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Autor Thema: Stig Claesson - Sammelthread  (Gelesen 349 mal)

Saltanah

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Stig Claesson - Sammelthread
« am: 02. Januar 2011, 20:10:35 »

Wie einigen von euch sicher nicht verborgen geblieben ist, schätze ich Stig Claessons Bücher sehr. Leider sind nur sehr wenige seiner über 80 Werke in deutscher Übersetzung erschienen, so dass es eigentlich sinnlos ist, wenn ich euch einige seiner Bücher hier vorstelle. Da sie aber mysteriöserweise immer wieder den Weg auf meine SLW-Listen schaffen - und ich sie noch rätselhaftererweise manchmal auch gar rezensiere - habe ich beschlossen, seinen unübersetzten Werken einen Sammelthread zu gönnen.
« Letzte Änderung: 04. Mai 2011, 16:29:55 von Saltanah »
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Saltanah

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Stig Claesson - Bönder
« Antwort #1 am: 28. Februar 2011, 12:29:36 »

Bönder (1963)

Mal wieder eine Saltanah-Rezi der Kategorie "Rezensionen, die das Forum nicht braucht", da das Buch soweit ich feststellen konnte, in keine Sprache übersetzt wurde und somit nur des Schwedischen oder Skandinavischen Mächtigen zugänglich ist. Da das aber hier doch immerhin einige sind und auf eine Liste zum Thema "Bauernhof" unbedingt ein Buch gehört, dessen Titel Bauern lautet, musste ich es einfach auf die SLW-Liste setzen.

Der Ich-Erzähler, ein Großstadtkind, verbringt als 14-jähriger aus unbekanntem Anlass einen Sommer und Herbst auf dem Lande und erzählt uns von einer sterbenden Welt, der der Klein- und Kleinstbauern, die schon zur Entstehungszeit des Buches 1963 am Verschwinden war. Erzählt wird von Anton, bei dem der Erzähler wohnt, dem Nachbarn Ibert, mit dessen Sohn Nils sich der Erzähler angefreundet hat, und von den anderen Bewohnern der nächsten Umgebung, die zu einem guten Teil mit Anton oder Ibert verwandt, aber auf jeden Fall alle gute Bekannte sind.

Erzählt wird auch von den Ereignissen dieses Sommers und Herbstes, dem Roden eines Waldstückes, dem Wachsen und Ernten des Hafers, dem Tod von Iberts alter Mutter z. B., und vor allem von dem illegalen Krebsfang, der von dem Erzähler und Nils initiiert wurde und an dem sich immer mehr Nachbarn beteiligten.

Dabei scheint immer wieder durch, dass diese Welt so nicht mehr lange bestehen bleiben wird; sie wird mit den allmählich alt werdenden Bauern sterben. Die jüngere Generation geht schon in dem benachbarten Städtchen in die Fabrik zum Arbeiten, da die Landwirtschaft nicht annähernd ertragreich genug ist, um weiter bestehen zu können. Einen Eindruck, wie klein die Verhältnisse sind, bekommt man dadurch, dass sich Anton und Ibert, die ja jeweils einen "Hof" besitzen, einen Ackergaul teilen.

Ein wehmütiger Ton zieht sich durch die gesamte Erzählung - einen Roman möchte ich dieses 95-seitige Büchlein nicht nennen. Dabei wird das Leben der Bauern aber nicht idyllisiert; die Härte des Lebens und der Arbeit und die Scheu der Bauern davor, ihr Leben zu genießen, nur um dann umso stärker von unausweichlichen Schicksalsschlägen getroffen zu werden, wird eindringlich dargestellt. "Das Leben ist Leiden" scheinen die Bauern in fast buddhistischer Haltung zu glauben, und dieses Leben und Leiden gilt es irgendwie zu überstehen.

So erscheint es nicht erstrebenswert, diese Lebenswelt zu erhalten, aber dennoch ist es traurig, dass sie zu Ende geht, so wie es immer traurig ist, wenn etwas unwiderruflich verschwindet, scheint Claesson zu meinen und so setzt er - selbst Stadtmensch - dem Landleben verflossener Tage mit diesem Buch ein Denkmal. Dabei passt er sich stilistisch an die Wortkargheit seiner Protagonisten an. In kurzen Sätzen und ebenso kurzen Absätzen, die oft nur aus einem Satz bestehen, die aber in ihrer Kürze so viel mehr beinhalten als eigentlich dasteht, erzählt er seine Geschichte und trifft mich dabei immer wieder voll ins Herz. Ein Satz wie z. B. "På andra sidan kräftorna väntade hösten" (etwa "Jenseits der Krebse wartete der Herbst"), erweckt in mir in seiner lapidaren Kürze ein Bild des Spätsommers, der bald vergehenden Natur, der Unausweichlichkeit des Schicksals und der Sterblichkeit alles Lebendigen. Ob jemand das so nachvollziehen kann ist fraglich, aber mir egal.

Durch seine kurzen Sätze und die einfache Sprache eignet sich dieses Buch auch gut für Schwedischlernende, die von längeren und komplizierteren Büchern noch überfordert wären.

Dass meine Bewertung nicht besser ausfällt, liegt an der für meinen Geschmack zu langen Schilderung des Krebsfanges. So vergebe ich positive
3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:
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Saltanah

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Stig Claesson - Sanningen och ingenting annat än
« Antwort #2 am: 28. Februar 2011, 12:30:43 »

Sanningen och ingenting annat än (1970)

"Die Wahrheit und nichts als" (so der Titel in deutscher Übersetzung) die Wahrheit will uns Peter Blodström, seines Zeichens Fensterreparatör in einem der Ende der Sechziger wie Pilze aus dem Boden geschossenen neuen Stockholmer Vororte ist, erzählen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Wohnungsnot in Stockholm sehr groß, so dass in den folgenden Jahrzehnten eine Unzahl an neuen Wohnungen gebaut wurde, meist Hochhaussiedlungen weit vor den Toren der Stadt im Grünen. Schnell musste es gehen, billig sollte es sein und so ist es kein Wunder, dass das eine oder andere Fenster (und jede Menge andere Sachen, aber das ist nicht Blodströms Problem) nicht funktioniert. Blodström soll das nun ändern. Er wurde mit einem Haufen Arbeitsaufträge in "seinen" Vorort geschickt und sucht jetzt Wohnung um Wohnung auf und repariert Fenster - oder auch nicht.
Dabei überarbeitet er sich wirklich nicht. Denn in fast jeder Wohnung wird er erst mal zum Kaffee trinken oder Mittag essen eingeladen, in lange, teils philosophische, teils absurde Gespräche verwickelt, und nur ab und zu tut er das, was eigentlich seine Aufgabe ist, manchmal fast gegen den Willen der Bewohner.
Ein wiederkehrendes Thema in den Gesprächen und seinen Gedanken ist dabei der Wunsch nach Freiheit, die Sehnsucht nach einer Insel - gerne in der Karibik - als Gegensatz zum eingesperrten Leben in dem Vorort, in dem die Gitter nur unsichtbar, aber doch vorhanden sind.
Auch der Unterschied zwischen dem Leben in der Innenstadt und den Vororten wird immer wieder thematisiert. Gewachsene versus auf dem Reißbrett geplante Stadt - wobei zwar schon klar ist, was besser abschneidet, Claesson aber doch nie platt wird und auch die Schattenseiten des alten, verfallenen, armen Stockholms hervorhebt.

In typisch Claesson'scher Art dümpelt der Roman mit vielen Variationen seines Themas so vor sich, ohne dass ein Ziel zu entdecken wäre - was aber auch nicht der Sinn der Sache ist. Denn das Leben zumindest in Claessons Fassung ist ohne Ziel, bewegt sich nicht in einer Geraden, sondern Spiralen und gerade das ist es wohl, was mich an seinen Büchern so anspricht. Das in Verbindung mit einem von Melancholie durchtränkten Humor trifft mich immer wieder ins Herz.

4ratten
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Saltanah

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Stig Claesson - Kärlek rostar inte
« Antwort #3 am: 04. Mai 2011, 17:37:58 »

Kärlek rostar inte (1988)

In "Liebe rostet nicht" bekommt der Künstler Viktor Pettersson an einem deprimierenden, schneeregnerischen Märznachmittag, der einem deprimierenden, schneefreien aber umso grauerem und nasserem Winter folgte, unerwarteten Besuch. Ove Magnusson erzählt, seine Firma habe Viktor zu seinem runden Geburtstag beauftragt, ein Portrait von ihm zu malen. Und dazu - er, der von Kunst bisher keine Ahnung gehabt habe, habe sich informiert - müsse ein Künstler sein zu malendes Objekt kennen. Also komme er, Ove, nun zu Viktor, um diesem die Gelegenheit zu bieten, ihn kennen zu lernen.

Viktor weiß zwar von nichts, ist aber zu niedergeschlagen, um zu protestieren und lässt sich von Ove eine Episode aus dem letzten Sommer erzählen: Damals saß er in einem Park, als eine schöne, schwarze Frau vorbeikam und - Wunder über Wunder - Ove ansprach. Es ergibt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf Ove Julia zu deren Großmutter begleitet. Selbstverständlich verliebt er sich unsterblich in Julia, aber die... Nun ja, nach dreieinhalb Stunden nehmen sie voneinander Abschied.

Dies alles bekommt also Viktor zu hören und nur manchmal kommt es in Unterbrechungen dieser Erzählung zu einem Gespräch zwischen den beiden Männern. Dann reden sie über Kunst (das heißt, über Kunst redet auch hauptsächlich der Besucher, wie überhaupt über das meiste), Liebe, Gott und natürlich vor allem das Wetter. Wer bisher dem alten Spruch "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung" Glauben schenkte, wird hier eines Besseren belehrt:
Zitat
Traurig wirkt der fallende Schnee. Er kommt spät und unwillkommen. Es ist schon März.
Gestern hörte ich in der Dämmerung eine Amsel. Ich ging durch den Park zur Post. Es klang kindlich, so als ob jemand in einem sonst leeren Schulsaal Querflöte üben würde.
Einsam klang es. Gott schlief gerade.
Gott schläft seit langem. Wir sind alle müde. Der Winter war bisher schneelos. Es regnet seit Neujahr. Kein Frost ist im Boden, doch fällt seit heute morgen ein unwillkommener Schnee.
So traurig nass. So schwer.
Es ist Freitag.
Gestern war Donnerstag. Da war ich auf der Post. Dann ging ich Kaffeetrinken.

Gegen die Depression, die ein solcher Nicht-wirklich-Winter, auslöst, hilft nur ein "richtiger" Sommer:
Zitat
Welch ein verwunderlich schöner Abend voller Weitsicht. Voller Sommerwärme.
Dieser Abend wird uns durch den nächsten halben Winter helfen, Karlsson. Weit in die Bingosaison hinein.
Ein lieblicher Abend und richtig gute Krabbenbrote.
An diesen Abend werden wir mit seinen kleinen Wolken über Skansen denken, mit der schönen Musik, die vom Tivoli herüberschallt, und mit dem Gelächter von jungen Menschen und dem Verkehr. An die Boote und die Autos werden wir denken und wir werden an alles ohne Schnee und Eis denken. Warm.

Nur sind diese zauberhaften Sommerabende allzu selten, um wirklich ein angemessenes Gegenstück zu den langen, dunklen Wintern zu bieten, meinen Claessons Protagonisten und mit ihnen viele Schweden.

Claesson ist ein hervorragender Wetterschilderer, das habe ich in seinen Büchern schon oft bemerkt. Leider konnte der Rest dieses Buches mich nicht ebenso begeistern. Die im Mittelpunkt stehende "Liebes"geschichte, ist zwar ungewöhnlich genug, um in ein Buch von Claesson zu passen, die Konstruktion mit der Geschichte-in-der-Geschichte, kann mich aber nicht wirklich überzeugen. Vor allem hat sie ein Ziel, das schon allzu früh erraten werden kann, und das Besondere an Claessons Romanen ist ja gerade ihre Ziellosigkeit.

So vergebe ich leicht enttäuschte
3ratten
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