  | | Autor: A. F. Th. van der Heijden Titel: Das Scherbengericht. Eine transatlantische Tragödie Originaltitel, Jahr: Het schervengericht. Een transatlantische tragedie, 2007 Übersetzung aus dem Niederländischen: Helga van Beuningen Verlag: Suhrkamp ISBN: 978-3-518-42140-6 Ausgabe: Hardcover Seiten: 1166
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Um den Jahreswechsel 1977/78 treffen im Hochsicherheitstrakt eines kalifornischen Gefängnisses zwei Männer aufeinander, die einiges gemeinsam haben. Beide sind recht kleinwüchsig und schnell wird klar, daß beide – zu ihrer eigenen Sicherheit – inkognito einsitzen. Der eine nennt sich Scott Maddox und wurde in dieses Gefängnis verlegt, nachdem ein Mithäftling in der vorherigen Anstalt ihn mit Farbverdünner übergossen und angezündet hatte. Maddox ist immer noch am Kopf und an den Händen dick verbunden, so daß man ihn nicht erkennen kann. Der andere gibt sich als Remo Woodehouse aus, ist ein bekannter Filmregisseur und wegen Verführung einer Minderjährigen verurteilt. Die beiden übernehmen zusammen den Putzdienst und nutzen dabei jede Gelegenheit für einen Schwatz, solange die Aufseher nicht einschreiten. Dabei enthüllt sich, daß die beiden weitaus mehr verbindet als Körpergröße und Inkognito: Maddox ist der Mörder von Woodehouses Frau.
Das ist der Ansatzpunkt für van der Heijdens Roman, und dieser ist – mit Ausnahme des Zusammentreffens von Maddox und Woodehouse – alles andere als fiktiv. Wer sich noch an die Zeit Ende der 1960er Jahre bis zur Handlungszeit des Romans erinnert oder sich für Prominentenklatsch interessiert, wird möglicherweise schon ahnen, um wen es hier geht. Zwar werden die Namen der beiden selbst nicht genannt, die der Personen in ihrem Umfeld aber sehr wohl, so daß keine Zweifel möglich sind. Ich bin zwar der Überzeugung, daß es der Lektüre nicht schadet, die Namen zu kennen und ggf. sogar über die betreffenden Ereignisse selbst andernorts (noch) einmal nachzulesen, aber für den Fall, daß sich jemand lieber davon überraschen lassen möchte, setze ich die Echtnamen mal in diesen Spoiler:
Remo Woodehouse = Roman Polanski
Scott Maddox = Charles Manson
Zu verfolgen, wie sich die beiden in ihren Gesprächen beim Putzen einander annähern, zuerst gegenseitig ihre Identität aufdecken, sich dann mit ihrer eigentlichen Verbindung beschäftigen, das war hochinteressant. Woodehouse will von Maddox Antworten, eine Erklärung, Motive und Gründe. Er will verstehen, warum ausgerechnet seine hochschwangere Frau das Opfer sein mußte. Maddox bleibt meist ausweichend, zieht sich auf eine Ideologie zurück, von der man manches Mal nicht weiß, ob er sie ernst meint oder als Stolperfalle auslegt. Meistenteils sind seine Äußerungen eigentlich wahnhaft, und läßt man sich als Leser darauf ein, so droht man fast selbst irre daran zu werden. Und natürlich scheut Maddox nicht davor zurück, Remos Delikt gegen diesen auszuspielen. Scheinen die beiden anfänglich mit ihren Annäherungen und Entfernungen ein Menuett zu absolvieren, so umkreisen sie sich schließlich wie zwei Raubtiere, die den geeigneten Moment suchen, dem jeweils anderen an die Kehle zu gehen, und das durchaus im wörtlichen Sinn. Das hat seinen Grund auch darin, daß sie sich in vielem ähnlicher sind, als sie sich selbst eingestehen, vielleicht auch nur verstehen, denn beide fühlen sich in ihren Ideen und ihrem „Handwerk“ verkannt und kompensieren dies mit Handlungen und vor allem mit Menschen, denen sie sich überlegen fühlen können, gegenüber denen sie Macht ausüben können.
Während van der Heijden Maddox von außen präsentiert, durch die Gespräche mit Remo sowie durch die Gedanken des Wärter Spiros Agraphiotis, erlebt man Woodehouse auch von innen. Zwei Aufenthalte in Isolationszellen bieten dafür besonderen Raum, denn hier bleibt Remo nichts als seine Gedanken, mit denen er sein Leben und vor allem jene Bluttat, die er selbst in London weilend nicht miterlebt hat, Revue passieren läßt. Dies gipfelt in einem beeindruckenden Abschnitt, der zwar sehr beklemmend aber gleichzeitig ungeheuer einfühlsam war. Ich könnte mir aber vorstellen, daß sehr emotionale Leser, und darunter vielleicht besonders Mütter, dies nicht mehr unter einem rein literarischen Aspekt lesen können, denn van der Heijden läßt Remo sich während eines Aufenthaltes in der Iso-Zelle in seinen ungeborenen Sohn hineinversetzen, um aus dieser Perspektive den letzten Tag zu durchleben, einschließlich der 20 Minuten, die er im Bauch seiner bereits toten Mutter noch überlebt hat.
Das Zusammentreffen von Maddox und Woodehouse ist im übrigen natürlich kein Zufall. Nachgeholfen hat dabei just jener Spiros Agraphiotis, der in der Anstalt als Wärter arbeitet und der seinerseits inkognito unterwegs ist, dessen Identität sich aber im Verlaufe des Romans aufklärt. Dieser Agraphiotis fungiert auch im Gefängnis als Strippenzieher, indem er immer wieder dafür sorgt, daß die Putzkolonne nicht auseinandergerissen wird. Daß er es dann auch ist, der dem Regisseur am Ende hilft, die USA zu verlassen und damit dem titelgebenden Scherbengericht zu entgehen, das man über diesen abzuhalten droht, ist dabei angesichts seiner eigenen Herkunft nur konsequent, denn schließlich war der Ostrazismus im antiken Griechenland oftmals Auslöser für eine Verbannung aus der Polis.
Der Roman ist Teil des Zyklus
Homo Duplex, auf Deutsch bereits erschienen sind noch
Die Movo-Tapes und
Treibsand urbar machen, van der Heijden will aber die Bände erst in eine verbindliche Reihenfolge bringen, wenn sie alle geschrieben sind, lediglich
Die Movo-Tapes sind schon als Band 0 gesetzt. Dessen Kenntnis ist aber, so mein Eindruck, für die Lektüre des
Scherbengerichts nicht notwendig, man wird wohl vor allem die Abschnitte mit Agraphiotis als Erzähler anders lesen. Verblüffenderweise habe ich hier einerseits das Gefühl, daß der Roman angesichts seines Inhalts viel dicker gewesen sein müßte, sich andererseits aber so schnell und sogar spannend las, daß er mir deutlich dünner vorkam. Dergleichen passiert mir bei derart dicken Romanen ausgesprochen selten und die Übersetzung von Helga van Beuningen dürfte daran keinen unerheblichen Anteil haben. Ein grandioses Werk und brillant erzählt!

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Schönen Gruß
Aldawen