dieses Buch verfügt über eine Dichte, die mir noch nicht oft begegnet ist. Eine solche Szene war beispielsweise auch die, als Clarissa ihrer Abendgesellschaft kurz entflieht und die alte Dame in der Wohnung gegenüber beobachtet. Die Intensität dabei hat mich fast umgehauen, ich war tatsächlich "dort".

Trotzdem möchte ich nicht wissen, wieviel mir insgesamt bei der Lektüre entgangen ist. Und auch wenn "gefallen" nicht ganz der richtige Ausdruck ist, hat dieser Roman etwas zutiefst Ergreifendes an sich und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich mich mit ihm beschäftigt habe.
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