@tina: Das freut mich sehr, dass dir das Stück gefällt und du jetzt Lust auf die anderen Historien hast. Ich finde die Historien auch großartig und Richard III ist zusammen mit King Lear mein Lieblingsstück.
Ich habe jetzt den zweiten Akt beendet:
Tinas Vergleich mit den trotzigen Kindern im Sandkasten finde ich super. So kommt mir das auch ständig vor und auch die Frauen scheinen da keinen Deut besser zu sein: Man streitet sich, wer am meisten zu leiden hat, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Aber irgendwie auch verständlich, dass niemand niemandem traut.
Die Duchess of York ist übrigens das seltene Beispiel einer Mutterfigur in den Stücken Shakespeares. Shakespeare ist dafür bekannt, dass er Müttern entweder nur geringe Rolle gibt oder sie einfach komplett weglässt und so kommt es, dass sehr wenige Figuren eine Mutter haben und man etwas über die Kindheit erfährt, wie z. B. bei Richard. Richards Kindheit fasziniert mich. Sein Charakter ist voller Widersprüche und man weiß nie, wem man glauben soll: Ist Richard nun zu früh auf die Welt gekommen, wie er im Eröffnungsmonolog behauptet? Oder ist er so langsam gewachsen, wie es seine Mutter sagt? Oder so schnell, wie es scheinbar von anderen behauptet wird? Und wie missgestaltet ist der Körper Richards?
Hier ist noch ein Monolog von Richard aus dem Vorgängerstück, Heinrich VI Teil 3, der sich auch um Richards Körper und seine Behinderung dreht:
Ich such' in einer Schönen Schoß den Himmel,
Mit munterm Anputz schmück' ich meinen Leib,
Bezaubre holde Frau'n mit Wort und Blick.
O kläglicher Gedank', und minder glaublich,
Als tausend goldne Kronen zu erlangen!
Schwor Liebe mich doch ab im Mutterschoß,
Und, daß ihr sanft Gesetz für mich nicht gölte,
Bestach sie die gebrechliche Natur
Mit irgendeiner Gabe, meinen Arm
Wie einen dürren Strauch mir zu verschrumpfen,
Dem Rücken einen neid'schen Berg zu türmen,
Wo Häßlichkeit, den Körper höhnend, sitzt,
Die Beine von ungleichem Maß zu formen,
An jedem Teil mich ungestalt zu schaffen
Gleich wie ein Chaos oder Bärenjunges,
Das, ungeleckt, der Mutter Spur nicht trägt.
Und bin ich also wohl ein Mann zum Lieben?
O schnöder Wahn, nur den Gedanken hegen!
Weil denn die Erde keine Lust mir beut
Als herrschen, meistern, andre unterjochen,
Die besser von Gestalt sind wie ich selbst,
So sei's mein Himmel, von der Krone träumen
Und diese Welt für Hölle nur zu achten,
Bis auf dem mißgeschaffnen Rumpf mein Kopf
Umzirkelt ist mit einer reichen Krone.
Doch weiß ich nicht, wie ich die Kron' erlange,
[743] Denn manches Leben trennt mich von der Heimat;
Und ich, wie ein im dorn'gen Wald Verirrter,
Die Dornen reißend und davon gerissen,
Der einen Weg sucht und vom Wege schweift
Und weiß nicht, wie zur freien Luft zu kommen,
Allein verzweifelt ringt, hindurchzudringen, –
So martr' ich mich, die Krone zu erhaschen,
Und will von dieser Marter mich befrein,
Wo nicht, den Weg mit blut'ger Axt mir haun.
Kann ich doch lächeln, und im Lächeln morden,
Und rufen: schön! zu dem, was tief mich kränkt,
Die Wangen netzen mit erzwungnen Tränen
Und mein Gesicht zu jedem Anlaß passen.
Ich will mehr Schiffer als die Nix' ersäufen,
Mehr Gaffer töten als der Basilisk;
Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
Verschmitzter täuschen, als Ulyß gekonnt,
Und, Sinon gleich, ein zweites Troja nehmen;
Ich leihe Farben dem Chamäleon,
Verwandle mehr als Proteus mich und nehme,
Den mörd'rischen Machiavell in Lehr'.
Und kann ich das, und keine Kron' erschwingen?
Ha! Noch so weit, will ich herab sie zwingen.
In der Theatertradition zählt Richard übrigens zu den so genannten vice figures. Das sind Figuren, die von Grund auf böse sind, aber das Publikum ständig in ihre Pläne einweihen und irgendwie eine immense Anziehungskraft auf die Zuschauer haben. Ein anderes berühmtes Beispiel dafür ist der Joker (also Heath Ledger) aus Batman.