Soooo, fertich!


Meine Meinung:Bereits nach nur einem veröffentlichten Roman erwartet man sich von Frau Roche Ekel- und Skandalbücher. Auf den ersten Seiten ihres neuen Romans "Schoßgebete", versucht sich offenbar, zumindest teilweise diesem Image gerecht zu werden und berschreibt in akribischem Detail ihren Hauptcharakter Elisabeth Kiel beim Blow-Job mit ihrem Mann. Dass da keine auch noch so kleinsten Anatomieteile vernachlässigt werden, war zu erwarten. Das Ganze las sich für mich aber eher klinisch (auch wenn sie Ausdrücke wie Schwanz verwendet) als erotisch oder skandalös.
Danach schlägt das Buch aber eine ganz andere Richtung an. In einem schier endlosen inneren Monolog von Elisabeth Kiel - der nur selten durch Handlung unterbrochen wird, wenn sie etwa zur Therapie fährt - erfahren wir alles, aber auch wirklich alles, über das verkorkste Innenleben einer Mittdreißigerin mit Mann, Kind und Stiefkind und jeeeeder Menge Problemen.
Sie hat nicht nur einen Öko- und Bio-Tick, sie sieht die einzige Freiheit im Leben in hemmungslosem Sex. Sie tut alles, um für ihre Tochter die perfekte Mama zu sein, auch wenn das bedeutet, dass sie sich biederer benehmen muss als sie es eigentlich will.
Man lernt in diesem Buch, wie man Zwiebel schneidet ohne zu weinen (hab's getestet, 1x mit Erfolg, 1x hab ich trotzdem geweint.

), wie man mit Kindern umgeht, die unter dem Bett Monster und Hexen vermuten und wie man mit seinem Mann gemeinsam ins Bordell geht.
Dass der tragische Unfall die drei Brüder der Hauptperson getötet hat, lässt darauf schließen, dass Elisabeth Kiel praktisch Charlotte Roche ist. In Interviews sagt sie selbst, dass diese Person so nahe an ihr dran ist wie es nur geht, dass aber doch ein bisschen Fiktion dabei ist. Ich hab das Buch trotzdem gelesen wie eine nur schein-fiktive Autobiographie. Wenn wirklich alles, oder auch nur große Teile, von dem was beschrieben wird, dem echten Leben der Autorin entsprechen, könnte ich Empörung von seiten ihres Mannes verstehen. Den Unfall behandelt sie aber - wie ich schon weiter oben sagte - sehr gut. Zumindest konnte ich mich gut in die Situation reinfühen und das aufgewühlte Innenleben Elisabeth Kiels verstehen.
Insgesamt war ich positiv überrascht. An manchen Stellen wurde mir das ewige Komplex-Blabla zwar auch weit zu viel, aber man merkt, dass sich Frau Roche, was Schreiben an sich betrifft, doch ein wenig weiterentwickelt hat. So schlecht geschrieben wie "Feuchtgebiete" war dieses Buch nicht.
Und das Hörbuch hat sie meiner Meinung nach auch sehr gut gesprochen. Das machte das "Lesen" für mich natürlich noch mehr zu einer Biographie als einem Roman.
Für alle Neugierigen bzw. Leute, die gerne über völlig neurotische Menschen lesen, würde ich das Buch durchaus empfehlen.

Liebe Grüße,
Wendy