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Autor Thema: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis  (Gelesen 1457 mal)

Valentine

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Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« am: 13. Juli 2005, 11:08:35 »



Der ukrainische Journalist Viktor hat schon ewig nichts mehr veröffentlicht, da kommt ihm das Angebot einer Zeitung gerade recht, vorab Nachrufe auf bekannte Persönlichkeiten abzufassen, die dann bei Bedarf eingesetzt werden können.

Wenige Wochen später stirbt der erste Politiker, und auf einmal häufen sich die Todesfälle von Viktors "Kandidaten". Er merkt, dass jemand in seiner Wohnung herumschnüffelt und zieht schließlich für einige Monate weg, wobei er auch die Tochter eines Bekannten in Obhut nimmt, da dieser Gefahr für das Mädchen befürchtet.

Eins vorweg: der Kriminalfall an sich ist nichts Besonderes, löst sich für mich nicht einmal richtig auf.

Aber die Atmosphäre gefällt mir, Viktors Betrachtungen über den Umgang mit der kleinen Sonja, seine nicht richtig definierte Beziehung zu ihrem Kindermädchen - und nicht zuletzt sein außergewöhnliches Haustier, der ewig traurige Pinguin Mischa, den Viktor zu sich genommen hat, als viele Zootiere in Kiew wegen akuten Geldmangels weggegeben werden mussten.

Ziemlich krass fand ich allerdings einen Handlungsstrang:

Zitat von: Spoiler
Mischa der Pinguin hat, wie sich herausstellt, einen schweren Herzfehler und braucht eine Transplantation. Da wird ihm ein Kinderherz eingesetzt, das ohne Viktors Wissen auf sicherlich illegalem Wege "besorgt" wurde. :entsetzt

4ratten
« Letzte Änderung: 17. August 2006, 07:55:53 von nimue »
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Nymphetamine

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #1 am: 09. Dezember 2006, 20:34:29 »

Hallo

Habe das Buch vor gut 2 Jahren gelesen und muss Valentine  Recht geben. Ich selbst empfand es gar nicht als Krimi, eher war es für mich ein Buch mit einigen sehr netten Ideen ("Kreuzchen" oder auch Micha) in dem mir auch die Atmosphäre im Ganzen sehr gut gefallen hat.
Ein bisschen Melancholie, es wirkt als ob nie so recht die Sonne scheinen würde und alles in einem leichten Grauschleier untergeht. Gute Charaktere und ein Ende das jeden Pinguin glücklich machen würde :smile:
Hab im Übrigen auch schon Teil II Pinguine frieren nicht auf dem Schreibtisch liegen.



N™
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Arjuna

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #2 am: 09. Dezember 2006, 20:55:37 »

Oh, da subt bei mir schon ziemlich lange, aber hört sich ja ganz gut an, sollte ich vielleicht auf die SLW-Liste packen.

lg
Arjuna 


@  Ntm :winken: Danke fürs Thread-hoch-holen, gar nicht gesehen dass dazu einer existiert
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Nymphetamine

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #3 am: 09. Dezember 2006, 23:22:37 »

@Arjuna
Bin gespannd auf deine Meinung zu diesem Buch :smile:

N™
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Arjuna

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #4 am: 11. Dezember 2006, 22:19:13 »

und ich bin gespannt wenn ich zum Lesen komme  :breitgrins:

lg
Arjuna
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Papyrus

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #5 am: 12. Dezember 2006, 09:00:13 »

Ich habe Picknick auf dem Eis vor gut 1,5 Jahren gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen, leicht melancholisch und sehr ruhig (dabei aber auch "schräg") erzählt.
Allerdings hätte ich es nicht der Rubrik Krimi/Thriller zugeordnet, sondern eher unter Belletristik gesucht, da die Todesfälle nicht im Vordergrund stehen.

Teil 2 subt auch schon in meinem Regal.
« Letzte Änderung: 12. Dezember 2006, 09:02:33 von Papyrus »
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earnshaw

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #6 am: 29. Januar 2008, 14:26:05 »



Autor: Andrej Kurkow
Titel: Picknick auf dem Eis
Originaltitel: Smert’ postoronnego
Aus dem Russischen übersetzt von Christa Vogel

Inhalt (Klappentext):

Als Tagträumer hat es Viktor schwer im Kiew der Neureichen und der Mafia: Ohne Geld und ohne Freundin lebt er mit dem Pinguin Mischa und schreibt unvollendete Romane für die Schublade. Doch eines Tage bietet ihm der Chefredakteur einer großen Zeitung eine gutbezahlte Stelle an: Viktor soll Nekrologe über berühmte Leute verfassen, die allerdings noch gar nicht gestorben sind. Wie jeder Autor möchte Viktor seine Texte auch veröffentlich sehen, doch erweisen sich die VIPs als äußerst zählebig. Bei einem Glas Wodka erzählt er dem Freund seines Chefs davon. Als Viktor ein paar Tage später die Zeitung aufschlägt, sieht er, dass sein Wunsch beängstigend schnell in Erfüllung gegangen ist.

Meinung:

"Picknick auf dem Eis" spielt im Kiew der 1990er Jahre. Nach dem Zerfall der Sowjetunion befindet sich die Ukraine politisch und wirtschaftlich in einem turbulenten Umbruchprozess. Die Bevölkerung leidet unter den Folgen einer galoppierenden Inflation, selbst die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten kann nicht mehr sichergestellt werden kann. Gewalt, Korruption und organisierte Kriminalität gehören zum Alltag.

Unter diesen Umständen ist ein Menschenleben ist nicht viel wert. Und so kommt es, dass in diesem Buch haufenweise bestochen, betrogen und gemordet wird, ohne dass sich so recht jemand dafür zu interessieren scheint. Wenn auf der Straße Pflastersteine fliegen oder Schüsse knallen, geht man eben nichts ans Fenster. Wenn ein Mensch von einer Tretmine zerfetzt wird, ist das kein Grund zur Beunruhigung. 118 ermordete VIPs sind bestenfalls einer flüchtigen Erwähnung wert. Denn schließlich: wer in der Ukraine zu Macht und Reichtum gekommen ist, kann das nur durch unlautere Methoden erreicht haben. Da wird’s dann schon nicht den Falschen getroffen haben. Und hat nicht jeder einzelne schon mehr als genug damit zu tun, sein eigenes Überleben zu sichern?   

Und so kümmert sich auch der Schriftsteller Viktor nicht allzusehr um die Machenschaften seiner Auftraggeber. Er verfasst die nachgefragten Nekrologe und sichert damit seinen Lebensunterhalt. Auch nachdem die in seinen Nachrufen genannten Personen nach und nach auf oft mysteriöse Art und Weise das Zeitliche segnen, bleibt er passiv. Die "Planwirtschaft des Todes", deren Handlanger er geworden ist, blendet er aus.     

Die ganze Geschichte mutet surreal und vollkommen überzogen an. Schwarzhumorig und skurril. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wo hier die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu ziehen sind. Leider fürchte ich, dass sich viel mehr Wahrheit in diesem Buch widerspiegelt, als man vielleicht zunächst annimmt. Und darum kann ich mich den oftmals zu lesenden Bewertungen wie "hinreißend leicht" (Die Welt) nicht anschließen. Die Geschichte ist ungewöhnlich und schräg, "leicht" oder witzig fand ich sie nicht wirklich. Eher ernüchternd und deprimierend.

Und daran ändert dann auch der Pinguin Mischa nichts. Eher im Gegenteil. Denn Mischa ist ständig traurig und herzkrank obendrein. Und damit fast schon so etwas wie ein alter ego Viktors. Beide sind einsam, jeder auf seine Weise. Und an einer Stelle sagt Viktor dann auch: "Der Pinguin bin ich."

Bewertung:

3ratten plus :marypipeshalbeprivatmaus:
« Letzte Änderung: 29. Januar 2008, 14:34:52 von earnshaw »
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Bettina

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #7 am: 19. Februar 2008, 21:05:39 »

Kurzbeschreibung
siehe oben :zwinker:

Meine Eindrücke
Der Kiewer Zoo löst sich zwangsläufig auf und verschenkt seine Tiere an wohlmeinende Mitbürger. Der einsame Viktor nimmt sich des Pinguins Mischa an, nimmt ihn mit in seine kleine Wohnung und füttert ihn fortan mit tiefgefrorenem Fisch. Als Schriftsteller ist Viktor wenig erfolgreich und nur ein Zufall birgt eines Tages eine sichere Einkommensquelle: Das Schreiben von ungewöhnlichen Nachrufen, nämlich für Leute, die eigentlich quicklebendig sind. Viktor denkt wenig über die merkwürdige Arbeit nach, obwohl er sehr schnell Andeutungen über deren finstere Auftraggeber erhält. Selbst der Chefredakteur scheint mehr Marionette als Handelnder zu sein, aber Viktor macht weiter.

Nach einem seltsamen Zwischenfall kümmert sich Viktor um Sonja, Tochter eines Bekannten, die auf geheimnisvolle Weise mit Geld versorgt wird. Er engagiert Nina als Kindermädchen und die drei werden zu einer Art Familie. Während Viktor Sonja immerhin zu mögen scheint, bleibt er bei Nina stets auf Distanz - Einsamkeit und Melancholie sind im Buch Programm.

Ein bisschen ratlos bin ich nach der Lektüre des Buches immer noch. Der Eindruck kam auf (und setzt sich nun irgendwie fest), dass Kurkow auf eine phantastisch anmutende Art der ukrainischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollte: Illegale Machenschaften, die mit illegalen Machenschaften bekämpft werden - und damit das nicht sofort auffällt, bekommt die Hauptperson einen Pinguin als Wohnungsgenossen. Oder wie soll ich das sonst verstehen? Den Auftritt des Pinguins werde ich wohl nicht begreifen, weil die Geschichte insgesamt keineswegs so surreal ist, wie es der Pinguin vermuten lässt und da die Geschichte umgekehrt so sehr real ist, empfand ich den Pinguin als "Darsteller" deplatziert. Den Anteil an den doch vergebenen zwei Ratten haben die Atmosphäre insgesamt, die Idee der Nekrologe und der Aufbau der Geschichte geliefert.

2ratten


P.S.:
Mich würde übrigens interessieren, was der Originaltitel Smert’ postoronnego wörtlich übersetzt bedeutet. :winken:
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Aeria

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #8 am: 19. Februar 2008, 21:39:20 »

@Bettina

Mich würde übrigens interessieren, was der Originaltitel Smert’ postoronnego wörtlich übersetzt bedeutet. :winken:

Kein Problem: Der Tod eines Fremden. Smertj - der Tod (im Russischen ist der Tod übrigens weiblich  :zwinker: ), postoronnij - Fremder, Unbekannter, Unbefugter.

Das Buch habe ich nicht gelesen, interessiert mich so gar nicht. Meine Mutter hat es gelesen und meinte, es wäre unterdurchschnittlich. Es steht in meinem Regal, aber ich möchte es bei der nächstbesten Gelegenheit loswerden.

***
Aeria
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Bettina

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #9 am: 20. Februar 2008, 09:57:40 »

 :winken: Danke Aeria!

Der Titel ergibt nach der Lektüre des Buchs einen guten Sinn. Der deutsche Titel passte kaum, den fand ich erst ganz am Ende ganz in Ordnung. Ich fand dann nämlich, dass er doppeldeutig sein kann: Picknick auf dem Eis geht nur solange gut, wie das Eis stabil ist. Im Frühling taut alles und im Buch gerät die Welt von Viktor ausgerechnet mit dem Beginn des Tauwetters in Schieflage.

Mich hat das Buch auch nicht überzeugt. Es war gut zu lesen, ich fand die Stimmung gut, aber für eine mittelprächtige Bewertung hat es nicht ganz gereicht. Wenn Du mich fragst, brauchst Du das Buch auch weiterhin nicht anrühren :breitgrins:
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Tamiami

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Re: Andrej Kurkow - Picknick auf dem Eis
« Antwort #10 am: 25. Januar 2009, 01:06:47 »

Oh, bin ganz überrascht, dass dieses Buch bei vielen nicht so gut ankam! Ich habe es gelesen, als ich eine zeitlang in Kiev war und ich konnte die Stimmung in dem Buch gut mit meiner Umgebung verknüpfen. Dieses etwas passive, melancholische "es ist halt so, man kann eh nix ändern" Viele Beschreibungen und Anekdoten kamen mir bekannt und ich dachte ständig "genau so ist es!" Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich ohne meinen Aufenthalt dort das Buch auch als überzogen abgetan hätte bzw. mir viele Gegebenheiten (ich sage nur: Joghurt!) gar nicht aufgefallen wären.

5ratten

Für mich ein tolles Buch trotz den blöden Covers, aber der Pinguin reißt es wieder raus. Ich habe erst durch diesen Thread erfahren, dass es noch einen zweiten Teil gibt- den werde ich mir baldmöglichst besorgen!!!
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