Steinunn Sigurðardóttir – Der Zeitdieb

Verlag: rororo
Erscheinungsjahr: 2003 (2. Auflage 2006)
Erscheinungsjahr der isländischen Originalausgabe: 1987
Seitenzahl: 192
Buchrückentext:Alda aus Reykjavik ist eine kluge und selbstbewusste Frau. Sie hat schon viele Herzen gebrochen, als sie in Anton schließlich ihren Meister findet. Nach einer kurzen und heißen Affäre lässt er sie fallen, und Alda weiß mit einem Mal: So ist das, wenn der andere geht, aber die Liebe bleibt. – „Der Zeitdieb“ ist eine Geschichte über die Krankheit Liebe, federleicht erzählt, aber mit einer Intensität, die den Leser nicht loslässt.
Inhalt: Alda ist eine 37-jährige, begehrenswerte und sehr von sich selbst überzeugte Lehrerin aus Reykjavik. Ihr Liebesleben ist unstet, sie hat zahlreiche Affären hinter sich und gedenkt nicht, sich auf ewig zu binden. Finanzielle Probleme sind ihr fremd, denn sie hat von ihren gut situierten Eltern ein Vermögen und einige Häuser geerbt. In einem dieser Häuser lebt sie zusammen mit ihrer Schwester Alma und deren Tochter Sigga, ganz nahe am Meer.
Doch eines Tages geschieht es – Alda verliebt sich rettungslos in Anton, einen jüngeren, verheirateten Lehrerkollegen. Mit diesem verbringt sie eine wunderschöne Zeit, die jedoch nur einhundert Tage lang währt. Denn dann wird sie vom Geliebten verlassen und muss ihr Leben fortan in Sehnsucht nach ihm verbringen…
Meine Meinung:„Der Zeitdieb“ ist ein berührendes Buch über eine verlorene Liebe und darüber, was das Verlassenwerden in einem Menschen auslösen kann.
Alda fungiert hier als Ich-Erzählerin und ihre Geschichte erzählt sie uns in der Gegenwartsform. Der Roman ist in relativ kurze Kapitel eingeteilt, die mit jeweils passenden Überschriften versehen sind, welche Neugier auf das Kommende wecken.
Alda ist in der Männerwelt heiß begehrt und wird sowohl im Lehrerkollegium als auch unter den Schülern angehimmelt. Sie ist kein Kind der Traurigkeit, und so stürzt sie sich in eine Affäre nach der anderen, aber niemals sind Gefühle mit im Spiel. Folglich bleibt es nicht aus, dass sie unzählige Männerherzen bricht. Alda ist eine oberflächliche und etwas selbstverliebte Frau. Ein Leben im Luxus ist ihr sehr wichtig und sie verreist häufig und gerne. Als der neue Geschichtslehrer Anton in ihr Leben tritt, will sie sich zunächst gar nicht eingestehen, dass sie sich Hals über Kopf verliebt hat. Und doch kann sie bald an nichts anderes mehr denken und verfällt ihm schließlich. Die beiden Kollegen stürzen sich in eine Affäre, die für Alda jedoch ganz anders ist als diejenigen davor. Zum ersten Mal empfindet sie Liebe für einen Mann, sie hat den Wunsch, ihr Leben mit ihm zu verbringen. Nach einhundert Tagen jedoch verlässt Anton sie, was ihr schier das Herz zerbricht. Ihre Liebe zu Anton lässt sie nicht mehr los.
Der Roman hat relativ wenig an Handlung zu bieten. Vielmehr legt die Autorin den Fokus auf die Beschreibung von Aldas Gefühlen und Gedanken zu dieser verlorenen Liebe. „Der Zeitdieb“ ist durchzogen von tiefgründigen Gedanken über die Liebe, die Partnerschaft, über Familie, das Älterwerden und das Leben an sich. So überträgt sich Aldas Weltschmerz auf den Leser und es fiel mir nicht schwer, mit ihr zu fühlen. Dennoch vermochte ich nur schwer mit der Hauptfigur warm zu werden, war sie mir doch etwas zu sehr von sich selbst überzeugt und zuweilen erscheint sie mir auch sehr herzlos. Als Sympathieträgerin würde ich sie jedenfalls nicht bezeichnen. Die Nebencharaktere bleiben blass und erscheinen nur in Konturen, was vermutlich von der Autorin so beabsichtigt ist, da einzig Aldas Gefühlswelt im Mittelpunkt stehen soll.
Ein wichtiger Aspekt des Buches ist die Geschichte von Aldas Familie. Ihr Vater und ihre Mutter sind längst verstorben, jedoch ist die Einrichtung in ihrem Elternhaus seit ihrer Kindheit unverändert. Weder Alda noch ihre Schwester Alma haben das Haus ihrer Eltern seit deren Tod verlassen, sie wohnen seither zusammen, allerdings in verschiedenen Stockwerken. Später im Buch trifft die Schwestern ein weiterer schwerer Schicksalsschlag. Ein anderes zentrales Thema des Buches ist das Älterwerden, die Einsamkeit im Alter und die Angst davor. Alda richtet ihr ganzes Leben auf diesen Mann, auf ihre verlorene Liebe aus und so ziehen die Jahre an ihr vorbei, indem sie ihm nachtrauert und sich nach ihm verzerrt.
In ihrer eindringlichen, intensiven und poetischen Sprache schildert die Autorin Aldas Leiden und ihre fortwährenden Gedanken an ihren verflossenen Geliebten. Dabei bedient sie sich verschiedenster Stilmittel. So finden sich in diesem Roman Passagen in lyrischer Form, Briefe an Anton, die Alda an ihn verfasst und nicht absendet, ein Dialog in Dramaform und nicht zuletzt natürlich viele Bilder und Metaphern. Diese abwechslungsreiche Gestaltung sorgt für eine unglaublich dichte Atmosphäre, die Emotionen der Protagonistin werden dem Leser sehr überzeugend und glaubwürdig vermittelt. Das Buch verlangt es, aufmerksam gelesen werden, denn die Autorin bedient sich gerne längerer und teils auch verschachtelter Sätze. Aber auch Ellipsen scheint sie zu mögen. Etwas erschwert wird die Lektüre durch das Fehlen von Anführungszeichen, so dass sich Dialoge nicht immer problemlos erkennen lassen.
Interessant fand ich auch, dass Alda manchmal von sich selbst in der dritten Person spricht. Dies hat sicherlich eine bestimmte Bedeutung, die mir aber noch nicht klar geworden ist.
Das Buch spielt in Island und bietet einen schönen Einblick in die faszinierende Kultur und die Lebensweise der Isländer. Oft tauchen stilvolle Naturbeschreibungen und –metaphern auf, welche versuchen, dem Leser die Schönheit der Natur in dem nordischen Land zu vermitteln. Im Grunde strahlt das ganze Buch die Kälte, aber auch den Zauber Islands aus. Einige isländische Begriffe sind (zumindest in der deutschen Übersetzung) in kurzen Fußnoten erklärt, wofür ich recht dankbar war.
Fazit: „Der Zeitdieb“ ist ein ruhiges und nachdenkliches Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Zwar bietet es wenig Handlung, dafür aber eine ausgefeilte und kunstvolle Sprache und faszinierende Gedankenspiele einer Frau mit gebrochenem Herzen. Ich würde es jedem, der tiefgründige Bücher mag, empfehlen.
