
Autor: Andrej Kurkow
Titel: Picknick auf dem Eis
Originaltitel: Smert’ postoronnego
Aus dem Russischen übersetzt von Christa Vogel
Inhalt (Klappentext):Als Tagträumer hat es Viktor schwer im Kiew der Neureichen und der Mafia: Ohne Geld und ohne Freundin lebt er mit dem Pinguin Mischa und schreibt unvollendete Romane für die Schublade. Doch eines Tage bietet ihm der Chefredakteur einer großen Zeitung eine gutbezahlte Stelle an: Viktor soll Nekrologe über berühmte Leute verfassen, die allerdings noch gar nicht gestorben sind. Wie jeder Autor möchte Viktor seine Texte auch veröffentlich sehen, doch erweisen sich die VIPs als äußerst zählebig. Bei einem Glas Wodka erzählt er dem Freund seines Chefs davon. Als Viktor ein paar Tage später die Zeitung aufschlägt, sieht er, dass sein Wunsch beängstigend schnell in Erfüllung gegangen ist.
Meinung:"Picknick auf dem Eis" spielt im Kiew der 1990er Jahre. Nach dem Zerfall der Sowjetunion befindet sich die Ukraine politisch und wirtschaftlich in einem turbulenten Umbruchprozess. Die Bevölkerung leidet unter den Folgen einer galoppierenden Inflation, selbst die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten kann nicht mehr sichergestellt werden kann. Gewalt, Korruption und organisierte Kriminalität gehören zum Alltag.
Unter diesen Umständen ist ein Menschenleben ist nicht viel wert. Und so kommt es, dass in diesem Buch haufenweise bestochen, betrogen und gemordet wird, ohne dass sich so recht jemand dafür zu interessieren scheint. Wenn auf der Straße Pflastersteine fliegen oder Schüsse knallen, geht man eben nichts ans Fenster. Wenn ein Mensch von einer Tretmine zerfetzt wird, ist das kein Grund zur Beunruhigung. 118 ermordete VIPs sind bestenfalls einer flüchtigen Erwähnung wert. Denn schließlich: wer in der Ukraine zu Macht und Reichtum gekommen ist, kann das nur durch unlautere Methoden erreicht haben. Da wird’s dann schon nicht den Falschen getroffen haben. Und hat nicht jeder einzelne schon mehr als genug damit zu tun, sein eigenes Überleben zu sichern?
Und so kümmert sich auch der Schriftsteller Viktor nicht allzusehr um die Machenschaften seiner Auftraggeber. Er verfasst die nachgefragten Nekrologe und sichert damit seinen Lebensunterhalt. Auch nachdem die in seinen Nachrufen genannten Personen nach und nach auf oft mysteriöse Art und Weise das Zeitliche segnen, bleibt er passiv. Die "Planwirtschaft des Todes", deren Handlanger er geworden ist, blendet er aus.
Die ganze Geschichte mutet surreal und vollkommen überzogen an. Schwarzhumorig und skurril. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wo hier die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu ziehen sind. Leider fürchte ich, dass sich viel mehr Wahrheit in diesem Buch widerspiegelt, als man vielleicht zunächst annimmt. Und darum kann ich mich den oftmals zu lesenden Bewertungen wie "hinreißend leicht" (Die Welt) nicht anschließen. Die Geschichte ist ungewöhnlich und schräg, "leicht" oder witzig fand ich sie nicht wirklich. Eher ernüchternd und deprimierend.
Und daran ändert dann auch der Pinguin Mischa nichts. Eher im Gegenteil. Denn Mischa ist ständig traurig und herzkrank obendrein. Und damit fast schon so etwas wie ein alter ego Viktors. Beide sind einsam, jeder auf seine Weise. Und an einer Stelle sagt Viktor dann auch: "Der Pinguin bin ich."
Bewertung:
plus 