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Autor Thema: Thomas Bernhard - Der Wahrheit auf der Spur  (Gelesen 122 mal)

MacOss

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Thomas Bernhard - Der Wahrheit auf der Spur
« am: 28. Juni 2011, 21:24:43 »

  Thomas Bernhard (1931-1989)
Der Wahrheit auf der Spur.
Die öffentlichen Auftritte: Reden, Leserbriefe, Artikel

Erstveröffentlichung: 2011
Verlag: Suhrkamp
gebundene Ausgabe
346 Seiten

Eine Sammlung von Interviews und zum Teil bislang unveröffentlichten Schriften, Reden, Leserbriefen und Beiträgen von Thomas Bernhard für Zeitungen und Zeitschriften, abgedruckt in chronologischer Reihenfolge und im Anhang jeweils versehen mit kurzen Anmerkungen zur Veröffentlichung*. Das Buch beginnt mit einem Vortrag aus dem Jahr 1954 anlässlich des 150. Geburtstags von Arthur Rimbaud, und es endet mit einem kurzen Leserbrief aus Bernhards Todesjahr 1989 an die Gmundner Salzkammergut-Zeitung anlässlich der Einstellung einer örtlichen Straßenbahnlinie.

Eine hochinteressante Sammlung, eine wahre Fundgrube für Thomas-Bernhard-Freunde und solche, die es werden wollen, die ihn noch oder noch näher kennenlernen wollen. Das tolle daran ist, dass hier Thomas Bernhard als Thomas Bernhard spricht, und man sich nicht ein Bild von ihm aus den Figuren seiner Stücke und Erzählungen zusammenschustern muss, das wahrscheinlich ohnehin nicht stimmt. Oder nur zum Teil. Bei Bernhard weiß man ja nie. Er trug viele Facetten und Persönlichkeiten in sich.

Das wird gerade in diesem Buch deutlich. Hier lernt man ihn kennen als jungen Schriftsteller, der erst mit seiner steigenden Popularität umzugehen lernen muss, bald schon jedoch vom österreichischen Kulturbetrieb und den österreichischen Kulturschaffenden und den österreichischen Kulturverantwortlichen in immer größerem Maße angewidert ist und seine berühmt-berüchtigten Ausfälle gegen all' diese ihm so verhassten Personen loslässt. Und von diesen Verbalinjurien gegen Staatsvertreter, Politiker, Kleriker, Schriftstellerkollegen und missliebige Feuilletonisten sind hier einige abgedruckt!

Ich muss ja zugeben, dass mich so manches Mal ein unheimliches Vergnügen gepackt hat, wenn Thomas Bernhard seine Schimpfkanonaden - die mit zunehmendem Alter immer heftiger wurden - abfeuerte und dabei alles und jeden niedermähte, der ihm in den Weg geriet, und dabei auch und vor allem vor großen Tieren keine Scheu zeigte. Ganz großartig zum Beispiel seine vernichtende Kritik eines Bildbandes über den damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, diesen "Höhensonnenkönig im Pensionisten-Look". Oder sein Brief an den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aus dem Jahr 1974, in dem er mit knappen, aber deutlichen Worten seinen Austritt aus der Akademie erklärte, just nachdem er erfahren hatte, dass der ehemalige deutsche Bundespräsident Walter Scheel in die Akademie gewählt worden war. Man stelle sich vor: "ein so durchschnittlicher und obskurer Politiker"...! :breitgrins:

Allerdings zeigt sich Bernhard in den Texten nicht nur als der große Pöbler und Staatszersetzer, als der er vor allem in Österreich (und m.W. nur dort) angesehen wurde. Nein, insbesondere in den längeren Interviews in seinem letzten Lebensjahrzehnt zeigt er sich zunehmend versöhnlich und beinahe schon altersmilde.

In einem besonders bemerkenswerten und langen Interview aus dem Jahr 1987 spuckt er mal nicht Gift und Galle, sondern kehrt sein Innerstes nach außen, spricht sehr ausführlich über sich selbst, blickt fast schon abschließend auf sein bisheriges Leben zurück. Und er spricht ausführlich über die kurz zuvor gestorbene Hedwig Stavianicek, die Frau, die ihn mehr als sein halbes Leben lang begleitet hat, die wesentlich älter war als er, die er Anfang der fünfziger Jahre als junger Mann kennengelernt hat, die ihn unter ihre Fittiche genommen und künstlerisch und finanziell unterstützt hat, und die wohl der einzige Mensch war, den er neben sich geduldet hat, der mit seinem schwierigen Wesen klargekommen ist. In Wittgensteins Neffe hat er sie seinen "Lebensmenschen" genannt, offiziell hat er lange Zeit von ihr als "Tante" gesprochen - aber in diesem Interview bezeichnet er sie als das, was sie wohl wirklich für ihn war: seine Freundin.

Mit ihrem Tod, so hat es in diesem Interview den Anschein, hat auch Thomas Bernhard der Lebensmut verlassen. Zwei Jahre später war er tot.

Ein schönes, mitreißendes, erhellendes und schließlich sehr bewegendes Buch und ein absoluter :tipp:

5ratten



* Ein Hinweis für die Sammler der Thomas-Bernhard-Werkausgabe (:winken: Klassikfreund):

Im Nachwort der Herausgeber heißt es:
    "Die Anmerkungen geben Hinweise zum Kontext der Publikationen. Vermerkt werden neben Ort und Datum des Erstdrucks Angaben zur Vorgeschichte bzw. zu den Reaktionen unmittelbar Betroffener. Auf den Versuch, die von diesen Schriften ausgelöste Medienresonanz auch nur annähernd widerzuspiegeln, mußten wir aus Platzgründen verzichten. Eine ausführlicher kommentierte Edition bleibt dem Band 22 der Thomas-Bernhard-Werkausgabe vorbehalten."
« Letzte Änderung: 29. Juni 2011, 17:23:36 von MacOss »
Gespeichert
Auf zu neuen Ufern! :smile: