Noch niemand hier? Na dann mache ich eben den Anfang. Ich habe mir vorhin, da mein Reclam nicht auffindbar ist, aus der Bib
The New Penguin Shakespeare geholt. Die 45 Seiten Einführung habe ich mir geschenkt, und auch die Anmerkungen werde ich nur vereinzelt lesen. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, aber es macht den Eindruck, dass jede einzelne Zeile kommentiert wurde.


King Lear habe ich vor Jahren schon mal gelesen, erinnere mich aber nur bruchstückhaft daran. Außerdem habe ich vor noch mehr Jahren
Jane Smiley - A Thousand Acres (Tausend Morgen) gelesen, das eine moderne Umsetzung des Lear-Stoffs ist. Damals war mir das wegen mangelnder Vorkenntnisse nicht klar, aber im Nachhinein (also mit der Shakespearelektüre) wurde mir einiges deutlich.



Aber nun zum Drama:
Ich habe
Akt I, Szene I gelesen. Hier geht es gleich in die Vollen: Der alte König will sein Reich an die nächste Generation weitergeben und zettelt dazu einen Wettbewerb zwischen seinen Töchtern an. Die, die ihn am meisten liebt (bzw. ihre Liebe am besten in Worte zu fassen versteht), bekommt das beste Stück des Reiches.
Meine Meinung dazu drückt dieser Smiley gut aus:

. Und erst recht gilt das für Lears Reaktion, als seine bisher am meisten geliebte jüngste Tochter sich weigert, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Sie liebt ihn, so wie eine Tochter eben ihren Vater liebt, aber er ist eben nicht ihr Ein und Alles. Die absolute, uneingeschränkte Liebe, die ihre Schwestern vorgeben, gibt es nicht, sie wäre unnatïrlich.
Das kann Lear nicht verknusen. Sofort vergisst er alles, was bisher war und verstößt Cordelia, was diese erstaunlich gelassen hinnimmt. Es wird schon von verschiedenen Personen im Drama angedeutet, und auch ich habe den Eindruck, dass der König allmählich dement wird und sich nicht mehr von Argumenten leiten lässt. Was ihm in den Sinn kommt, muss geschehen, und das unverzüglich. Jeder Widerspruch ist nicht nur sinnlos, sondern wird auch sofort drakonisch bestraft, was der arme Kent auch zu spüren bekommt.
Für die größte Überraschung in dieser Szene sorgt aber der König von Frankreich. Ich war davon ausgegangen, dass er ebenso wie der Herzog von Burgund reagieren würde, also Cordelia als arme Frau nicht mehr haben wollen würde (und nahm an, es würde sich was zwischen ihr und Kent entwickeln). Aber nein; er scheint tatsächlich mehr an ihr als am Besitz ihres Vaters interessiert zu sein.
Welche Stellung Gloucester und noch mehr sein unehelicher Sohn Edmund haben werden, ist mir noch ein Rätsel. Gut oder böse, das ist hier die Frage.