Außerdem finde ich, man muss die Zeit beachten, in der der Autor gelebt hat. Dass Tolstoi in "Anna Karenina" darüber philosophiert, dass Bauern und Handwerker stets beaufsichtigt und angeleitet werden müssten, da sie sonst alles falsch machen würden, finde ich nicht schlimm. Diese Meinung passt einfach in die damalige Zeit. Würde das heute ein Autor von sich geben, hätte ich wohl wenig Verständnis dafür.
Schon, aber da tust du Tolstoi unrecht! Der war ein ziemlicher Freidenker, und zwar einer, der sich gegen die miserablen Lebensumstände der Bauern einsetzte. Man darf halt Aussagen von Figuren nicht mit denen ihrer Autoren verwechseln, wenn Tolstoi's Meinung in einer reflektiert wird, dann am ehesten wohl in Pierre aus "Krieg und Frieden" (dem Reformer, der seinen Bauern Schulen baut... ). Andere Äußerungen von Charakteren zeigen nur den gesellschaftlichen Konsens und werden angeprangert.
Bei mir ist es ja nichts Neues: Ich stelle an Autoren die gleichen Anforderungen wie an meine Umgebung, d.h. mit Rassisten, Homophoben, Faschisten und jederlei rechtem Gesocks will ich nichts zu tun haben. Nicht immer ist es leicht, das herauszufinden, aber wenn es geht, versuche ich es vorher und nie wird es mir egal sein, wenn ich es nachher herausfinde. Immer wieder komme ich zu dem Schluss: Es gibt so viel Literatur, die von Menschen mit nicht bedenklichem Hintergrund geschrieben wurde, dass ich selbst die nicht in einem Leben lesen könnte. Ich glaube nicht, dass mir das Beste entgeht, wenn ich die rechten Schweine aussortiere.
Und: Rassismus etc. fällt für mich
nicht unter "Meinungsfreiheit", weil es menschenverachtend und schlicht nichts ist, worüber sich diskutieren lässt. Ich toleriere Intoleranz nicht!
Letzten Endes ist es eine Konsequenz, die zu meiner Überzeugung gehört. Und ja, Aldawen, ich gehe auch nicht zu dem Fleischer in meiner Stadt, von dem ich weiß, dass er ein mieser kleiner Rassist ist.
Und so schwer ist das eigentlich nicht, und selten eine Einschränkung. Weil es natürlich auch so ist, dass mir Kunst von politisch verwerflich Denkenden oft schlicht nicht gefällt. Die machen nicht die Musik, die ich gern höre, die malen nicht die Bilder, die ich mir gerne ansehe, und die schreiben nicht die Bücher, die ich gerne lese. Die sieben sich selbst meist ganz natürlich aus.

Es ist schon erstaunlich wie selten da Ausnahmen entstehen, und ich kann mit den meisten leben.
(Das kann man vom Fleisch nicht behaupten, bei dem schmecke ich ganz selten, wer es geschlachtet hat

)
Alles andere, flegelhaftes Benehmen, Drogenkonsum, Alkoholexzesse, Lotterleben, etc. pp. ist mir egal. Das soll doch bitteschön jeder selber wissen, wie er leben will.