So, hier kommen meine abschließenden Gedanken zum Buch.
Aus dem vierten Buch sind mir vor allem folgende Dinge in Erinnerung geblieben:
- Olafur Karason begeht eine Straftat, die eng mit seiner fehlenden Sozialkompetenz zusammenhängt. Er ist nicht in der Lage, zu verstehen, was er falschgemacht hat. Er büßt die Strafe für seine Tat ab, aber ich habe an keiner Stelle den Eindruck, daß er aus dieser Strafe etwas gelernt hat oder etwa bereut, oder irgendein Gefühl dafür zeigt, was er dem Mädchen angetan hat. Das heißt, er weiß schon, daß er etwas Ungesetzliches getan hat, denn er versucht ja, das Mädchen dahingehend zu beeinflussen, daß sie nichts sagt - zum Glück ist sie dazu zu dumm. Und er leugnet mit einer Geschicklichkeit, die gar nicht zu seinem sonstigen sozialunfähigen Verhalten passen will, die mir aber weiter vorne im Buch schon einmal unangenehm aufgefallen ist. In solchen Momenten ist mir Olafur Karason richtig, richtig unsympathisch!

Denn: hier denkt er nur an sich selber und nicht seine Mitmenschen - wo bleibt sein vielgerühmtes Mitleid aus dem vorigen Buch?
- Das Thema Schönheit/Unsterblichkeit.
Auf der einen Seite ist damit die Schönheit des Himmels gemeint, die ich als Schönheit der Natur auffasse, und die Olafur erfährt und bedichtet. Zum anderen die Schönheit von Menschen, in diesem Fall Frauen, die für Olafur ein Grund ist, diese schönen Frauen zu lieben. Daran stört mich, daß Schönheit hier als hinreichende Ursache für Liebe auftritt, was ich ziemlich oberflächlich finde. Zum Beispiel das Mädchen auf dem Boot, das er Bera nennt: er sieht sie und verliebt sich in sie... soweit so gut, aber zu richtiger Liebe gehört schon noch ein bißchen mehr. Das aber wird Olafur nie erfahren, weil Verantwortung für ihn ein Fremdwort ist. Schon allein die Tatsache, daß er sie "Bera" nennt, bringt mich auf die Palme. Offenbar ist das gar nicht ihr wirklicher Name. Ihr richtiger Name interessiert ihn gar nicht - das heißt, als Person ist sie ihm völlig egal. Er liebt nicht sie, sondern ein Bild, das er sich von ihr macht. Ich frage mich, ob seine Beziehung zu diesem Mädchen nicht auch an Mißbrauch grenzt...Ist Schönheit ein Grund, gleich alles Schöne haben zu müssen? Das ist jedenfalls kein erwachsenes Verhalten und letztlich zerstört Olafur die Schönheit dadurch (das Mädchen starb - und ich gehe mal so weit, Olafur hierfür eine Mitverantwortung zu unterstellen, auch wenn ich weiß daß das gewagt ist, aber die Idee könnte einem immerhin kommen).
Übrigens frage ich mich auch, wer der Vater von Helgas Kind ist (von dem zweiten). Ist Olafur nicht auch öfters da oben in den Bergen herumgestiegen? Vielleicht hat er ja auch dort die Schönheit gefunden.

Ja, Olafur kann die Schönheit genießen und schöne Gedichte darüber schreiben. In dem Gespräch mit Reimar sagt er
"An dem Tage, an dem ich die Schönheit sah, verstand ich plötzlich die Unsterblichkeit." - und:
"Wenn man die Schönheit gesehen hat, hört alles andere auf zu existieren." (
Kap XXIII, bei mir S. 632). Ich sehe das aber durchaus kritisch. Er nimmt die Schönheit allzuwichtig. Die Frau, die er auf dem Friedhof trifft (
Kap. XVII), hat viel mehr verstanden als er:
"Wenn du denen in die Augen siehst, die du liebst, verstehst du, daß es keinen Tod gibt." - "Die Schönheit selber wohnt in den Augen derer, die du liebst, und sie kann nicht erlöschen." Für sie ist Liebe die Ursache von Schönheit. Für Olafur ist es genau andersherum. Ich stehe da eher auf seiten der Frau.
Hier komme ich nochmal auf die Frage zurück, wieviel Toleranz die Gesellschaft mit Menschen wie Olafur Karason aufbringen sollte. Menschen mit Eigenheiten, die zum völligen Versagen in sozialen Belangen führen. Wenn die Gesellschaft genug Ressourcen hat, kann/sollte sie solche Sonderlinge durchaus auffangen und für sie sorgen. Sie bekommt ja auch etwas zurück in Form von Gedichten. Außerdem ist eine Gesellschaft umso humaner, je menschlicher sie die Schwachen behandelt. Für Olafur bedeutet das ein Wechselbad: immer, wenn es den Oberen gerade mal in den Kram paßt, wird er geduldet, gefördert, benutzt. Auf der anderen Seite gibt es schon ein gewisses Mindestmaß an sozialkompatiblem Verhalten, was man von jedem erwarten darf. Und da hat Olafur in dem Moment, als der seine Schülerin mißbrauchte, eindeutig eine Grenze überschritten. Zuvor war er immer gutmütig und nicht aggressiv. Doch an all seiner Gutmütigkeit kam er irgendwann durch sein Nichtverstehen an den Punkt, wo seine soziale Ignoranz Schaden anrichtet. Wer sich aus der Gesellschaft völlig heraushält, ist letztlich für sie nicht mehr von Belang. Hier fällt mir wieder der Satz der Bäuerin ein:
Was nützen alle guten Gedichte, wenn die Dichter schlechte Menschen sind?- Ein immerwiederkehrendes Motiv, das ich auch in diesem Zusammenhang sehe, ist das des unehelichen Kindes oder des Kindes, das verlassen wird. Olafur selbst hat das als Kind so erlebt und es begleitet ihn sein ganzes Leben lang. Letzlich behandelt er seine eigenen Kinder ebenso: er verläßt sie zwar nicht, aber sorgt nicht für sie. Ebenso Vegmeys Kind. Vermutlich sitzt das so tief, daß er gar nicht anders kann.
- Zum Thema Bezug des Buches
Weltlicht auf das dritte Reich. Diesen Bezug sehe ich eigentlich nur an den Stellen, wo versucht wird, Olafur Karasons Dichtkunst für politische Zwecke zu mißbrauchen. Im vierten Buch wird ganz deutlich klargemacht, daß Olafurs Dichtungen nicht für die Tagespolitik taugen, Olafur läßt sich in keiner Weise benutzen (Gespräch mit dem Redakteur in
Kapitel XI). Der Grund dafür liegt allerdings nicht in einer bewußten Entscheidung Olafurs, sondern einfach darin, daß er meistens nicht versteht was man von ihm will und die politischen Zusammenhänge nicht durchschaut. So kann ich sein Verhalten gar nicht richtig anerkennen, eine eigene Entscheidung von ihm in dieser Frage würde ich viel höher schätzen! Aber so ist es eher nur Zufall. Weiter vorne im Buch, als er noch in Svidinsvik lebt, ist es nämlich durchaus noch so, daß er sich benutzen läßt - er versucht zumindest, für Pjetur Dreiroß Gedichte auf Bestellung anzufertigen und läßt sich von ihm als Spion mißbrauchen.
Schön fand ich auch, daß im vierten Buch sich allerhand Kreise schließen. Olafur begegnet seiner Mutter und er begegnet Torunn wieder und es kommen sogar die alten Ereignisse noch einmal zwischen ihnen zur Sprache. Am Ende, als er der gelähmten Bauerntochter den Spiegel schenkt, schließt sich sogar der Kreis zum Beginn des vierten Buches.
Soweit meine Eindrücke zum Buch in ungeordneter Form (ich hoffe mal, das ich das ganze noch in die Form einer lesbaren Rezension bringen kann). Es brauchte ziemliche Geduld, dieses Buch zu lesen, und ich hatte zum Ende hin auch noch eine spektakulärere Wendung erwartet, aber dennoch: das Buch hat mir sehr gut gefallen und all die auflockernden Geschichten über die Eigenheiten der Menschen zwischendrin waren auch jeden Fall eine höchst unterhaltsame Lektüre für mich.

Schade finde ich allerdings, daß die Leserunde zum Ende so zusammengeschmolzen ist, daß nur noch Bettina und ich übrig waren.
Bettina, vielen Dank daß du mit mir durchgehalten hast!
und
Saltanah und
jääkaappirunous, meldet euch doch bitte noch mal kurz und verratet wenigstens, ob ihr das Buch nun zuende gelesen habt oder nicht?
Grüße, kaluma