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Autor Thema: Margaret Atwood - Der Report der Magd  (Gelesen 7399 mal)

Aeria

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« am: 25. Juni 2005, 00:56:50 »



"Der Report der Magd" von Margaret Atwood

Im religiös geprägten fiktiven Land Gilead sind fast alle Frauen unfruchtbar geworden. Die wenigen fruchtbaren Frauen werden als Mägde eingesetzt, sprich: als Gebärmaschinen. Neben den Mägden gibt es noch die Ehefrauen und die "Marthas" - Dienerinnen, ich würde sie sogar als Sklavinnen bezeichnen.
Die Magd Desfred wird einem Ehepaar zugeteilt, das die Erlaubnis bekommen hat, ein Kind zu zeugen. Monat für Monat muß sie "die Zeremonie" - den Geschlechtsakt - über sich ergehen lassen, im Beisein der Ehefrau. Dabei steht sie unter Druck, denn wird sie nicht schwanger, droht ihr die Verbannung in die gefürchteten Kolonien.
Die restliche Zeit verbringt sie damit, zu den öffentlichen Hinrichtungen oder einkaufen zu gehen. Und über die Vergangenheit nachzudenken. Sie denkt an ihren verschwundenen Ehemann, an die Tochter, die man ihr wegnahm, sie trauert um die verpassten Gelegenheiten, um Dinge, die sie früher nicht genug zu schätzen wußte.
Und sie hofft auf eine bessere Zukunft, auch wenn sie weiß, dass diese wahrscheinlich niemals kommen wird.

Nach "1984" und "Fahrenheit 451" war "Der Report der Magd" mein drittes anti-utopisches Buch. Es hat mir viel besser gefallen, als die beiden ersten. Es ist realistischer, erschreckender, hoffnungsloser. Es stimmt einen sehr nachdenklich und sehr traurig.

Der totalitäre Staat Gilead, der von religiösen Fundamentalisten errichtet wurde, ist eine äußerst düstere Zukunftsvision. Margaret Atwood lässt im Roman hier und da ein paar Andeutungen fallen (manchmal auch mehr), wie es zu dieser Staatsgründung kommen konnte - und man kauft es ihr ab.

Die Zeit, in der die Handlung spielt, liegt in nicht allzu ferner Zukunft, denn Desfred erinnert sich noch gut an eine Welt, die der unseren ähnlich ist. Gerade das kommt einem wie eine Warnung vor.

Den Schluß hätte ich mir ein bißchen weniger offen gewünscht, aber dann hätte er wahrscheinlich gar nicht zu dem Roman gepasst.

 5ratten

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Aeria
« Letzte Änderung: 16. August 2006, 09:15:17 von nimue »
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Bartlebooth

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Gilead
« Antwort #1 am: 25. Juni 2005, 10:28:40 »

Hallo Aeria,

Der Report der Magd war seinerzeit meine erste Beruehrung mit Atwood und ich habe mich gefreut, hier deine Zusammenfassung zu lesen.
Eine Anmerkung: Der Staat Gilead ist zwar fiktiv, wird aber deutlich als Nachfolgegebilde der USA gekennzeichnet. Atwood beweist also - vor dem Hintergrund der immer staerkeren Bedeutung, die in den USA heute, 20 Jahre nach Erscheinen des Buches, der religioese Fundamentalismus bekommt - eine geradezu prophetische Gabe (vielleicht ist das fuer eine Kanadierin auch einfacher; ich war von der Dimension der religioesen "Wende" seit Bush jedenfalls ueberrascht).

Gruesse, B.
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Aeria

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Re: Gilead
« Antwort #2 am: 25. Juni 2005, 13:08:04 »

Zitat von: Bartlebooth
Eine Anmerkung: Der Staat Gilead ist zwar fiktiv, wird aber deutlich als Nachfolgegebilde der USA gekennzeichnet.


 :redface:
Ja, hätte ich vielleich dazuschreiben sollen.

Beim Lesen des Buches hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, genauso könnte die Zukunft aussehen. Es ist so verdammt realistisch.

***
Aeria
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Alfa_Romea

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #3 am: 25. Juni 2005, 14:41:02 »

Hi!

Das klingt so interessant, dass ich das Buch gleich mal auf meinen virtuellen SUB schieben werde.

Danke für die Rezi, Aeria!

Gruss

Alfa Romea
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Papyrus

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #4 am: 25. Juni 2005, 15:47:56 »

Hallo Aeria,

danke für die schöne Rezi.
 Da ich eh vor meinem Regal stand um ein neues Buch aus meinem SUB zu wählen, habe ich mich nun für dein o.g. entschieden.

Eine weitere Dystopie von M. Atwood liegt auch noch auf meinem SUB:
"Oryx und Crake", kennst du das Buch vielleicht auch?
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Aeria

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #5 am: 25. Juni 2005, 15:58:11 »

@Papyrus
Nein, kenne ich leider nicht. "Report der Magd" war mein erstes Buch von Margaret Atwood, andere sind mir ganz unbekannt.
Bei Gelegenheit werde ich aber nach "Oryx und Crake" suchen  :zwinker: .

***
Aeria
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whiskers

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #6 am: 05. Januar 2006, 17:28:02 »

Mich hat das Buch auch beeindruckt.
Alleine schon die Vorstellung, nicht mehr lesen zu duerfen. :entsetzt:
Aber das ist ja nur eines der geringeren Uebel, die man vor allem als Frau in diesem Staat ertragen muss.
Margaret Atwood hat die Gedanken - und Gefuehlswelt von Offred sehr gut beschrieben, so dass man sich gut in die Geschichte einfuehlen konnte. Es ist ziemlich duester und hoffnungslos geschrieben. Passend zu einer Zeit, in der jeder unter strengster Kontrolle eine Funktion zu erfuellen hat.

Zitat von: Aeria
Die Zeit, in der die Handlung spielt, liegt in nicht allzu ferner Zukunft, denn Desfred erinnert sich noch gut an eine Welt, die der unseren ähnlich ist. Gerade das kommt einem wie eine Warnung vor

Ja, der Gedanke ist wirklich sehr beunruhigend. Aber irgendwie uebersteigt das meine Vorstellungskraft. Vor allem, weil die USA sehr gross ist und so ein extremer Wechsel bestimmt nicht einfach zu bewerkstelligen waere. Hoffe ich... :rollen:
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sandhofer

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Re: Gilead
« Antwort #7 am: 05. Januar 2006, 17:51:07 »

Hallo zusammen!

Zitat von: Bartlebooth
[...] vor dem Hintergrund der immer staerkeren Bedeutung, die in den USA heute, 20 Jahre nach Erscheinen des Buches, der religioese Fundamentalismus bekommt - eine geradezu prophetische Gabe (vielleicht ist das fuer eine Kanadierin auch einfacher; ich war von der Dimension der religioesen "Wende" seit Bush jedenfalls ueberrascht).

Ich kenne das Buch ehrlich gesagt nicht, kann jetzt aber ebenso ehrlich gesagt "religiösen Fundamentalismus" nicht mit nicht nur toleriertem, sondern sogar vorgeschriebenem ausserehelichem Geschlechtsverkehr in Verbindung bringen. Da scheint mir eine Grundvoraussetzung des Buches zu "klemmen".

Das Abdriften der USA in eine religiös-fundamentalistische Diktatur hat übrigens schon Heinlein in seiner "Future History" vorhergesagt, auch wenn er diese Diktatur nie "von innen" beschrieben hat.

Last but not least: Nein, Bush hat mich nicht überrascht.

Grüsse

Sandhofer
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Bartlebooth

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Widersprüche in Fundamentalismen
« Antwort #8 am: 06. Januar 2006, 02:15:22 »

Hallo sandhofer,

Zitat
Ich kenne das Buch ehrlich gesagt nicht, kann jetzt aber ebenso ehrlich gesagt "religiösen Fundamentalismus" nicht mit nicht nur toleriertem, sondern sogar vorgeschriebenem ausserehelichem Geschlechtsverkehr in Verbindung bringen. Da scheint mir eine Grundvoraussetzung des Buches zu "klemmen".

Fundamentalismen funktionieren ja nicht zwangsläufig logisch. Es geht vielmehr um eine normierte Auslegung von Texten. So wird im "Report der Magd" der streng reglementierte Beischlaf mit einer Bibelstelle gerechtfertigt (ich kann gerade nicht nachschauen mit welcher, mein "Report" ist im Moment verliehen, und so bibelfest bin ich nicht, dass ich das aus dem Gedächtnis zuordnen könnte), die als Verhaltensmaßstab ausgelegt wird.
Zu dieser Problematik gesellt sich die, dass die Bibel selbst alles andere als frei von Widersprüchen ist, so dass jeder Fundamentalist darin findet, was er gerne möchte. Zu nennen wäre hier als plakatives Beispiel die gleichzeitig mögliche alttestamentarische Rechtfertigung ("Auge um Auge...") bzw. Ablehnung der Todesstrafe (6. Gebot)

Herzlich, B.
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sandhofer

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Re: Widersprüche in Fundamentalismen
« Antwort #9 am: 06. Januar 2006, 09:32:03 »

Hallo zusammen!

Zitat von: Bartlebooth
Fundamentalismen funktionieren ja nicht zwangsläufig logisch.

Aber auch nicht einfach wild. Alle mir bekannten monotheistisch-fundamentalistischen Strömungen halten die Ehe sehr hoch, um nicht zu sagen heilig. Das ist - auch im Sinne einer Kontrolle des ansonsten wild wuchernden Triebs - durchaus nachvollziehbar.

Zitat von: Bartlebooth
So wird im "Report der Magd" der streng reglementierte Beischlaf mit einer Bibelstelle gerechtfertigt (ich kann gerade nicht nachschauen mit welcher, mein "Report" ist im Moment verliehen, und so bibelfest bin ich nicht, dass ich das aus dem Gedächtnis zuordnen könnte), die als Verhaltensmaßstab ausgelegt wird.

Schätze mal, das müsste Abraham gewesen sein, der mit seiner Magd (Hagar?) ein Kind zeugte, da seine eigene Frau Sarah unfruchtbar zu sein schien. Vormosaïsch, also auch für Fundamentalisten nur bedingt als Schriftstelle beiziehbar. (Insbesondere weil die Verwendung von "Martha" darauf hindeutet, dass hier ein  christlicher Fundamentalismus vorzuliegen scheint.) Der  Sohn der Magd wurde dann auch, als die rechtmässige Ehefrau Sarah doch noch schwanger wurde, im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt, zusammen mit seiner Mutter.

Grüsse

Sandhofer
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Bartlebooth

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Re: Widersprüche in Fundamentalismen
« Antwort #10 am: 06. Januar 2006, 11:43:50 »

Hallo sandhofer,

Ja danke, diese Geschichte ist es, nachzulesen in Genesis 16ff.

"Einfach wild" funktioniert auch der Fundamentalismus in Gilead nicht. Atwood entwirft ihn vor einem bestimmten fiktiven Hintergrund: Die Männer sind zum allergrößten Teil unfruchtbar geworden (durch Umweltzerstörung). Zunächst wird in diesem Szenario nun durch einfache Umkehr die Schuld auf die Frauen übertragen (es wird behauptet, sie seien unfruchtbar) - kein sehr ungewöhnlicher Vorgang im Christentum.
In einem zweiten Schritt wird nun nach einer Möglichkeit gesucht, den Männern vor diesem Hintergrund bibelkonform einen Beischlaf mit möglichst vielen Frauen zu ermöglichen. Also rekurriert man auf die Geschichte Abrahams und seiner unfruchtbaren Frau Sara, die ihrem Mann gestattet, mit der Sklavin Hagar zu schlafen, um so Nachkommenschaft zu ermöglichen. Der Rest (die Vertreibung Hagars in die Wüste, der kritische Bezug auf diese Bibelstelle im Brief an die Galater) wird ausgeblendet, weil er für den Zweck nicht relevant ist. Und Willkür in der Auswahl der besonders relevanten Textstellen scheint mir auch ein wichtiger Bestandteil von Fundamentalismen zu sein.

Das Ganze hat also durchaus System und du musst natürlich auch einrechnen, dass wir es mit einem fiktionalen Fundamentalismus zu tun haben, der auf bestimmte Begebenheiten reagiert, die mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Insofern mag es sein, dass heutige, reale Fundamentalismen gewöhnlich die Ehe hochhalten, der fiktionale Fundamentalismus Atwoods operiert mit anderen Variablen und muss so als Fehler im System den nichtehelichen Beischlaf integrieren. Und das zeigt uns doch Atwood: auch eine solche Aufgabe ist mit der Bibel lösbar, wenn man nur die "richtigen" Textstellen gewichtet und die anderen ausblendet.

Herzlich, B.
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sandhofer

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Re: Widersprüche in Fundamentalismen
« Antwort #11 am: 06. Januar 2006, 12:23:15 »

Hallo zusammen!

Zitat von: Bartlebooth
Zunächst wird in diesem Szenario nun durch einfache Umkehr die Schuld auf die Frauen übertragen (es wird behauptet, sie seien unfruchtbar) - kein sehr ungewöhnlicher Vorgang im Christentum.

So weit, so gut. Ja.

Aber nun:

Zitat von: Bartlebooth
In einem zweiten Schritt wird nun nach einer Möglichkeit gesucht, den Männern vor diesem Hintergrund bibelkonform einen Beischlaf mit möglichst vielen Frauen zu ermöglichen.

Da "klemmt" es meiner Ansicht nach nun. Religiöse Fundamentalisten sind durchaus der Meinung, ihre Lebensweise und -ansichten seien die einzig richtigen, die andern seien entweder zu überzeugen oder zu überreden, diese anzunehmen, oder - falls das nicht funktionert - zu vernichten. Gegebenenfalls unter Einsatz des eigenen Lebens. Weil - und hier haben wir ein Grundmerkmal religiösen Fundamentalismus': Es ist nicht das Diesseits, das zählt, sondern das Jenseits.

Wenn Gott also beschlossen hätte, die wahren Gläubigen durch Unfruchtbarkeit zu bestrafen, so hätte ein religiöser Fundamentalismus dies wohl akzeptiert, vielleicht als Vorboten der Apokalypse gesehen. Alternativ hätte die Schuld einer Gruppe Andersgläubiger aufgebürdet und ein Djihad gestartet werden können. Auf keinen Fall hätte man mit irgendwelchen Tricks im Diesseits noch viele Menschen produziert.

Dies wäre eher zu verstehen bei einer rassehygienisch, also auf das Diesseits fixierten Gesellschaft.

Es ist meiner Ansicht nach ein Missverständnis, im weitesten Sinne Darwin'sche, also wissenschaftlich-rationale Überlebensmechanismen bei den religiösen Fundamentalisten zu suchen. Ich gehe soweit, zu behaupten, dass was nach vorliegenden Informationen Frau Atwood in ihrem Buch tut, eine Verharmlosung des Fundamentalismus ist. Es wäre schön, die würden sich so rational weiter fortpflanzen wollen ...

Auch wieder so eine SF, die in den Grundlagen nicht "dicht" ist.

Grüsse

Sandhofer
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Bartlebooth

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #12 am: 06. Januar 2006, 12:55:41 »

Hallo sandhofer,

Zitat
Weil - und hier haben wir ein Grundmerkmal religiösen Fundamentalismus': Es ist nicht das Diesseits, das zählt, sondern das Jenseits.

Da hast du einen Punkt. Zumindest in einer evangelikalen Gesellschaft wie den USA ist diese Konstruktion gewagt. Insofern wäre Gilead ein tendenziell katholischer Fundamentalismus.
Dass alle religiösen Fundamentalismen aufs Jenseits ausgerichtet sind, möchte ich so aber nicht unterschreiben. Man muss zudem noch zwischen der vor sich hergetragenen Ideologie und dem tatsächlichen Verhalten unterscheiden, und da sind wenige Religionen (und auch wenige Fundamentalismen) wirklich konsequent. Wichtig ist hier doch vor allem das öffentliche Bild.
Aber vielleicht habe ich mit "Fundamentalismus" nicht wirklich den ganz treffenden Begriff für den Sachverhalt gewählt, der bei Atwood im Zentrum steht. Vielleicht wäre "Theokratie" besser gewesen, weil in diesem Begriff die notwendige Synchronisierung von Staatsgebilde und religiöser Grundlage besser zum Ausdruck kommt. Ein theokratisch organisiertes Gebilde wird sich nicht selbst zerstören, indem es eine "Strafe" einfach annimmt.

Nebenbei wäre es wirklich eigenartig eine apokalyptische Bestrafung für die wahren Gläubigen anzusetzen. Gerade am Ende der Welt wird doch in den sehr jenseitig orientierten Religionen der "rechte Glaube" belohnt.

Herzlich, B.
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Bartlebooth

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Margaret Atwood - Der Report der Magd
« Antwort #13 am: 06. Januar 2006, 14:21:19 »

Bei weiterem Nachdenken gibt es aber auch evangelikale Bewegungen, die die Vielehe praktizieren (ich glaube zB die Mormonen, wenn mich nicht alles täuscht, gab es da nicht vor wenigen Jahren erst eine gerichtliche Auseinandersetzung in den USA?) und die von Atwood beschriebene Theokratie ist ja auf einer Art Vielehe organisiert, da die Mägde ganz klar einem Mann zugeordnet sind und nicht zur freien verfügung stehen.
Zitat von: sandhofer
Es wäre schön, die würden sich so rational weiter fortpflanzen wollen ...

Du bist da ein wenig einseitig, wenn ich so sagen darf. Der Fundamentalismus besteht ja nicht ausschließlich aus Selbstmordattentätern. Diese sind nur Teil des Systems, das ganz klar auch aufs Diesseits gerichtet ist. Ansonsten könnte man ja Gott die Bestrafung der Ungläubigen überlassen. Aber es geht eben auch um einen Umsturz der diesseitigen politischen Ordnungen. Insofern ist die konsequente Jenseitsorientierung dann doch wieder eigentlich gerade kein Merkmal fundamentalistischer Bewegungen, wenigstens nicht im streng logischen Sinne, dass a b ausschlösse.

Herzlich, B.
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Papyrus

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Re: Widersprüche in Fundamentalismen
« Antwort #14 am: 06. Januar 2006, 14:54:10 »

Zitat von: sandhofer
Hallo zusammen!

Zitat von: Bartlebooth
Zunächst wird in diesem Szenario nun durch einfache Umkehr die Schuld auf die Frauen übertragen (es wird behauptet, sie seien unfruchtbar) - kein sehr ungewöhnlicher Vorgang im Christentum.

So weit, so gut. Ja.

Aber nun:

Zitat von: Bartlebooth
In einem zweiten Schritt wird nun nach einer Möglichkeit gesucht, den Männern vor diesem Hintergrund bibelkonform einen Beischlaf mit möglichst vielen Frauen zu ermöglichen.

Da "klemmt" es meiner Ansicht nach nun. Religiöse Fundamentalisten sind durchaus der Meinung, ihre Lebensweise und -ansichten seien die einzig richtigen, die andern seien entweder zu überzeugen oder zu überreden, diese anzunehmen, oder - falls das nicht funktionert - zu vernichten. Gegebenenfalls unter Einsatz des eigenen Lebens. Weil - und hier haben wir ein Grundmerkmal religiösen Fundamentalismus': Es ist nicht das Diesseits, das zählt, sondern das Jenseits.

Wenn Gott also beschlossen hätte, die wahren Gläubigen durch Unfruchtbarkeit zu bestrafen, so hätte ein religiöser Fundamentalismus dies wohl akzeptiert, vielleicht als Vorboten der Apokalypse gesehen. Alternativ hätte die Schuld einer Gruppe Andersgläubiger aufgebürdet und ein Djihad gestartet werden können. Auf keinen Fall hätte man mit irgendwelchen Tricks im Diesseits noch viele Menschen produziert.

Dies wäre eher zu verstehen bei einer rassehygienisch, also auf das Diesseits fixierten Gesellschaft.

Nun, auch ein Fundamentalist will auf Erden gut/schön (wie auch immer leben) und auch nicht aussterben,  sonst kann er ja alle "Andersgläubigen" bedauern und alleine aufs himmlische Jenseits warten.

Es geht in dem Buch auch nicht um den Beischlaf und das Vergnügen dabei.
Der S.E.X. oder in diesem Falle der Akt der Fortpflanzung wurde in dem Buch arg pervertiert beschrieben.

@Sandhofer
Mein Tipp zum besseren Buchverständniss: lesen   :winken:
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