Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.

E-Mail: Passwort:

Autor Thema: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht  (Gelesen 155 mal)

Aldawen

  • Msomaji mkubwa
  • Administrator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 11655
A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« am: 10. August 2011, 18:38:32 »

   Autor: A. F. Th. van der Heijden
Titel: Das Scherbengericht. Eine transatlantische Tragödie
Originaltitel, Jahr: Het schervengericht. Een transatlantische tragedie, 2007
Übersetzung aus dem Niederländischen: Helga van Beuningen
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42140-6
Ausgabe: Hardcover
Seiten: 1166


Um den Jahreswechsel 1977/78 treffen im Hochsicherheitstrakt eines kalifornischen Gefängnisses zwei Männer aufeinander, die einiges gemeinsam haben. Beide sind recht kleinwüchsig und schnell wird klar, daß beide – zu ihrer eigenen Sicherheit – inkognito einsitzen. Der eine nennt sich Scott Maddox und wurde in dieses Gefängnis verlegt, nachdem ein Mithäftling in der vorherigen Anstalt ihn mit Farbverdünner übergossen und angezündet hatte. Maddox ist immer noch am Kopf und an den Händen dick verbunden, so daß man ihn nicht erkennen kann. Der andere gibt sich als Remo Woodehouse aus, ist ein bekannter Filmregisseur und wegen Verführung einer Minderjährigen verurteilt. Die beiden übernehmen zusammen den Putzdienst und nutzen dabei jede Gelegenheit für einen Schwatz, solange die Aufseher nicht einschreiten. Dabei enthüllt sich, daß die beiden weitaus mehr verbindet als Körpergröße und Inkognito: Maddox ist der Mörder von Woodehouses Frau.

Das ist der Ansatzpunkt für van der Heijdens Roman, und dieser ist – mit Ausnahme des Zusammentreffens von Maddox und Woodehouse – alles andere als fiktiv. Wer sich noch an die Zeit Ende der 1960er Jahre bis zur Handlungszeit des Romans erinnert oder sich für Prominentenklatsch interessiert, wird möglicherweise schon ahnen, um wen es hier geht. Zwar werden die Namen der beiden selbst nicht genannt, die der Personen in ihrem Umfeld aber sehr wohl, so daß keine Zweifel möglich sind. Ich bin zwar der Überzeugung, daß es der Lektüre nicht schadet, die Namen zu kennen und ggf. sogar über die betreffenden Ereignisse selbst andernorts (noch) einmal nachzulesen, aber für den Fall, daß sich jemand lieber davon überraschen lassen möchte, setze ich die Echtnamen mal in diesen Spoiler:

Spoiler (Klick zum Anzeigen/Verbergen)

Zu verfolgen, wie sich die beiden in ihren Gesprächen beim Putzen einander annähern, zuerst gegenseitig ihre Identität aufdecken, sich dann mit ihrer eigentlichen Verbindung beschäftigen, das war hochinteressant. Woodehouse will von Maddox Antworten, eine Erklärung, Motive und Gründe. Er will verstehen, warum ausgerechnet seine hochschwangere Frau das Opfer sein mußte. Maddox bleibt meist ausweichend, zieht sich auf eine Ideologie zurück, von der man manches Mal nicht weiß, ob er sie ernst meint oder als Stolperfalle auslegt. Meistenteils sind seine Äußerungen eigentlich wahnhaft, und läßt man sich als Leser darauf ein, so droht man fast selbst irre daran zu werden. Und natürlich scheut Maddox nicht davor zurück, Remos Delikt gegen diesen auszuspielen. Scheinen die beiden anfänglich mit ihren Annäherungen und Entfernungen ein Menuett zu absolvieren, so umkreisen sie sich schließlich wie zwei Raubtiere, die den geeigneten Moment suchen, dem jeweils anderen an die Kehle zu gehen, und das durchaus im wörtlichen Sinn. Das hat seinen Grund auch darin, daß sie sich in vielem ähnlicher sind, als sie sich selbst eingestehen, vielleicht auch nur verstehen, denn beide fühlen sich in ihren Ideen und ihrem „Handwerk“ verkannt und kompensieren dies mit Handlungen und vor allem mit Menschen, denen sie sich überlegen fühlen können, gegenüber denen sie Macht ausüben können.

Während van der Heijden Maddox von außen präsentiert, durch die Gespräche mit Remo sowie durch die Gedanken des Wärter Spiros Agraphiotis, erlebt man Woodehouse auch von innen. Zwei Aufenthalte in Isolationszellen bieten dafür besonderen Raum, denn hier bleibt Remo nichts als seine Gedanken, mit denen er sein Leben und vor allem jene Bluttat, die er selbst in London weilend nicht miterlebt hat, Revue passieren läßt. Dies gipfelt in einem beeindruckenden Abschnitt, der zwar sehr beklemmend aber gleichzeitig ungeheuer einfühlsam war. Ich könnte mir aber vorstellen, daß sehr emotionale Leser, und darunter vielleicht besonders Mütter, dies nicht mehr unter einem rein literarischen Aspekt lesen können, denn van der Heijden läßt Remo sich während eines Aufenthaltes in der Iso-Zelle in seinen ungeborenen Sohn hineinversetzen, um aus dieser Perspektive den letzten Tag zu durchleben, einschließlich der 20 Minuten, die er im Bauch seiner bereits toten Mutter noch überlebt hat.

Das Zusammentreffen von Maddox und Woodehouse ist im übrigen natürlich kein Zufall. Nachgeholfen hat dabei just jener Spiros Agraphiotis, der in der Anstalt als Wärter arbeitet und der seinerseits inkognito unterwegs ist, dessen Identität sich aber im Verlaufe des Romans aufklärt. Dieser Agraphiotis fungiert auch im Gefängnis als Strippenzieher, indem er immer wieder dafür sorgt, daß die Putzkolonne nicht auseinandergerissen wird. Daß er es dann auch ist, der dem Regisseur am Ende hilft, die USA zu verlassen und damit dem titelgebenden Scherbengericht zu entgehen, das man über diesen abzuhalten droht, ist dabei angesichts seiner eigenen Herkunft nur konsequent, denn schließlich war der Ostrazismus im antiken Griechenland oftmals Auslöser für eine Verbannung aus der Polis.

Der Roman ist Teil des Zyklus Homo Duplex, auf Deutsch bereits erschienen sind noch Die Movo-Tapes und Treibsand urbar machen, van der Heijden will aber die Bände erst in eine verbindliche Reihenfolge bringen, wenn sie alle geschrieben sind, lediglich Die Movo-Tapes sind schon als Band 0 gesetzt. Dessen Kenntnis ist aber, so mein Eindruck, für die Lektüre des Scherbengerichts nicht notwendig, man wird wohl vor allem die Abschnitte mit Agraphiotis als Erzähler anders lesen. Verblüffenderweise habe ich hier einerseits das Gefühl, daß der Roman angesichts seines Inhalts viel dicker gewesen sein müßte, sich andererseits aber so schnell und sogar spannend las, daß er mir deutlich dünner vorkam. Dergleichen passiert mir bei derart dicken Romanen ausgesprochen selten und die Übersetzung von Helga van Beuningen dürfte daran keinen unerheblichen Anteil haben. Ein grandioses Werk und brillant erzählt!


 5ratten + :tipp:

Schönen Gruß
Aldawen

Gespeichert
Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Doris

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Beiträge: 5830
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #1 am: 10. August 2011, 22:14:12 »

Hallo Aldawen,

ich hab's befürchtet...

Auf dieses Buch bin ich auch schon irgendwo aufmerksam geworden und fühlte mich von dem Plot sehr angesprochen, und deine Einschätzung tut ein Übriges. Die Vorstellung, dass zwei Menschen, die auf solche Weise verbunden sind, miteinander konfrontiert werden, ohne sich ausweichen zu können, verspricht einiges an Brisanz. Bei den beiden Protagonisten bin ich ziemlich sicher zu wissen, um wen es sich handelt. Diese Konstellation gibt es meines Wissens nur einmal.

Obwohl ich von der Vorstellung eines Zyklusses nicht sehr begeistert bin, werde ich zumindest diesen Teil im Auge behalten. Preismäßig ist er mir noch zu teuer, da warte ich lieber auf ein Schnäppchen oder hoffe auf die Bücherei. Den anderen Teil Die Movo-Tapes finde ich nicht so ansprechend, allerdings ist die Kurzbeschreibung auf Amazon wieder mal nicht sehr aussagekräftig. Du wirst da sicher mehr dazu zu sagen haben. Einen Zusammenhang mit dem Scherbengericht kann ich übrigens überhaupt nicht ausmachen.

Liebe Grüße
Doris
Gespeichert
Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
sondern es ist viel, was wir nicht nützen.
Lucius Annaeus Seneca

Aldawen

  • Msomaji mkubwa
  • Administrator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 11655
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #2 am: 10. August 2011, 22:26:45 »

ich hab's befürchtet...

Ich bin gerne an SuB- und Wunschlistenzuwächsen schuld  :breitgrins:

Obwohl ich von der Vorstellung eines Zyklusses nicht sehr begeistert bin, werde ich zumindest diesen Teil im Auge behalten.

Bislang kenne ich ja auch nur diesen Teil und denke, man kann ihn gut singulär lesen.

Einen Zusammenhang mit dem Scherbengericht kann ich übrigens überhaupt nicht ausmachen.

Der Zusammenhang liegt in der Figur des Spiros Agraphiotis oder besser gesagt: seiner wahren Identität und vor allem seinen Absichten. Die Movo-Tapes sind schwerpunktmäßig etliche Jahre nach den hiesigen Ereignissen angesiedelt, Movo ist hier erst ein vier Jahre alter Junge und spielt keine wirklich eigenständige Rolle, das ist nur ein winziger Nebenstrang.
Gespeichert
Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

nimue

  • Forenglucke
  • Administrator
  • *
  • Online Online
  • Geschlecht: Weiblich
  • Beiträge: 7904
    • Literaturschock
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #3 am: 11. August 2011, 08:24:41 »

ich hab's befürchtet...

Ich bin gerne an SuB- und Wunschlistenzuwächsen schuld  :breitgrins:

Dann darfst Du noch einen Punkt auf das Konto verbuchen :ohnmacht:
Gespeichert
Wenn Du keinen Menschen töten kannst - gut; kannst Du kein Vieh und keine Vögel töten - noch besser; keine Fische und Insekten - noch besser. Bemüh Dich, soweit wie möglich zu kommen. Grüble nicht, was möglich ist und was nicht. Tu, was Du mit Deinen Kräften zustande bringst. Darauf kommt alles an. (Leo Tolstoi)

Klassikfreund

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Männlich
  • Beiträge: 4848
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #4 am: 11. August 2011, 09:10:12 »

Ich halte den Spoiler hier für vollkommen überflüssig und gerade der echte Hintergrund, dessen Erläuterung hier fehlt, macht das Buch nochmals interessanter. Ich empfehle daher die Rezension im Deutschlandradio (enthält die Echtnamen und erläutert echte Hintergründe):

Der Titel "Scherbengericht" wird darin auch erläutert.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1257772/

Überraschenderweise ist dieses Buch von den großen Zeitungen einfach nicht wahrgenommen worden, keine Rezension in FAZ, NZZ oder DIE ZEIT.

Auf den Seiten des Verlages und auf Am*a*z*on findet man auch eine Leseprobe.

Gruß, Thomas
« Letzte Änderung: 11. August 2011, 09:14:30 von Klassikfreund »
Gespeichert

Klassikfreund

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Männlich
  • Beiträge: 4848
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #5 am: 11. August 2011, 09:20:15 »

Ein anderer Romanzyklus des Autors "Die zahnlose Zeit" wird jedoch in höchsten Tönen gelobt:

http://www.perlentaucher.de/buch/13939.html

Dieser Autor ist eine interessante Entdeckung.

Gruß, Thomas
Gespeichert

Aldawen

  • Msomaji mkubwa
  • Administrator
  • *
  • Offline Offline
  • Beiträge: 11655
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #6 am: 11. August 2011, 10:02:22 »

Ich halte den Spoiler hier für vollkommen überflüssig und gerade der echte Hintergrund, dessen Erläuterung hier fehlt, macht das Buch nochmals interessanter.

Ob es mit dieser Kenntnis interessanter wird oder nicht, kommt darauf an, wie und welchen Prämissen man liest. Ich wußte all dies auch vorher und es hat meinem Vergnügen, wie man sehen kann, keinerlei Abbruch getan. Es gibt eben aber auch Leser, die sich lieber überraschen lassen, und denen wollte ich die Namen nicht ins Gesicht brüllen, schließlich kann jeder selbst entscheiden, ob er den Spoiler aufklappt oder nicht. Und über die Hintergründe kann man ohne Probleme an zig Stellen nachlesen, selbst ein Blick nach Wikipedia unter den beiden Beteiligten reicht völlig, das muß ich hier nicht wiederkäuen, wenn ich stattdessen etwas über den Roman selbst zu sagen habe – um den geht es mir nämlich vor allem, da das Zusammentreffen der beiden ja schließlich fiktiv ist.

Ein anderer Romanzyklus des Autors "Die zahnlose Zeit" wird jedoch in höchsten Tönen gelobt:

Würde mich unter normalen Umständen nach dieser Erfahrung natürlich reizen, allerdings tauchten mir in allen Kommentaren dazu einige Schlüsselwörter zu häufig auf, auf die ich allergisch reagiere, wie bspw. alles, was mit Alkohol und Drogen zu tun hat. Meine Buchhändlerin, mit der ich darüber sprach, hat mir auch bestätigt, daß dies eine zentrale Rolle spielt, das schreckt mich – wenigstens im Moment noch – ziemlich ab.
Gespeichert
Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Klassikfreund

  • Mitglied
  • Offline Offline
  • Geschlecht: Männlich
  • Beiträge: 4848
Re: A. F. Th. van der Heijden – Das Scherbengericht
« Antwort #7 am: 11. August 2011, 11:11:38 »

Würde mich unter normalen Umständen nach dieser Erfahrung natürlich reizen, allerdings tauchten mir in allen Kommentaren dazu einige Schlüsselwörter zu häufig auf, auf die ich allergisch reagiere, wie bspw. alles, was mit Alkohol und Drogen zu tun hat. Meine Buchhändlerin, mit der ich darüber sprach, hat mir auch bestätigt, daß dies eine zentrale Rolle spielt, das schreckt mich – wenigstens im Moment noch – ziemlich ab.

Als Einstiegsdroge wird übrigens nicht der Prolog, sondern Band 3 "Der Widerborst" empfohlen. Mit gerade mal 117 Seiten und für 5 EUR kann also jeder ausprobieren, inwieweit ihm die Welt van der Heijdens liegt.



Gruß, Thomas
« Letzte Änderung: 11. August 2011, 11:14:28 von Klassikfreund »
Gespeichert