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Autor Thema: Joseph Roth – Radetzkymarsch  (Gelesen 1661 mal)

GeezLouise

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Re: Joseph Roth – Radetzkymarsch
« Antwort #30 am: 30. Mai 2011, 22:13:09 »

Ich habe jetzt bis S. 330 gelesen, also irgendwo in Kap. 18.

Besonders erschreckend fand ich eigentlich die Darstellung der Gedanken und Gefühle des alten Kaisers. Was muß das für eine Belastung sein, auch wenn er es anscheinend mit Humor und einer gewissen Gelassenheit zu nehmen versucht. Aber das Bewußtsein, das Ende einer Ära zu verkörpern und den Untergang der eigenen Welt noch zu erleben, muß eigentlich etwas Beklemmendes haben. Wahrscheinlich kann er das wirklich nur wegen seines Alters ertragen. Und bemerkenswert ist natürlich auch die Gutsherrenart, in der der Kaiser hier vorgeht: Mal eben jemanden befördern, genauso wie er schon die Untersuchung gegen Carl Joseph wegen der Schüsse auf die Demonstranten zur „günstigen Erledigung“ angewiesen hat. So kann eine Institution wie die Armee ja auch nicht vernünftig funktionieren.
Das Kapitel gehört zu meinen Highlights bisher (mit dem Kapitel um Jacques' Tod), wobei ich es auch erschreckend fand. Er schien mir fast wie in Watte eingepackt und vom Rest der Welt abgetrennt zu sein. Drei Stellen sind mir da besonders in Gedächtnis geblieben: Erstens diejenige, dass er häufig vor seiner Umwelt den Unwissenden spielt, das passt schlicht nicht zum Bild, das ich vom Verhalten eines Kaisers habe. Dann diejenige, auf die du anspielst, die Beförderung des Friseurs, vor allem auch wegen der Diskrepanz zwischen der Freude des Kaisers, jemandem etwas Gutes getan zu haben, und dem tatsächlichen Effekt, den es auf den Friseur hat. Und schließlich seine Begegnung mit Carl Joseph.

Und diese Beziehung zu Frau von Taußig? Ist das jetzt von Carl Josephs Seite auch wieder Mutterersatz? Und für sie ein Jungbrunnen? Du meine Güte, das müßte beiden doch eigentlich hochgradig peinlich sein, wenn man sich das Umfeld vorstellt. Ein einziger ausgefallener Besuch wirft Carl Joseph schon in eine Depression, das verrät doch einiges über seinen Charakter.
Das mit dem Mutterersatz habe ich mir auch gedacht. Er sucht sich da wohl immer ähnliche Typen aus einem ähnlichen Grund (wobei ich die Frauen zumindest bei Zustandekommen der "Beziehung" als den aktiveren Part ansehe).
Interessant fand ich das Urteil von Frau von Taußig über Carl Joseph (ich finde leider gerade die Stelle nicht): Dass er schon viel Unglück erlebt, aber nicht daraus gelernt habe.

Die einzige Szene, in der er mir hier richtig gefallen hat, das war bei der Zurückweisung von Onufrijs Geld. Mag sein, daß das Reglement das wirklich verbietet, aber es hätte ja keiner mitbekommen, hätte Carl Joseph es doch angenommen. Allerdings hätte er damit seinen Burschen unter Umständen in ziemliche Probleme gestürzt, so ist es zumindest für diesen auf jeden Fall besser. Und sollte es eine entsprechende Regelung gar nicht geben und Carl Joseph hätte sie quasi aus dem Stehgreif erfunden, so wäre es noch besser, aber das kann ich mir nicht vorstellen, so schnell hätte er sich das sicher nicht ausdenken können.
Onufrij fand ich rührend in der Szene. Aber ich war auch froh, dass Carl Joseph das Geld nicht angenommen hat.

Die Welt des alten Bezirkshauptmanns ist nach dem Tod Jacques' ins Wanken geraten. Er scheint viele Dinge nicht mehr zu verstehen, auch die Meinung von Nechwals Sohn zum Beispiel nicht. Sein Verhalten gegenüber der Haushälterin sorgt bei mir immer für ein leichtes Grinsen, aber es zeigt ja irgendwie auch, dass er bei sich selbst nicht mehr zuhause ist.
Kaum vorstellbar, wie viele Überlegungen hinter den wenigen Zeilen stehen, die er an Carl Joseph schreibt. Seine Gespräche mit Skowronnek und überhaupt die Figur Skowronnek empfinde ich auch als Gewinn, nicht nur für den Bezirkshauptmann, sondern auch für den Leser, weil da einfach mal wichtige Dinge ausgesprochen werden.
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tina

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Re: Joseph Roth – Radetzkymarsch
« Antwort #31 am: 31. Mai 2011, 00:12:06 »

bis zum Ende des Buches

Hallo,

Ich kann mich dem, was ihr geschrieben habt nur anschließen und kann auch nichts weiter hinzufügen.
Ich habe gestern das Buch beendet und ich muss gestehen, dass ich den Schluss etwas verwirrend fand, was die Person von Leutnant Trotta angeht, so dass ich relativ unsicher war was ich dazu schreiben sollte. Das Ende fand ich sehr heftig, die fast bewusste Opferung von Trotta für seine Kameraden. War es eine bewusste kameradschaftliche Entscheidung, war es einfach Ausdruck dass Carl Joseph lebensmüde war, sollte dieses Szenen dennoch seinen Charakter rehabilitieren?
Mir tat es in der Seele weh, wie der Bezirkshauptmann um seinen Sohn trauert und vor allem wenn man bedenkt, wieviel wertvolle Lebenszeit er vergeudetet, als er sich so distanziert zu seinem Sohn verhielt, als dieser ein Kind/Jugendlicher war.
Der Tod von Bezirkshauptmann und Kaiser zur fast gleichen Zeit, war sehr eindrucksvoll geschildert und ich denke es war ein perfekter Abschuss des Buches. Ich bin auf alle Fälle froh, dass der Bezirkshauptmann, wenn auch zu Ende seiner Lebenszeit noch einen so wertvollen und treuen Freund gefunden hat.

Alles in allem fand ich das Buch sehr gut und es hat mit wieder einmal ein Bild von einer Zeit vor Augen geführt, welche mir bisher ziemlich fremd war. Auch die Beschreibung von Umbrüchen, privater wie auch politischer Art, war sehr treffend und regte mich zum nachdenken an.
Vor allem aber, fand ich es unglaublich interessant, dieses Buch mit Euch zu lesen, da ich wieder einmal gesehen habe, wie unterschiedlich Informationen aus einem Buch aufgenommen werden können und die Ansichten Anderer immer wieder einen neuen Wind und neue Gedanken in eine Lektüre bringen. Da soll mal einer sagen, lesen macht einsam.  :zwinker:

Ich bin sehr gespannt auf die Eindrücke von Euch, bezüglich des Endes des Buches.

Liebe Grüße Tina
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Aldawen

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Re: Joseph Roth – Radetzkymarsch
« Antwort #32 am: 31. Mai 2011, 19:59:36 »

Ich bin auch fertig.

Ich habe gestern das Buch beendet und ich muss gestehen, dass ich den Schluss etwas verwirrend fand, was die Person von Leutnant Trotta angeht, so dass ich relativ unsicher war was ich dazu schreiben sollte. Das Ende fand ich sehr heftig, die fast bewusste Opferung von Trotta für seine Kameraden. War es eine bewusste kameradschaftliche Entscheidung, war es einfach Ausdruck dass Carl Joseph lebensmüde war, sollte dieses Szenen dennoch seinen Charakter rehabilitieren?

Das ist in der Tat eine gute Frage, gerade weil er ja zuvor eigentlich seinen Frieden mit sich selbst gemacht hatte. Ich denke, er hat während dieser Wochen und bei seinen Spaziergängen einfach eine andere Sicht auf die Bauern gewonnen und aus denen besteht sein Zug ja vornehmlich. Offensichtlich haben sich seine Wertigkeiten verschoben, das zeigte sich auch an seiner einsamen nächtlichen Aktion, bei der er die drei Gehenkten abnimmt und begräbt. Daher denke ich nicht, daß er sich unbedingt opfern wollte, er hätte den Gang zum Brunnen vermutlich schon lieber überlebt. Aber er fand es wohl sinnvoller, sich selbst in Gefahr zu bringen als seine Leute, vielleicht weil er ihr Leben (oder eher ihre Lebensart?) für wertvoller als sein eigenes hält. Jedenfalls war das eine Aktion, die ihm endlich meine Sympathie eingetragen und mich mit seinem Charakter versöhnt hat, auch wenn man sie für unsinnig halten könnte. Aber ich sehe dahinter wie gesagt nicht unbedingt eine selbstmörderische Tendenz.

Mir tat es in der Seele weh, wie der Bezirkshauptmann um seinen Sohn trauert und vor allem wenn man bedenkt, wieviel wertvolle Lebenszeit er vergeudetet, als er sich so distanziert zu seinem Sohn verhielt, als dieser ein Kind/Jugendlicher war.

Stimmt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist überhaupt sehr interessant. Ich bin bei dem Besuch, den Carl Joseph seinem Vater vor seinem Austritt aus der Armee noch einmal abstattet über einen Satz gestolpert, der das Problem zwischen den beiden – glaube ich – sehr gut einfängt, eine plötzliche Erleuchtung Carl Josephs: „Ich bin alt geworden, er ist nur bejahrt.“ Das ist im Grunde die Fortsetzung von Frau von Taußigs Feststellung, die GeezLouise oben angeführt hatte. Carl Joseph hat, zumindest subjektiv, objektiv könnte man über manches streiten, tatsächlich eine Menge Unglück erlebt, das ihn hat altern lassen, während an seinem Vater einfach nur die Jahre vorbeigezogen sind. Auf dieser Basis ist eine einfache Verständigung auch nicht mehr möglich, die Welten berühren sich nicht mehr.

Die Parallelität der Tode des Kaisers und des Bezirkshauptmanns war wirklich ein geschickter Schachzug, und ich denke, Roth hat seine eigene Einschätzung, sein Fazit dem Doktor Skowronnek in den Mund gelegt: „(...) ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.“

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Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

GeezLouise

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Re: Joseph Roth – Radetzkymarsch
« Antwort #33 am: 31. Mai 2011, 20:34:02 »

Ich bin auch fertig, wir haben es gut getimed. :-)

Ich schreibe morgen nochmal mehr dazu, wollte aber schon mal kurz schreiben, dass mich das Ende dann doch berührt hat. Am Anfang dachte ich, die Figuren würden mich ziemlich kalt lassen, aber so war es dann doch nicht.
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:lesen: Cathy Ytak: Rendez-vous sur le lac

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schokotimmi

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Re: Joseph Roth – Radetzkymarsch
« Antwort #34 am: 31. Mai 2011, 20:44:30 »

Ich habe jetzt bis S. 330 gelesen, also irgendwo in Kap. 18.

Besonders erschreckend fand ich eigentlich die Darstellung der Gedanken und Gefühle des alten Kaisers. Was muß das für eine Belastung sein, auch wenn er es anscheinend mit Humor und einer gewissen Gelassenheit zu nehmen versucht. Aber das Bewußtsein, das Ende einer Ära zu verkörpern und den Untergang der eigenen Welt noch zu erleben, muß eigentlich etwas Beklemmendes haben. Wahrscheinlich kann er das wirklich nur wegen seines Alters ertragen. Und bemerkenswert ist natürlich auch die Gutsherrenart, in der der Kaiser hier vorgeht: Mal eben jemanden befördern, genauso wie er schon die Untersuchung gegen Carl Joseph wegen der Schüsse auf die Demonstranten zur „günstigen Erledigung“ angewiesen hat. So kann eine Institution wie die Armee ja auch nicht vernünftig funktionieren.
Das Kapitel gehört zu meinen Highlights bisher (mit dem Kapitel um Jacques' Tod), wobei ich es auch erschreckend fand. Er schien mir fast wie in Watte eingepackt und vom Rest der Welt abgetrennt zu sein.

Die Stelle mit dem Kaiser war auch meine Lieblingsstelle - es war auch die, welche ich in meinen Andeutungen gemeint habe - wie der Kaiser nicht mehr zuordnen konnte, wer nun die Bitte vorgetragen hat, der Held von Solferino oder dessen Nachfahre?!
Ich frage mich immer wie so mächtige Leute wie ein Kaiser (oder Alexander der Große oder ein Kaiser im Röm. Reich) wohl wirklich ticken, wie sie den Überblick behielten - hier fand ich das so toll und glaubwürdig geschrieben, dass mich die Szene lange beschäftigte.

Schön geschrieben fand ich auch die Szene, wo an der Grenze das Fest als Probe fürs nächste Jahr gefeiert wird und dann "unterbrochen" wird...

Carl Josephs Tod war wirklich passend, ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er sich umbringen wollte - er wollte wirklich "helfen". Er hat einen Wandel durchgemacht, und trotzdem gab es nach dem Krieg nicht wirklich eine Alternative.

Schön, dass ihr mir die Lektüre in Erinnerung gerufen habt - wirklich ein tolles Buch.

Grüße
schokotimmi
Ich fand das Ende übrigens auch
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